Die Muppetshow bei Goldman Sachs

Investmentbanker Greg Smith hat es satt, Kunden als «Deppen» zu bezeichnen. Er hat deshalb gekündigt – und seinen Frust über Goldman Sachs in einem bitterbösen «New York Times»-Artikel niedergeschrieben.

Goldman-Sachs-Chef Cohn und die Muppets: Kommentatoren machen sich lustig über die Enthüllung eines Bankers.

Goldman-Sachs-Chef Cohn und die Muppets: Kommentatoren machen sich lustig über die Enthüllung eines Bankers. Bild: «Financial Times»

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«Die Kultur, die ich an dieser Firma liebte, existiert nicht mehr»: Greg Smiths Abschiedsbrief an seinen Arbeitgeber dürfte ihn so manche Freundschaft gekostet haben. Smith war Chef des Derivatehandels auf Aktien in Europa, dem Nahen Osten und Afrika und bekleidete bei Goldman Sachs den Rang eines Executive Director.

Nach zwölf Jahren Dienst hat Smith etwas getan, was gut bezahlte Wallstreet-Banker sonst höchst selten tun: Er hat seinen lukrativen Job hingeschmissen und seinem Ärger über den Arbeitgeber öffentlich Luft gemacht.

Destruktive Firmenkultur

Was war geschehen? In einem Op-Ed der «New York Times» schildert Smith, wie sich die Firmenkultur bei Goldman Sachs seit seinem Eintritt vor 12 Jahren verändert habe. «Teamwork, Integrität, Bescheidenheit und der Dienst am Kunden» seien damals noch vitale Werte bei der Grossbank gewesen, schreibt Smith – auch wenn dies in den Augen der Öffentlichkeit vielleicht überraschend sei.

In den letzten Jahren habe er Stolz und Glauben an seine Firma jedoch verloren, so Smith: «Die Interessen unserer Kunden werden systematisch beiseitegeschoben.» Smith macht Lloyd C. Blankfein, der im Jahr 2006 den Chefsessel bei Goldman Sachs übernahm, sowie Verwaltungsratspräsident Gary D. Cohn persönlich für den Kulturwandel verantwortlich: Die beiden hätten die Bank in einen «moralischen Bankrott» getrieben, indem sie das Geldverdienen zum alleinigen Kriterium für den betriebsinternen Aufstieg erklärt hätten. Die Interessen der Kunden hätten demgegenüber keinen Stellenwert mehr.

Der Kunde ist der Depp

In seinem Leitartikel schreibt Smith, dass verschiedene Kadermitglieder die Kunden der Bank regelmässig als «muppets» – also auf gut Deutsch als «Vollidioten» – bezeichnet hätten. Als erfolgreich galt, wer seinen Kunden am meisten derjenigen Finanzprodukte verkaufen konnte, welche die Bank selbst lieber nicht in ihren Büchern hätte. Man müsse sich nicht wundern, schreibt Smith, wenn aus Bankern, die ständig von «Vollidioten» hören würden, denen es «die Augäpfel auszureissen» gälte, nicht eben vorbildliche Staatsbürger würden.

Smiths Artikel hat sich in der US-Medienwelt in Windeseile verbreitet. Sogar beim Konkurrenzblatt «Wall Street Journal» ist der Zusammenschrieb die meistgelesene Tagesgeschichte. «Forbes Magazine» verglich Smiths Geschichte bereits mit einer Episode aus «Mad Men», in welcher der Tabaklobbyist Don Draper den Bettel aus ähnlichen Gewissensgründen wie Smith hinwirft. Auf dem Portal «The Daily Mash» leistet sich ein Autor den Spass, die Filmfigur Darth Vader einen analogen Abschiedsbrief ans böse «Star Wars»-Imperium schreiben zu lassen.

Schon wieder schlechte PR

Smith will seinen Artikel jedenfalls als Weckruf verstanden wissen. Es sei Zeit, dass das Management einen einfachen Lehrsatz wieder beherzige: dass ohne Vertrauen die Kunden irgendwann einmal aufhören würden, mit Goldman Sachs Geschäfte zu machen – egal, wie schlau man als Banker selbst sei.

Goldman Sachs reagierte ihrerseits umgehend auf die Enthüllungen des ehemaligen Topbankers. «Als Bank haben wir nur Erfolg, wenn auch unsere Kunden erfolgreich sind», liess sich die Bank in einem Folgeartikel gegenüber «Financial Times» zitieren.

Für Goldman Sachs stellt Smiths Brief die jüngste Episode in einer langen Reihe peinlicher Geschichten dar – angefangen beim betrügerischen Trader «Fabulous Fab» Tourre über die Kundenabzocke mit Derivategeschäften namens «Abacus» bis hin zur Titelgeschichte eines kürzlich erschienenen «Rolling Stone Magazines». Dort wird die Bank als «blutsaugerischer Krake» bezeichnet. (ssc)

(Erstellt: 14.03.2012, 17:18 Uhr)

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