Wirtschaft

«Die Schweiz soll den USA nicht gehorchen»

Von Florian Keller und Alain Zucker. Aktualisiert am 16.10.2010 16 Kommentare

Oliver Stone verurteilt die Gier der Banker. Dennoch hält der «Wall Street»-Regisseur das Bankgeheimnis für wertvoll.

«Wir Amerikaner verwechseln häufig, wer der Bösewicht ist. Das gilt auch in der Politik», sagt Oliver Stone.

«Wir Amerikaner verwechseln häufig, wer der Bösewicht ist. Das gilt auch in der Politik», sagt Oliver Stone.

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Oliver Stone US-Regisseur

Er ist der streitbare Minenwerfer des amerikanischen Kinos: Oliver Stone, geboren 1946 in New York, ausgezeichnet mit drei Oscars, zwei als bester Regisseur für «Platoon» (1986) und «Born on the Fourth of July» (1989), in denen Stone seine Vietnam-Erfahrungen verarbeitete. Zu seinen wichtigsten Filmen gehören die Verschwörungs-Kolportage «JFK» (1991) und «Natural Born Killers» (1994) nach einem Drehbuch von Quentin Tarantino. Sein aktueller Spielfilm «Wall Street: Money Never Sleeps» spielt am Vorabend der Bankenkrise und verhilft Gordon Gekko, dem zynischen Spekulanten aus «Wall Street» (1987), zu einem Comeback: Im Gefängnis hat sich der Messias der Habgier zum Propheten der Krise gewandelt, jetzt will Gekko mit dem Freund seiner Tochter geschäften, einem Investmentbanker. Den alten Gambler der Hochfinanz spielt Michael Douglas abermals mit Gusto, doch «Money Never Sleeps» bleibt vordergründig: Die Finanzkrise dient als Staffage für ein konservatives Lehrstück über den Wert der Familie. (flo)

Mr. Stone, wieso verteidigen Sie das Schweizer Bankgeheimnis?
Man sollte diese wertvolle Tradition nicht zerstören, nur weil ein paar Leute Missbrauch trieben. Viele andere brauchen das Bankgeheimnis aus anderen Gründen, etwa um ihre Privatsphäre zu schützen. Ausserdem sehe ich nicht ein, wieso die Schweiz den USA oder irgendeiner anderen Grossmacht gehorchen soll. Ihr würdet das Geschäft ja einfach an Hongkong und Singapur verlieren.

Als scharfer Kritiker raffgieriger Banken schützen Sie Leute, die ihr Geld vor dem Fiskus verstecken?
Die Banken, die ich kritisiere, verkauften Junkpapiere, also wertloses Zeug, auch wenn das vielleicht legal war. Wenn Leute, die in der Schweiz ein Konto haben oder einen Safe, nach dem Schutz ihrer Privatsphäre rufen, ist das was anderes als der Verkauf von Junk. Möglicherweise verstecken all diese Drogenbarone ihr Geld auf Schweizer Bankkonten. Aber wer sind wir, die Schweiz zu einer neuen Moral und Ethik zu zwingen?

Sie sind die Supermacht, die andere zur Kooperation zwingen kann.
Es ist unsere Mentalität, dass wir es dem Bösewicht stets zeigen wollen. Nur verwechseln wir häufig, wer der Bösewicht ist. Das gilt auch in der Politik. Wenn wir weiterhin die Polizei der Welt sein wollen, ist die Frage: Was kommt als Nächstes? Wer verhindert, dass wir nicht eines Tages in die Schweiz kommen und Marc Rich oder sonst jemanden, der sich hier aufhält, von der Strasse holen? Im Moment, wo man die Grenze überschreitet, lässt sich das Biest nicht mehr stoppen. Schauen Sie nach Afghanistan, Irak, Vietnam – Amerika wird immer einen Bösewicht schaffen.

Sie sind Verschwörungsexperte. Bleiben wir bei der Finanzkrise, dem Thema Ihres Films. Wer steckte dahinter?
Alle. Die Leute wollten reich werden und haben sich übernommen. Eine Verschwörung ist es in dem Sinne, dass bei all den Geschäften und Gegengeschäften der Banken, Insiderwissen schamlos ausgenutzt wurde.

Sie müssen jubiliert haben, als das Ganze zusammenbrach.
Nein. Alle hauen alle übers Ohr, niemand sagt die Wahrheit. Geld verändert die Leute. Und Geld ist zum Hauptgeschäft von Amerika geworden, das Herumschieben von Wertschriften und Geld. Mein Vater war Börsenmakler, und er hat über solche Geschäfte gesagt: Daraus wächst nichts Produktives. Wer keinen Mehrwert schafft, sollte auch keine Profite machen können.

