Die Tricks der Babywindel-Hersteller
Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 15.04.2010 12 Kommentare
Schweizer Familien kaufen pro Jahr für rund 100 Millionen Franken Wegwerfwindeln. Der Markt ist hart umkämpft, und das Segment ist für den Detailhandel von enormer Bedeutung. Denn eine Windel ist nicht einfach eine Windel. Sie ist ein sogenannter Frequenzbringer, der Kundenbindung schafft, und sie ist sehr vermarktungsintensiv.
Das sagen Marketingfachleute. Übersetzt in den Alltag einer jungen Familie tönt das so: «Windeln sind immer irgendwo Aktion. Du musst nur wissen, wo – bei zwei Anbietern gleichzeitig gibt es sie nämlich fast nie.» Oder wie CoopSprecherin Denise Stadler sagt: «Der Windelmarkt ist stark von Aktionen getrieben. Man spricht damit eine interessante Zielgruppe an – jene der jungen Familien.» Und wer Windeln in den Einkaufswagen legt, füllt ihn auch mit anderen Artikeln.
Verschwiegene Branche
In der Tat gibt es kaum eine Woche, in der nicht ein Detailhändler eine Windeln-Aktion hat – mit grosszügigen Rabatten von bis zu 40 Prozent. Den Takt gibt der Marktleader an: Pampers vom US-Konzern Procter & Gamble. Konkurrenten in Deutschland behaupten, Pampers erziele 4 von 10 Umsatz-Euro mit Promotionen – was deutlich über anderen Produkten liegt. Der Konzern will das nicht bestätigen, streitet aber nicht ab, dass er den Markt intensiv mit Aktionen bearbeitet. «Wer Pampers zum Normalpreis kauft, ist selber schuld», bringt es ein Schweizer Branchenkenner auf den Punkt.
Versucht man, etwas über diesen umkämpften Markt in Erfahrung zu bringen, stösst man in der Schweiz auf grosse Zurückhaltung. Zahlen dazu werden gehütet wie ein Staatsgeheimnis. Und so ist man angewiesen auf Vergleiche mit Deutschland, wo der Markt ebenfalls stark umkämpft ist.
Pampers lancierte Billigmarke
6 von 10 Euro, die deutsche Familien für Wegwerfwindeln ausgeben, landen in der Kasse von Procter & Gamble. Gemäss der «Lebensmittelzeitung» hat es der Pampers-Produzent in den letzten 15 Jahren geschafft, die Marke Fixies von 20 Prozent Marktanteil ins absolute Aus zu drücken. Seither konkurrieren Pampers praktisch nur noch mit Eigenmarken von Detailhändlern, Discountern und Drogerieketten. Die vom USKonzern Kimberly-Clark produzierten Huggies, die es in Nordamerika vom Absatz her durchaus mit Pampers aufnehmen können, sind in Deutschland praktisch nicht existent.
Anfang 2009 hat der US-Riese auch den Eigenmarken der deutschen Händler den Fehdehandschuh hingeworfen: Mit Pampers Simply Dry lancierten die Amerikaner eine Billigvariante, die nur wenig teurer ist als etwa die Eigenmarke des Discounters Aldi. Mit Erfolg: Der Umsatzanteil von Pampers legte um 5 Prozent zu, wie Procter-Chef Bob McDonald auf einer Analystenkonferenz in New York unlängst sagte.
Pampers Simply Dry gibt es auch in der Schweiz, und auch in der Schweiz steht Pampers unangefochten an der Spitze. Von einem Marktanteil von 70 Prozent, wie ihn der Konzern vor einem guten Jahrzehnt hatte, dürfte man aufgrund der breit gefächerten Konkurrenz heute aber weit entfernt sein. Zahlen gibt Procter nicht bekannt.
Huggies gewinnt Partner
Klar ist nur eins: Die Migros-Eigenmarke Milette ist die Nummer zwei. Sie wird ebenfalls stark mit Aktionen verkauft. Von Milette gibt es auch eine Ökowindel, die mit über 45 Prozent nachwachsenden Rohstoffen aus kontrolliertem Anbau hergestellt wird.
Selbst die Migros verkauft seit kurzem Pampers. Zudem hat sie seit längerem Windeln der Billiglinie M-Budget und solche der Marke Huggies im Angebot. Diese sowie Pampers gibt es auch bei Coop, neben Windeln der Billiglinie Prix Garantie, der Eigenmarke Coop My Baby sowie der Schweizer Traditionsmarke Hyganelle. Die Marke Fixies, die Procter in Deutschland verdrängt hat, hat Coop aus dem Sortiment genommen. Mütter und Väter werden schon früh mit den tonangebenden Produkten der US-Konzerne vertraut gemacht: Während die meisten Geburtenabteilungen der Spitäler auf Pampers vertrauen, ist es Huggies gelungen, die Privatspitäler der Hirslanden-Gruppe als Partner zu gewinnen.
Preise ärgern Preisüberwacher
Der letzte grosse Praxis- und Labortest von Wegwerfwindeln geht auf das Jahr 2007 zurück. Im Test des «K-Tipp» erhielten Baby Dry von Pampers als einzige die Note «sehr gut». Gut waren eine ganze Reihe anderer Produkte, wobei die Migros mit Milette den Pampers am nächsten kam und die Note «sehr gut» nur knapp verfehlte. Milette kosten gut ein Drittel weniger als Pampers.
Im Konsumentenmagazin «Saldo» outete sich Preisüberwacher Stefan Meierhans unlängst als Experte im Wickeln von Babys. Den Vater einer neunmonatigen Tochter ärgern die hohen Windelpreise: «Die Preisunterschiede zwischen Marken- und Billigprodukten lassen sich kaum rechtfertigen.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.04.2010, 10:33 Uhr
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12 Kommentare
Unsere beiden Kinder wurden in Stoffwindeln gross. Vorteil, beide Kinder waren nach einem Jahr trocken und der Rohstoff der Stoffwindel ist aus 100% Baumwolle, und ökologisch Sinnvoll noch dazu. Nachteil, die Windel muss gewaschen werden was mit modernen Waschmaschinen auch keine Arbeit mehr ist. Fazit, wir befürworten die Stoffwindel. Antworten
Lieber Thomas, das Waschen der Stoffwindel ist leider ökologisch weniger sinvoll als Wegwerfwindeln. Habe das 20 Jahren schon mal durchgerechnet. Das Klären des Abwasser ist leider das Haupproblem. Ein weiteres Problem ist das sparen der Windeln, bis sie gewaschen werden können. Das können nur Eltern, die über eine eigene Maschine verfügen. Also, alles nicht soo einfach! Antworten
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