Wirtschaft

Die Superreichen und der Wohlstand der anderen

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 18.10.2010 63 Kommentare

Was hat der Mittelstand von einer schmalen Elite von Superreichen? Moralisch ist der Fall klar. Aus ökonomischer Sicht jedoch nicht.

Eine der reichsten Familien der USA: Immobilien-Tycoon Donald Trump, Ehefrau Melania, Sohn Barron.

Eine der reichsten Familien der USA: Immobilien-Tycoon Donald Trump, Ehefrau Melania, Sohn Barron.
Bild: AFP

Die Globalisierung verändert die Struktur der modernen Gesellschaften: Eine schmale Elite beansprucht einen immer grösseren Anteil des Volkseinkommens, die Löhne des Mittelstandes stagnieren oder gehen gar leicht zurück. In den USA beispielsweise ist der Anteil des gesamten Einkommens, der an das reichste Prozent der Amerikaner geht, in den letzten 30 Jahren von rund 9 auf über 23 Prozent gestiegen. Hans Kissling, ehemaliger Chef des Statistischen Amtes des Kantons Zürich, zeigt in seinem Buch «Reichtum ohne Leistung», dass der Trend in der Schweiz in die gleiche Richtung geht, wenn auch nicht so krass. Und eine kürzlich veröffentlichte Studie der Zürcher Kantonalbank kommt ebenfalls zu Schluss, dass die Reallöhne des Mittelstands selbst im Grossraum Zürich leicht zu sinken beginnen.

Moralisch ist der Fall klar. Die steigende Ungleichheit verletzt die Prinzipien von Fairness und Gerechtigkeit und ist deshalb zu verurteilen. Ökonomisch hingegen fällt das Urteil nicht so eindeutig aus. Soziale Unterschiede stacheln an und fördern den allgemeinen Wohlstand, behaupten viele Ökonomen. Will heissen: Eine superreiche Elite spornt auch den Mittelstand zu Sonderleistungen an. Zudem profitieren alle vom so genannten Trickle-down-Effekt. Das heisst, dass vom Luxusleben der Superreichen alle profitieren. Konkret: Wenn die Wohlhabenden viel ausgeben und Porsches und Luxusvillen kaufen, haben auch der Autohändler und der Schreiner etwas davon.

Kosten für Hochzeitsparty verdreifacht

Robert Frank ist ein bekannter US-Ökonom und Spezialist für Reichtumsunterschiede. Er hat unter anderem die Theorie des «Gewinner-nehmen-alles»-Phänomens mitentwickelt und mehrere Bücher über Luxuskonsum und die Folgen für die Gesellschaft geschrieben. Frank hat festgestellt, dass der Mittelstand tatsächlich den Lebensstil der neuen Elite nachahmt. So hat die Wohnfläche der typischen Mittelstandsfamilie in den letzten 30 Jahren um 50 Prozent zugenommen, obwohl das Einkommen stagniert. Frank spricht deshalb von einem Nachahmungseffekt. Dieser lässt sich auch bei Partys beobachten. Die Kosten für eine typische Heiratsparty haben sich im gleichen Zeitraum fast verdreifacht.

Der Mittelstand imitiert also die Superreichen. Was aber hat er davon? Nichts, ja es schadet ihm sogar. Frank hat Daten der 100 bevölkerungsreichsten amerikanische Bezirke (Countys) im Bezug auf Unterschiede von Einkommen und allgemeiner Wohlfahrt ausgewertet. Der Befund ist ernüchternd:

  • Die Bezirke mit den grössten Einkommensunterschieden haben auch die höchsten Scheidungsraten.
  • Sie haben ebenfalls die höchste Anzahl von Privatkonkursen.
  • Familien, die sich kein Haus mehr in diesen Bezirken leisten können, müssen den Stress des Pendelns auf sich nehmen, wenn sie ihren Arbeitsplatz behalten wollen.
  • Die Einkommensunterschiede führen dazu, dass die Bereitschaft der Menschen abnimmt, Geld in die allgemeine Infrastruktur zu investieren. Strassen und Brücken vergammeln.

Frank kommt deshalb zu einem eindeutigen Fazit: «Niemand würde es wagen, im Namen der Fairness die zunehmende Ungleichheit zu verteidigen», stellt er in der «New York Times» fest. «Deshalb könnten wir uns nun darauf einigen, dass sie auch ökonomisch etwas Schlechtes ist – und etwas dagegen unternehmen.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.10.2010, 14:28 Uhr

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63 Kommentare

Mike Keller

18.10.2010, 19:25 Uhr
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Ich finde es zwar gut, dass man solche Trends beobachtet und auch darüber berichtet. Aber, man sollte mal schauen wo die Welt vor 50 oder 100 Jahren stand. Wie war die durchschnittliche Lebenserwartung und der Wohlstand der Mittelschicht? Ueber die letzten 100 Jahre gesehen hat der Westen - auch auf Kosten von armen Ländern - massive Fortschritte erreicht. Antworten


Laurin Ilg

18.10.2010, 18:11 Uhr
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Da die Reichen kaum mehr Steuern bezahlen aber den grössten Teil der Einkommen abschöpfen, ist eine logische Konsequenz daraus, das dem Staat Geld fehlt seine Leistungen zu finanzieren, somit muss dieser öffentliches Eigentum an Private veräussern, womit immer noch mehr an die geht, denen schon fast alles gehört. Solange die Mehrheit der Bevölkerung das unterstützt, wird sich auch nichts ändern. Antworten



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