Hätte man die Banken untergehen lassen sollen?
Diese Leute waren Schweine. Und ja, die Banken hätten pleitegehen sollen. Bis jetzt haben wir den Tiefpunkt nicht erreicht. Das müssen wir aber, bevor es wieder besser geht. Ich verstehe nicht, wieso Institutionen wie Goldman Sachs Anrecht auf Hilfe haben sollen wie eine normale Bank: Ich kann dort als gewöhnlicher Mensch kein Geld deponieren.

Sind Banker schlechtere Menschen als, sagen wir, Schreiner?
Nein, sie sind auch Menschen, und sie haben auch Sorgen wie wir. Aber sobald Neid und Gier einsetzen . . . Der Banker, der schon gut verdiente, sah den Hedgefonds-Manager, der noch mehr verdiente, und wurde neidisch. Man konnte Geschichten lesen von Leuten mit einer Villa am Strand, die 40 Millionen kostete, dann zog auf dem Nachbargrundstück ein anderer ein, der 60 Millionen ausgab. Ein Typ walzte in den Hamptons auf Long Island sogar die Sanddünen platt, um sein Haus vergrössern zu können. Stellen Sie sich vor: diese extrem schönen Dünen.

War Ihre Filmfigur Gordon Gekko ein Vorbild für junge Leute, die an die Wallstreet gingen?
Nein, sicher nicht. Aber der Glamour des Business und die Verlockung, schnell das grosse Geld zu verdienen: All das entstand in der Finanzwelt der Achtzigerjahre, als Ronald Reagan Präsident war. Doch wir haben Geld verdient, indem wir andere reingelegt haben, die Armen, die Lateinamerikaner und dann noch die Russen, nachdem sie ihren Kommunismus aufgegeben hatten. Wir vergewaltigten sie.

Ihre Sicht der Wallstreet ist ein Klischee. Der Aktienhandel wird heute von Computern gesteuert, und nicht von bösen Tradern.
Oh, was für ein Bullshit! Natürlich gibt es künstliche Intelligenz, die mit Hochfrequenzgeschäften kleinste Kursunterschiede ausnutzt. Aber jemand hat damit begonnen, sich einen besseren und grösseren Computer zu kaufen, um sich Vorteile zu verschaffen. Das war ein Mensch. Und jemand hat dabei versagt, die Computer zu kontrollieren. Das waren auch Menschen, die Politiker und Aufsichtsbehören. Sollten wir solche Hochfrequenzgeschäfte verbieten? Ja, wir sollten.

Werden Sie nostalgisch, wenn Sie an die Zeit denken, als Ihr Vater an der Wallstreet Börsenmakler war?
Wenn ich mit heute vergleiche: Ja. Mein Vater sagte immer: Ein Unternehmen soll man nicht an seinen Quartalszahlen messen, sondern langfristig. Nehmen Sie die Internetblase: Da wurden Firmen, die keinen Profit machten, für aberwitzige Summen verkauft. Ich konnte nicht glauben, was sich da abspielte. Ohne Produktivität ist eine Firma nichts wert. In dieser Hinsicht stagniert die amerikanische Wirtschaft seit dreissig Jahren. Sie sind Schweizer, oder?

Ja.
Die UBS ist eine Schweizer Bank, oder? Haben die anderen Schweizer Banken auch mit verschachtelten Hypothekarpapieren gehandelt?

Alle haben das gemacht.
Nicht alle. Ich möchte Sie daran erinnern, dass wir eine wichtige Szene im neuen Film in der Royal Bank of Canada gedreht haben. Damit wollte ich darauf hinweisen, dass sich die kanadischen Banken an die Regeln gehalten haben – weil die kanadische Regierung die geltenden Vorschriften durchgesetzt hat. Es gibt also sehr wohl ein Vorbild: Kanada.

Ihr Vater hielt den Kapitalismus bei allen Vorbehalten für die Grundlage einer freien und wohlhabenden Gesellschaft. Stimmt das noch?
Was mich wirklich schockiert hat, ist, dass Europa so tief in der Scheisse steckt. Ich glaubte lange, dass die europäischen Banken stabil sind. Und dass der Euro von der Krise profitieren würde. Aber ich lag falsch. Heute steckt der Kapitalismus weltweit in der Krise.

