Wirtschaft
«Die altbekannte Masche der Angstmacherei»
Von Chantal Hebeisen. Aktualisiert am 23.08.2012 9 Kommentare
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Es klingt sehr vernünftig und verlockend: «Lassen Sie einen Stellenverlust an sich abprallen», schlägt die We Club GmbH vor. «Mit der ersten Zusatzversicherung ‹Arbeitslosigkeit› neu auf dem Schweizer Markt, schliesst der We Club eine Lücke im Versicherungsbereich.»
Eine Lücke? Eigentlich gibt es ja bereits eine Einrichtung namens Arbeitslosenversicherung (ALV). Eine altehrwürdige Säule des Sozialstaats, deren Geschichte bis 1884 zurückgeht. Doch wie sagt der We Club so treffend? «In der derzeitigen Konjunktur ist es schon schwierig, seine Stelle zu behalten.» Damit spricht er vielen aus dem Herzen. Und mit dem Vertrauen in die Sozialwerke war es auch schon besser bestellt. Ganz abgesehen von den 2010 beschlossenen Kürzungen der ALV-Leistungen.
Wer mehr verdient, bezahlt weniger
Aber was bietet dieser We Club eigentlich an? Er versteht sein neues Produkt offenbar als Ergänzung: «Unsere private Arbeitslosigkeitsversicherung erlaubt Ihnen, Ihren gewohnten Lebensstandard zu halten, damit Sie sich ruhig und gelassen um eine neue Stelle bemühen können!» Empfohlen wird etwa bei einem derzeitigen Gehalt von 5000 Franken eine We-Club-Arbeitslosigkeit-Versicherung für einen monatlichen Betrag von 1500 Franken. Da die offizielle ALV im Schnitt ja nur gut 70 Prozent des Lohnes versichere. Erhältlich sind beim We Club aber Versicherungen für monatliche Beiträge von 500, 1000, 1500, 2000, 3000 und 5000 Franken.
Und was kostet der Spass? Das kommt auf das Jahreseinkommen an. Unter 100'000 Franken brutto zahlt man 438.20 Franken Jahresprämie für einen monatlichen Unterstützungsbeitrag von 500 Franken. Für monatlich 5000 Franken beträgt die Jahresprämie praktisch zehnmal mehr: 4381.80 Franken. Wer über 100'000 Franken im Jahr verdient, zahlt übrigens weniger als die Hälfte Jahresprämie: 219.10, respektive 2190.90 Franken. Der Vertrag läuft jeweils über ein Jahr, kündbar innerhalb einer Dreimonatsfrist.
«Wir haben ein Bedürfnis erkannt, die 20 bis 30 Prozent auszugleichen»
Gestern machte der We Club diese «Schweizer Premiere» im Versicherungswesen per Communiqué schweizweit bekannt. Doch nicht nur sein neues Angebot war bisher unbekannt, auch den We Club selber kennt keiner. Beim Schweizerischen Versicherungsverband jedenfalls kennt man ihn nicht, wie Sprecherin Selma Frasa-Odok erklärt. Auch Medienberichte über den We Club gibt es keine. Bleibt nur die We-Club-Webseite: Als GmbH sei man eine nach schweizerischem Recht im Handelsregister eingetragene Gesellschaft, heisst es dort. Das stimmt, verrät das Handelsregister: am 6. Januar dieses Jahres in Freiburg eingetragen, der Geschäftsführer heisst Laurent Jaquier. Das GmbH-Stammkapital beträgt die üblichen 20'000 Franken.
Auf der Webseite allerdings findet man viel Werbetext und Werbefotos von Mustermitarbeitern und -kunden. Kein Foto von Herrn Jaquier. Kontaktperson für Medien ist Christian Nussbaumer, Marketing Manager Deutschschweiz und Leiter des Backoffice. Er erklärt zunächst, warum man weniger zahlt, je mehr man verdient: «Wir haben bei unseren Beratungen festgestellt, dass es ein Bedürfnis gibt, die 20 bis 30 Prozent Differenz auszugleichen, die durch die reguläre Arbeitslosenversicherung entsteht. Leute, die ein Salär von über 100'000 Franken haben, bezahlen deshalb weniger Versicherungsprämie, weil sie bessere Aussichten auf einen neuen Job haben und generell eine höhere Prämie abschliessen.»
Versicherung soll durch Finma geprüft worden sein
Nussbaumer weist auch auf die grösste Einschränkung dieser neuen Versicherung hin: Sie gilt nur für unfreiwillige Arbeitslosigkeit. Und bereits Arbeitslose können sie nicht abschliessen. Ohnehin offenbaren die – nicht ganz einfach zu findenden – Geschäftsbedingungen (AGB) eine Reihe von Einschränkungen: Versichern lassen können sich nur Personen ab 25. Sie müssen eine regelmässige Erwerbsarbeit von mindestens 25 Wochenstunden ausüben, und das seit mindestens sechs Monaten, mit unbefristetem Arbeitsvertrag. Selbständig Erwerbende werden nicht angenommen. Ab Beginn der Arbeitslosigkeit hängt sich der We Club streng an die klassische ALV: Wer deren Reglemente und Vorschriften nicht einhält, kriegt nichts mehr. Das heisst: Auch der We Club verlangt eine Jobsuche. Und: Wer ausgesteuert wird, kriegt auch vom We Club nichts mehr.
