Wirtschaft

«Die Schläge scheinen gewirkt zu haben»

Von Christian Lüscher. Aktualisiert am 10.02.2012 20 Kommentare

Konrad Hummler tritt als NZZ-Präsident zurück – vorerst. Medienexperten werten den Entscheid unterschiedlich.

1/4 Opfer einer Medienkampagne: Konrad Hummler. Bild: Keystone.

   

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Vor zwei Wochen verkaufte Privatbankier Konrad Hummler wegen des Steuerstreits mit den USA die Bank Wegelin an die Raiffeisen-Gruppe. Weil die rechtlichen Auseinandersetzungen mit den USA «sämtliche physische und intellektuelle Kapazitäten» erforderten, legt Hummler sein Amt als Verwaltungsratspräsident der NZZ-Mediengruppe nieder. Aber nur vorübergehend, wie er am Donnerstag in einem Brief an die NZZ-Belegschaft schreibt (DerBund.ch/Newsnet berichtete).

Bis sich die rechtlichen Angelegenheiten im Fall Wegelin geklärt haben, übernimmt der frühere FDP-Nationalrat Franz Steinegger das Mandat des NZZ-Präsidenten. Es sei «grundsätzlich» vorgesehen, so die Unternehmensleitung auf Anfrage, dass Konrad Hummler als VR-Präsident wieder übernehmen werde.

«Hummler hat sich den Druck selber gemacht»

Hummlers Entscheid löst unterschiedliche Reaktionen aus. «Ich bedaure den Rücktritt sehr, habe aber Hochachtung vor dem Schritt, der ihm sicher nicht leicht gefallen ist», teilt NZZ-Aktionär und Bankier Thomas Matter auf Anfrage mit.

Hochachtung vor Hummlers Entscheidung hat auch Kurt W. Zimmermann, Medienkolumnist der «Weltwoche»: «Nach meinen Informationen hat es in der NZZ keinen internen Druck gegen Konrad Hummler gegeben. Ich denke, Hummler hat sich den Druck selber gemacht. Das spricht für ihn. Sein freiwilliger Rücktritt zeigt, dass er die allgemeinen Interessen über seine persönlichen Interessen stellt. Darin unterscheidet er sich von den vielen, die in der letzten Zeit Schlagzeilen gemacht haben.»

Anders sieht es Publizist Karl Lüönd. Der profunde Kenner der Verlagsbranche macht für den Rücktritt Hummlers die Medien verantwortlich: «Vermutlich ist der Druck zu gross geworden. Einmal mehr bestätigt sich: Im Medienwesen wird die PR von der Konkurrenz besorgt, und die Schläge – vor allem aus dem Haus Ringier – scheinen gewirkt zu haben. Immer auf die gleiche Stelle, wo es weh tut.» Tatsächlich führte der «Blick» eine Kampagne gegen Hummler. In praktisch allen prominent platzierten Artikeln zum Fall Wegelin thematisierte das Boulevardblatt immer auch Hummlers NZZ-Mandat.

Imageschaden für die Verlagsbranche

Verleger-Präsident Hanspeter Lebrument bedauert Hummlers vorübergehende Amtsniederlegung. Ihn erstaune seine Entscheidung allerdings nicht. Die Reputation der NZZ – als Wirtschaftszeitung mit internationaler Strahlkraft – habe in den letzten Tagen stark gelitten. Lebrument wertet Hummlers Entschluss als konsequent, müsse doch ein Präsident hohe Ansprüche stellen und diese von seiner Belegschaft einfordern. In der jetzigen Situation sei dies womöglich sehr schwierig gewesen.

Die Nachricht über Hummlers Rücktritt erachtet Lebrument zudem als Imageschaden für die ganze Medienbranche. «Ich bedaure solche Brüche sehr. Das wirft kein gutes Licht auf uns», meint der Verleger-Präsident. Lebrument, Verleger der Südostschweiz-Mediengruppe, hätte von Hummler mehr Geduld gewünscht und spricht von einem typischen Phänomen der Zürcher Gesellschaft. «Wann immer der Druck in Zürch zunimmt, ist der Rücktritt offenbar die einzige Lösung. Wir Bündner hingegen lassen uns nicht so schnell irritieren», sagt der Verleger mit einem Schmunzeln und verweist auf Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf.

