Wirtschaft

Die Kritik an den Gebühren von Ticketcorner nimmt zu

Von Bruno Schletti. Aktualisiert am 28.11.2011 63 Kommentare

Die Marktführerin unter den Kartenvermittlern eckt nicht nur bei den Kunden, sondern auch bei den Veranstaltern an.

Reissender Absatz trotz hoher Preise: Die Fans von Justin Bieber mussten für sein Konzert im Hallenstadion tief in die Tasche greifen.

Reissender Absatz trotz hoher Preise: Die Fans von Justin Bieber mussten für sein Konzert im Hallenstadion tief in die Tasche greifen.
Bild: Keystone

Weko-Urteil kommt demnächst

Veranstalter, die sich im Zürcher Hallenstadion einmieten, müssen mindestens die Hälfte ihrer Eintrittskarten über Ticketcorner verkaufen. Das verlangt ein Exklusivvertrag, den die AG Hallenstadion mit Ticketcorner abgeschlossen hat. Kritiker meinen, dass der Vertrag Ticketcorner zu einer monopolähnlichen Stellung im Hallenstadion verhelfe und Konkurrenten entsprechend benachteilige.

Ob der Vertrag in dieser Form zu halten ist, wird sich demnächst zeigen. Die Wettbewerbskommission (Weko) untersucht seit bald zwei Jahren, ob es sich um eine kartellrechtlich unzulässige Abrede handelt (TA vom 9. Februar 2010). Das Verfahren steht kurz vor dem Abschluss, wie Weko-Vizedirektor Olivier Schaller bestätigt. Mit dem Entscheid sei noch in diesem Jahr zu rechnen. Hallenstadion-Direktor Felix Frei erwartet einen positiven Entscheid. Er ist überzeugt, dass der Vertrag allein schon deshalb nicht wettbewerbsverzerrend ist, weil das Hallenstadion keine wettbewerbsbeherrschende Stellung im Unterhaltungsmarkt Schweiz habe.

Das Hallenstadion ist privatrechtlich organisiert. Stadt und Kanton Zürich sind mit zusammen knapp 40 Prozent an der Gesellschaft beteiligt. Die Stadt ist mit Stadtrat Gerold Lauber und dem Direktor des Sportamts, Urs Schmidig, im Verwaltungsrat vertreten. Lauber will sich zur Frage der Bevorzugung von Ticketcorner nicht äussern. Man warte den Entscheid der Weko ab und werde dann «gegebenenfalls entsprechende Massnahmen ableiten».

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An Ticketvermittlern kommt heute kaum noch vorbei, wer Karten für ein Konzert, eine Sportveranstaltung oder irgendeinen Unterhaltungsanlass kaufen will. Ticketcorner, Starticket, Ticketportal oder wie immer sie heissen – die Kartenvermittler bieten nicht nur eine komfortable Dienstleistung an, sondern lassen sich diese auch bezahlen. Das ist verständlich. Und doch nerven die immer neuen Gebühren die Kunden (TA vom 14. November).

Sie ärgern sich darüber, dass Ticketcorner in den Vorverkaufsstellen auf den Preis der Eintrittskarten eine Gebühr von bis 12 Franken draufschlägt. Und sie ärgern sich noch mehr, dass selbst im Onlinebezug der Tickets über den Computer zu Hause eine Gebühr anfällt. Ticketcorner selbst begründet dies mit Systemkosten und den Kontrollen der Karten am Veranstaltungsort. Die Tatsache, dass der Käufer sein Ticket zu Hause ausdrucke, bedeute nicht, dass Ticketcorner keine Kosten entstünden.

14 Prozent für Ticketcorner

Die Kartenbezüger sind mit ihrem Ärger nicht allein. Sie erhalten Unterstützung von Veranstaltern und Kennern der Branche. Einer sagt: «Der Veranstalter zahlt den Ticketvermittler für seine Dienstleistung. Also gibt es keinen Grund, irgendwelche Zusatzgebühren zu erheben.» Ticketcorner-Chef Andreas Angehrn widerspricht: «Diese Aussage ist falsch. Es können nicht sämtliche Kosten auf den Veranstalter überwälzt werden.» Ein Veranstalter meint halb anerkennend, halb kritisch: «Ticketcorner ist die Nummer eins im Markt und tut auch etwas dafür. Dass die sich dabei dumm und dämlich verdienen, ist eine andere Geschichte.»

Kritisiert wird nicht nur hinter vorgehaltener Hand. Verschiedene Veranstalter stehen zu ihren Positionen. Da ist Marc Brechtbühl, Geschäftsführer des Zürcher Gastro- und Kulturbetriebs Kaufleuten. Er habe sich schon immer daran gestört, dass die Ticketvermittler für ihre Leistung zu hohe Kommissionen abschöpfen. Ticketcorner etwa verlange von kleineren Veranstaltern wie dem Kaufleuten 14 bis 15 Prozent der Billetteinkünfte. «Dass der Kunde auch noch Gebühren zahlen muss, ist dreist», sagt Brechtbühl.

«In Konkurrenz mit anderen Anbietern»

Ticketcorner will sich zur Höhe der Kommissionsgebühren nicht äussern. Hinter jedem Vertrag mit Veranstaltern stehe ein massgeschneidertes Leistungspaket. Angehrn sagt: «Wir stehen in Konkurrenz mit anderen Anbietern. Somit entscheidet jeder Veranstalter selbst, ob die Konditionen von Ticketcorner marktgerecht sind und er mit Ticketcorner zusammenarbeiten möchte.»