Glauben Sie noch an die Marktwirtschaft?
Mein Vater pflegte zu sagen: Der Kapitalismus funktioniert nicht auf dem Papier. Aber in der Realität funktioniert er. Mit dem Kommunismus ist es genau umgekehrt: Der funktioniert zwar auf dem Papier – aber eben nur dort. Das Problem heute ist der entfesselte Kapitalismus. Alan Greenspan sagte einmal einem Vertreter der Aufsichtsbehörde für Derivatehandel: «Sie sind der Meinung, dass man Betrüger strafrechtlich verfolgen sollte. Ich teile diese Meinung nicht.» Greenspan glaubte allen Ernstes, dass der Markt das schon selber regulieren würde. Er übersah, dass der Mensch von Natur her sehr habgierig ist. Und er hat sich später entschuldigt für diesen Fehler.

Nicht nur Banker, auch die Anleger waren habgierig. Betrüger wie Bernie Madoff haben das ausgenutzt.
Ich habe kein Mitleid mit Madoffs Opfern. Die meisten erwarteten Renditen von 20 Prozent. Sie waren habgierig. Dabei hatte Madoff nicht mal den Mut, richtiges Geld zu investieren. Bei ihm war alles so virtuell wie ein Computerspiel. In diesem Sinn war Madoff ein klassischer Schwindler. Mit dem, was die Banken taten, hat sein Fall nichts zu tun. Die Banken spielten mit richtigem Geld, da wurden reale Geldwerte geschreddert. Das war viel schlimmer als alles, was Madoff tat.

Erleben wir heute das Ende der amerikanischen Dominanz?
Hoffentlich! Die «Pax Americana», was für ein Witz! Das heisst doch bloss: Gehorcht uns gefälligst, sonst?. . .! Das ist nichts anderes als imperiale Herrschaft. Wir Amerikaner wollen einfach sicherstellen, dass wir Kontrolle über die Ressourcen haben, darum geht es doch. Deshalb brauchen wir unsere Stützpunkte im Nahen Osten und an den Rändern Russlands. Der Welt ging es besser, als es noch ein Gleichgewicht der Mächte gab. Als ich jung war, gab es drei Supermächte: USA, die Sowjetunion und China.

Sie stellen sich in Ihrer Wut gegen Amerika auf die Seite von Diktatoren. Inzwischen verteidigen Sie sogar Leute wie den iranischen Präsidenten Ahmadinejad.
Wer sagt das? Ich verteidige ihn nicht. Da muss ich falsch zitiert worden sein. Ich sage nur: Hören wir ihm zu. Die UNO und die Opec sind da auf meiner Seite: Hören wir, was er zu sagen hat. Und fallen wir nicht auf die israelische Propaganda über Iran herein.

Wieso sollen wir einem Diktator wie Ahmadinejad irgendetwas glauben?
Wir wissen einfach zu wenig über die Situation im Iran. Im Westen hören wir immer nur, wie böse der Iran ist. Ich sage nicht, dass die dortigen Machthaber gute Kerle sind! Aber da steckt doch mehr dahinter. Man soll erst verhandeln, bevor man sich unnötig Feinde schafft. Sind wir nicht aufgrund von falschen Informationen im Irak einmarschiert? Sollen wir im Iran erneut einen grossen, verdammten Krieg anzetteln, um danach zu merken, dass unsere Informationen über das Land falsch waren?

Es kümmert Sie offenbar nicht so sehr, auf wessen Seite Sie sich schlagen. Wichtiger ist Ihnen der Angriff auf die US-Regierung.
Ich bin nur gegen eine Politik, die darauf abzielt, die USA als einzige Supermacht zu etablieren.

Was wäre denn die Alternative?
Regionale Macht, ein Gleichgewicht der Kräfte. Demut.

Demut?
Genau. Das heisst nicht, dass man sich ständig überall entschuldigen soll. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.10.2010, 13:40 Uhr

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16 Kommentare

Adrian Berg

16.10.2010, 16:17 Uhr
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Ganz im Sinne der Argument von Stone könnte man "USA" mit "EU" ersetzen. Absurderweise sind in der Schweiz die vehementesten USA-Kritiker die fanatischsten EU-Bewunderer. Aber überall dort, wo Ideologie wichtiger ist als die Realität, wird dieser Widerspruch nicht hinterfragt werden. Antworten


Hans Christian Müller

16.10.2010, 14:27 Uhr
Melden

Und wenn ich der einzige sein sollte: Ich kann nicht umhin, den Äusserungen dieses Mannes zu applaudieren. Vor allem seine beiden letzten Antworten: Demut hat nichts mit Schwäche und nichts mit Unterwürfigkeit zu tun, sondern lediglich mit dem Bewusstsein, als Mensch ein kleines Detail im nicht Fassbaren Gefüge zu sein. Aus dieser Gesinnung heraus versteht man vieles, was sonst übergangen wird. Antworten



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