Für Lebrument ist die Kommunikation, dass Steinegger interimistisch die Rolle des VR-Präsidenten übernimmt, ein Zeichen dafür, dass an einer internen Lösung gearbeitet werde. Er glaubt jedoch nicht, dass Hummler als VR-Präsident zurückkehrt. Die Namen, die als Nachfolger von Hummler in der Medienszene kursieren – namentlich Tobias Trevisan (CEO FAZ) und Albert P. Stäheli (CEO NZZ) –, hält der Verleger-Präsident zwar für interessant, jedoch für unwahrscheinlich. Wenn es um eine Nachfolge im NZZ-Präsidium geht, dann schlägt er den derzeitigen Tamedia-Chef Martin Kall vor. Ein Scherz? «Nein, Kall ist derzeit der beste Mann auf dem Platz.» Als Historiker und liberaler Geist passe er ideal ins Amt.

«Ein pragmatischer Entscheid»

Die Interessengemeinschaft Freunde der NZZ – sie hält über 10 Prozent der stimmberechtigten Aktien der NZZ – wertet Hummlers Rücktritt als «pragmatischen Entscheid, der für die NZZ hoffentlich die notwendige Druckabnahme bringt», sagt deren Vertreter Edwin van der Geest im Gespräch mit DerBund.ch/Newsnet. Er hofft, dass der VR mit Hummler jetzt weiterhin konzentriert an der Realisierung der ambitiösen Ziele arbeiten könne.

Mit «ambitiösen Zielen» ist unter anderem die Suche nach einem neuen CEO gemeint, wie ein NZZ-Kenner «off the record» sagt. Es sei ein offenes Geheimnis, dass der VR eine Nachfolgelösung für den derzeitigen CEO Albert P. Stäheli sucht. Zudem müsse der Verwaltungsrat dringend über das Modell «NZZ 2020» beraten. «Es darf keine Unruhe geben», sagt der Insider. Dass Franz Steinegger die Führung interimistisch übernimmt, mache taktisch Sinn. Laut NZZ-Statut ist seine Tätigkeit als Verwaltungsrat wegen seines Jahrganges ohnehin beschränkt. Damit hat der VR erstens Luft für wichtige Geschäfte, zweitens stosse man intern niemanden vor den Kopf.

Fragen zur Hummlers Rücktritt wollte die Chefredaktion der NZZ im Übrigen nicht beantworten. Auf Anfrage hiess es lediglich: «Die publizistische Leitung und die Redaktionen dürfen sich im Rahmen ihrer statuarischen Unabhängigkeit nicht zu Geschäften des Verwaltungsrates äussern.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.02.2012, 14:21 Uhr

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20 Kommentare

Hans Leemann

10.02.2012, 14:40 Uhr
Melden 72 Empfehlung

Wenn der Nationalbank-Präsident ohne jegliche Anklage zurücktreten muss, warum sollte dann nicht der Angeklagte Hummler zurücktreten? Diese Anklage ist erst noch heftig.
Die NZZ muss schon aufpassen, dass sie wirklich neutral und unangreifbar bleibt oder wieder wird. Auch mit dem aktiven SVP-Mann Thomas Matter habe ich so meine Zweifel.
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Jorge Lugar

10.02.2012, 16:59 Uhr
Melden 38 Empfehlung

Anstelle einen "gut vernetzten" Banker in Schutz zu nehmen, sollte euch doch vielmehr irritieren, dass Banker, Politiker, etc im Verwaltungsrat eines meinungsbildenden Mediums sitzen. Und vor allem; zu wessen Nutzen?
Für die Zeitung... oder die Meinungsmacher?
Klar, nicht ungewöhnlich... aber gleichermassen klar, weshalb das nicht wirklich gut ist?
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