Reto Caviezel, Mitinhaber und Gesamtleiter der Carré Event AG, arbeitet etwa bei Art on Ice oder beim Mercedes-CSI, dem Pferdespringturnier im Hallenstadion, mit Ticketcorner zusammen. Es gebe zwar «günstigere Wege», Ticketcorner sei aber die Nummer eins. Auch Caviezel ist nicht glücklich mit den für die Kunden schwer durchschaubaren Gebühren: «Mich interessiert nur die Gesamtgebühr für ein Ticket.» Als Veranstalter wolle er den Gesamtpreis pro Eintrittskarte kennen. Denn er wolle wissen, wie hoch er den Tarif pro Karte im Markt ansetzen könne.

Ticketverkauf ohne Gebühr

Auch der Käufer will nach Caviezel den Gesamtpreis seiner Eintrittskarte kennen: «Für den Endkunden ist es uncool, wenn er von einem Preis von 100 Franken ausgeht, am Schluss aber 107 zahlt.» Dabei gehe es nicht um die paar Franken, sondern um das schlechte Gefühl, das Zusatzgebühren vermitteln. «Die erste Emotion, die ein Kunde mit einer Veranstaltung hat, ist negativ.» Als Veranstalter von Art on Ice etwa wünsche er sich aber, dass Kunden mit einem guten Gefühl in die Halle kommen. Deshalb sagt Caviezel: «Der Veranstalter soll mit dem Ticketvermittler so verhandeln, dass der Kunde keine zusätzliche Gebühr zahlen muss.» Er treffe demnächst Andreas Angehrn, den Chef von Ticketcorner, und wolle mit ihm über diesen Punkt diskutieren.

Die Verantwortlichen im Kaufleuten haben längst reagiert. Sie verkaufen ihre Tickets nicht mehr nur über Ticketvermittler, sondern auch über eine eigene Plattform – gebührenfrei. Der Kunde kann Eintrittskarten auf der Internetseite des Kaufleuten buchen und am Tag der Veranstaltung an der Abendkasse abholen und bezahlen. Es entfallen nicht nur Zusatzgebühren, es gibt auch kein Zahlen im Voraus. Bis sieben Tage vor der Veranstaltung hat der Kunde zudem das Recht, seine Buchung zu ändern oder zu annullieren – auch das ohne Gebühren. Wer die gebuchten Karten nicht abholt, erhält allerdings eine Rechnung. Im Krankheitsfall zeigt sich das Kaufleuten aber kulant.

Bei Brechtbühls Kunden scheint es sich herumzusprechen, dass es im Kaufleuten eine Alternative zu den Ticketing-Betreibern gibt. Beim Stephan-Eicher-Konzert vom Samstag sind nach Marc Brechtbühl mehr Tickets über den eigenen Kanal verkauft worden als über die Ticketvermittler. Der Geschäftsführer folgert daraus: «Unsere Kunden haben gemerkt, dass es bei uns fairer und billiger ist als bei manchen externen Ticketvermittlern.»

Sonderfall Hallenstadion

Die Kollektivgesellschaft, der Brechtbühl vorsteht, hat den Vorteil, dass sie in der Liegenschaft des Kaufmännischen Verbands eigene Veranstaltungsräume gepachtet hat. Wer Veranstaltungen im Zürcher Hallenstadion durchführen will, muss die dort geltenden Bedingungen akzeptieren. Zwischen dem Hallenstadion und Ticketcorner existiert ein umstrittener Exklusivvertrag. Dieser schreibt jedem Veranstalter vor, mindestens die Hälfte aller Eintritte über Ticketcorner abzuwickeln.

Davon betroffen ist beispielsweise Appalooza Productions. Der Berner Veranstalter, bekannt durch die jährliche Organisation des Gurtenfestivals, ist am 12. Dezember mit einem Konzert der deutschen Rockgruppe Rammstein im Hallenstadion zu Gast. Mitinhaber Philippe Cornu sagt nichts Negatives über Ticketcorner: «Ticketcorner hat ein gutes System und arbeitet professionell.» Die Bedingungen im Hallenstadion entsprechen aber nicht Cornus Wunschvorstellung. «Die Ausgangslage für den Veranstalter ist dann optimal, wenn er die freie Wahl hat, sich für jene Halle und jenes Ticketsystem zu entscheiden, die für das jeweilige Event am geeignetsten sind.» Appalooza arbeitet in der Regel mit Ticketcorner-Konkurrent Starticket zusammen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.11.2011, 09:03 Uhr

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63 Kommentare

Ursi Brock

28.11.2011, 09:37 Uhr
Melden 40 Empfehlung

Merkt ihr es...ihr Kunden und Konsumenten die sich nicht täglich mit AGB's, Vertragsrecht, Preisen und Gebühren beschäftigen? Merkt ihr, das der Verweis auf "den Markt" ausnahmslos dazu da ist euch abzuzocken, über den Tisch zu ziehen, die Endpreise so lange wie möglich intransparent zu halten. Das gleiche übrigens mit der Preisdeklaration die man von Produkten entfernt usw. Antworten


Walter Ritschard

28.11.2011, 09:47 Uhr
Melden 28 Empfehlung

Wieso kann ich nicht die Benützung meines Druckers der Patrone und das Papier in Rechnung stellen. Es ist ganz einfach sonst kann der Ticketcorner nicht mehr soviel abzocken! Manchmal fällt es mir schwer aber ich boykottiere seit drei Jahren alle Veranstaltungen die über Ticketcorner laufen! Wenn alle so konsequent wären auch wenn es weh tut dann hätte der Ticketcorner schon lange ein grounding!!! Antworten



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