Wirtschaft
Die Versicherer beraten ungenügend
«Von einer Beratungspflicht halte ich wenig»: Hato Schmeiser leitet das Institut für Versicherungswirtschaft an der Universität St. Gallen.
Mit Hato Schmeiser sprach Erich Solenthaler
Herr Schmeiser, was sagen die Stornoquoten über die Beratungsqualität einer Versicherungsgesellschaft aus? Wäre es sinnvoll, dass die Stornoquote veröffentlicht werden müsste?
Da die Gründe für Storni sehr unterschiedlich sind, ist ein Rückschluss auf die Beratungsqualität nicht leicht möglich. Auf Kundennachfrage wäre es schon gut, wenn der jeweilige Versicherer hierzu Stellung beziehen würde. In jedem Fall soll sich der Kunde darüber im Klaren sein, dass die klassische gemischte Kapitallebensversicherung durchgehalten werden sollte, um eine optimale Performance zu liefern. Frühe Storni sind aus Kundensicht häufig nachteilig.
Es steht der Vorwurf im Raum, dass vorzeigte Kündigungen für die Versicherungen ein gutes Geschäft sind, weil die Rückkaufswerte so tief angesetzt sind?
Nein, frühe Storni sind eher ein Nachteil für Versicherungen. Nur die Vermittler verdienen daran, sofern es keine ausreichende Rückzahlungsvereinbarungen für die Vermittlercourtage gibt.
Sie die Rückkaufswerte zu tief?
Kaum, denn wenn das der Fall wäre, entstünde schnell ein Zweitmarkt für Lebensversicherungen. Solche Zweitmärkte gibt es in vielen Ländern, meines Wissens jedoch nicht in der Schweiz. Wo es sie gibt, befinden sich die Zweitmarktfirmen teilweise in Schwierigkeiten. Das zeigt, dass man an den Rückkaufswerten nicht viel verdienen kann. Zudem kann die Finanzmarktaufsicht einschreiten, wenn die Rückkaufswerte im Einzelfall ungebührlich tief angesetzt werden.
Und tut sie dies auch?
Vermutlich schon, denn sonst würde sie von Anfragen der Versicherungskunden überrannt. Sie können ja Rückkaufofferten von der Finma prüfen lassen.
Deutschland hat die Rückkaufswerte staatlich reguliert. Wäre das für die Schweiz eine Lösung?
In Deutschland besteht nun die Gefahr, dass die Regulierung der Rückkaufswerte nach oben sich negativ auf die Erlebensfall- und Todesfallleistungen auswirken wird. Das wäre auch in der Schweiz der Fall, weil der Versicherungsmarkt gesättigt ist und sich an der Effizienzgrenze befindet.
Das neue Versicherungsgesetz auferlegt den Versicherungen eine Beratungspflicht. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Versicherer geben sich viel Mühe, ihre Kunden und deren Bedürfnisse zu verstehen und daher ihre Beratung zu optimieren. Von staatlich regulierten Beratungspflichten halte ich wenig. Dies macht nur die Juristen glücklich, nicht die Kunden. In Deutschland hat die gesetzliche Beratungspflicht im Rahmen der VVG-Reform einen Aufwand von geschätzten 800 Millionen Euro verursacht – ohne dass für mich ein Kundennutzen erkennbar wäre. Der Gesetzgeber sollte einmal auf wissenschaftlicher Basis prüfen, ob der Kunde nun besser informiert ist und cleverere Entscheidungen fällt. Die gigantischen Regulierungskosten trägt der Kunde jedenfalls jetzt schon! Für die Schweiz heisst dies, dass man die Kosten der Beratung kennen und ihre Wirkung überprüfen müsste.
Artikel zum Thema
- Eine Lebensversicherung ohne Gesundheitsprüfung für Personen ab 50!
- Steuerstreit: Schweizer Versicherer verteidigen ihre Anlagevehikel
- Lebensversicherungen – der neue Trick der Steuerhinterzieher
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Lebensversicherungen verkaufen sich im aktuellen Tiefzinsumfeld weniger gut, als dies bei hohen Zinsen der Fall war. Doch es sind auch wenig überzeugende Leistungen und Kommunikationsmängel, die zu den Absatzproblemen bei den einst beliebten Versicherungsprodukten beigetragen haben. In den letzten zehn Jahren nahmen die Prämieneinnahmen aus Lebensversicherungen tendenziell leicht von 31,4 Milliarden auf 29,4 Milliarden Franken ab. Massiv rückläufig war das Geschäft mit Privatkunden, das sogenannte Einzel-Lebengeschäft. Hier sanken die Prämieneinnahmen seit 1998 von 16,4 Milliarden auf 9,6 Milliarden Franken im Jahre 2010.
Branchenkenner führen den Rückgang nicht zuletzt auf eine ungenügende Beratung zurück. Aus diesem Grund würden zahlreiche mit periodischen Prämien finanzierte Versicherungspolicen gegen Bezahlung des Rückkaufwerts vorzeitig aufgelöst (storniert). Bei den fondsgebundenen Lebensversicherungen werde rund die Hälfte aller abgeschlossenen Policen in den darauffolgenden zehn Jahren storniert. Die meisten davon in den ersten fünf Jahren. Die Zeitschrift «Saldo» will bei einer Versicherung sogar eine Stornoquote von 93 Prozent gefunden haben.
Wie oft wird gekündigt?