Zudem offenbaren die AGB noch etwas anderes: Der We Club ist keine eigene Versicherung, sondern bloss eine Art Vermittlungsagentur. Dahinter steht eine schwedische Versicherung namens Solid, deren Sitz ebenfalls in Freiburg ist. Immerhin, so versichert We-Club-Sprecher Nussbaumer: «Unsere Versicherung ist durch die Finma geprüft worden. Es ist unsere erste eigene Versicherung, die wir anbieten.» Bei der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht Finma weiss man davon nichts: «Der genannte We Club», so antwortet Sprecher Tobias Lux auf die entsprechende Frage, «verfügt über keinerlei Bewilligung der Finma, weder als Versicherungsvermittler noch als Versicherungsgesellschaft.» Das sei aber in gewissen Fällen auch nicht nötig, dann nämlich, wenn ein Vermittler ohnehin mehr als 50 Prozent seines Geschäfts nur mit zwei Versicherern erwirtschafte.
«Die Firma hebt ihre soziale Verantwortung explizit hervor»
Das scheint bei We Club der Fall zu sein. Er vermittelt neben der Arbeitslosigkeits- auch noch eine Rechtsschutz- und eine Reiseversicherung. Unter der Rubrik «Unsere Partner» findet sich allerdings kein Eintrag. Aber an diese Information gelangt man nur auf Umwegen. Und warum erzählt Sprecher Nussbaumer etwas anderes? Dabei rühmt sich der We Club einer «sozialen Berufung». Man beschäftige fast ausschliesslich Personen, die zum Teil gesundheitlich eingeschränkt sind, also IV-Beträge erhalten. Man appelliere «an die Verantwortung aller Unternehmen, Mitarbeiter, welche über eine eingeschränkte Gesundheit respektive eine Behinderung verfügen, einen angepassten Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen», heisst es auf der Webseite weiter.
Das ist alles sehr löblich. Aber Sara Stalder vom Schweizer Konsumentenschutz bleibt dennoch skeptisch: «Die Firma hebt ihre soziale Verantwortung explizit hervor und versucht sich so einen glaubwürdigen Anstrich zu geben.» Den hat sie gemäss Stalder auch nötig: «Gerade für Kleinverdienende mag eine solche Arbeitslosigkeitsversicherung verlockend klingen, doch im Endeffekt haben gerade jene Menschen mehr davon, wenn sie einen Sparbatzen anlegen», sagt sie.
Bereits 100 Personen haben eine Versicherung abgeschlossen
Erst recht stutzig machen sie die AGB: «Dort sind extrem viele Punkte definiert, bei denen die Versicherung nicht bezahlen muss. Zudem haben wir in der Schweiz eine relativ tiefe Arbeitslosenquote, dadurch kommt der Versicherungsschutz wahrscheinlich relativ selten zum Tragen», sagt sie. Warum dann überhaupt dieses Angebot? «Wir haben den Verdacht, dass es sich hier um die altbekannte Masche der Angstmacherei handelt», sagt Stalder. «Zusatzversicherungen sind allgemein die ‹Cashcows› der Versicherer.»
Doch wenn man We Club glaubt, machen bereits über hundert Personen mit: «So viele haben schon seit der Testphase im Juli bei uns eine solche Versicherung abgeschlossen», versichert We-Club-Sprecher Nussbaumer. In Zeiten unsicherer Aussichten darf er darauf zählen, dass es bald mehr werden. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 22.08.2012, 21:56 Uhr
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9 Kommentare
Nur schon die Tatsache, dass es sich um eine GmbH mit lächerlichen 20'000 Tausend Fränkli Kapital handelt, sollte den gesunden Menschenverstand einschalten lassen. Es macht vermutlich mehr Sinn, im Bedarfsfall einzelne Budgetposten wie Kreditraten über eine sogenannte Live Style Protection Versicherung absichern zu lassen. Antworten
Wenn man da ein bisschen rechnet: Bei 100 Versicherten mit 500.--pro Monat und knapp 50000 Prämieneinnahmen braucht es 8 Arbeitslose davon bis das Geschäft in die Verlustzone kommt, rechnet man die Verwaltunskosten und Infrastruktur noch weg, würden weniger als 5% reichen - und die Versicherungsnehmer sind ja eher die Gefährdeten ..bei 20'000.-- Gesellschaftskapital ist WeClub schon bald pleite Antworten
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