Vertreter der Assekuranz geben zu, dass viele Kunden ihre Versicherungen vorzeitig auflösen. Oft müssten Sie dies, weil sie in einen finanziellen Engpass gerieten oder weil die Kunden die Schweiz verliessen. Auch Scheidungen und andere familiäre Veränderungen sind ein häufiger Grund. Die Stornoquote sei zudem von der Wirtschaftslage abhängig.
Dass sie 50 Prozent betrage, bestreitet die Versicherungswirtschaft vehement. «Diese Zahl wird zwar seit einigen Jahren als Branchendurchschnitt kolportiert, bei uns liegen die Quoten aber deutlich tiefer», erklären die Pax und die Swiss Life.
Konkreter werden die Axa Winterthur und die National Suisse. Sie nennen Stornoraten von 1,5 bis deutlich unter 3 Prozent. Diesen Angaben liegt allerdings eine andere Berechnungsart zugrunde: Sie versteht sich pro Jahr und bezieht sich auf den gesamten Policenbestand. Auf die gleiche Art rechnen deutsche Versicherungen. Im Branchendurchschnitt bewegt sich die Stornorate in Deutschland seit langem zwischen 3,6 und 4 Prozent pro Jahr. Der Schweizerische Versicherungsverband kennt die Kennzahl nicht. Da kein Zusammenhang mit der Beratungsqualität bestehe, brauche sie nicht erhoben und veröffentlicht zu werden, argumentiert eine Pressesprecherin.
«Das Versicherungsgeschäft ist auf Langfristigkeit ausgelegt»
Viele Gesellschaften wie die Allianz, die Bâloise, die Helvetia oder die Zürich betrachten selbst die jährlichen Stornoquoten als Geheimnis und geben sie auch auf Nachfrage nicht bekannt.
Zwischen den kolportierten 50 Prozent und den viel tieferen Angaben der Gesellschaften besteht nur ein scheinbarer Widerspruch. Rechnet man die Jahresangaben auf übliche Laufzeiten von Policen (15 bis 30 Jahre) hoch, so ergeben sich ohne Weiteres Gesamtstornoquoten von 30 bis 60 Prozent.
Im Raum steht aber auch, dass Versicherungen an vielen Stornos interessiert sind, weil die Rückkaufswerte so tief angesetzt werden, dass die Unternehmen sogar an den Kündigungen verdienen. «Dieser Vorwurf ist schlicht und einfach falsch», sagt Olivier Michel, Mediensprecher der Axa Winterthur. Durch einen Rückkauf verliere die Gesellschaft eine wertvolle Kundenbeziehung und einen Teil der Produktemarge, die sich über die ganze Laufzeit des Vertrages verteile. «Das Versicherungsgeschäft ist auf Langfristigkeit ausgelegt. Mit jedem Abgang fehlen künftige Kapitalzuflüsse, welche die Basis eines Finanzertrages bilden», erklärt Axa-Winterthur-Sprecher Michel weiter.
Flexible Policen gegen Stornos
«Der Wegfall von laufenden Prämien ist sicherlich kein gutes Geschäft», erklärt auch Andreas Kiry, Generalsekretär der Pax. «Die Rückkaufswerte entsprechen jederzeit den versicherungstechnischen Grundlagen», sekundiert Frank Keidel, Sprecher der Zürich. Bei einem Rückkauf werde ein Teil der noch nicht getilgten Abschlüsse und die Verwaltungskosten verrechnet. Oft vergessen werden die Kosten für den Versicherungsschutz während der Laufzeit. Deshalb könne der Rückkaufswert nicht der Summe der eingezahlten Prämien entsprechen. Alle Gesellschaften weisen sodann darauf hin, dass die Rückkaufswerte von der schweizerischen Aufsichtsbehörde Finma geprüft werden.
Die Branche unternimmt nach eigenen Angaben erhebliche Anstrengungen, um vorzeitige Kündigungen zu vermeiden. Einerseits durch eine bessere Ausbildung der Berater, andererseits durch flexiblere Produkte. Axa Winterthur ermöglicht es zum Beispiel, den Risikoschutz einer Lebensversicherung während der gesamten Laufzeit anzupassen und Prämienzahlungen temporär auszusetzen. Wenn die Erwerbstätigkeit aufgegeben wird, lässt sich mit dem sogenannten Vorsorgewechsel die Versicherung weiterführen. «Oft lässt sich eine Lösung finden, damit ein laufender Vertrag den veränderten Bedürfnissen des Kunden angepasst und weitergeführt werden kann», sagt Pax-Sprecher Kirby.
Die Zürich legt nach den Worten von Sprecher Frank Keidel Wert darauf, dass neue Versicherungsprodukte sich noch besser an Veränderungen im Leben der Kunden anpassen liessen, zum Beispiel durch Prämienpausen. Bei einer neuen Versicherungslösung der Zürich, die noch in diesem Frühjahr lanciert werde, könnten die Kunden zwischen den Säulen 3 a und 3 b wechseln. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.03.2011, 15:37 Uhr
Wirtschaft
Online-Wettbewerb
Wir feiern - Sie profitieren. Einen Tag lang freie Fahrt ab CHF 25.- mit Bahn, Bus und Schiff im gesamten BLS-Gebiet.
Flugpreise vergleichen
Vergleichen Sie die Flugpreise von verschiedenen Reiseanbietern und finden Sie das beste Angebot.
BLS Schifffahrt Berner Oberland
Auf Deck scheint die Sonne am längsten.
Was gibt es Schöneres als die wohlverdienten Feierabendstunden auf dem Thunersee zu verbringen?



























