Wirtschaft

«Die Cowboys in den USA haben sich die falschen Indianer ausgesucht»

Von Walter Niederberger. Aktualisiert am 25.01.2011 38 Kommentare

Die USA gegen China, wer gefährdet die Weltwirtschaft stärker? Diese Frage wird am WEF dominieren. Die chinesische Unternehmerin Peggy Liu kritisiert die Amerikaner im Vorfeld mit deutlichen Worten.

«Die Chinesen sind nicht in der Lage, sich ins Scheinwerferlicht zu drängen»: Hu Jintao besuchte vor wenigen Tagen Barack Obama.

«Die Chinesen sind nicht in der Lage, sich ins Scheinwerferlicht zu drängen»: Hu Jintao besuchte vor wenigen Tagen Barack Obama.
Bild: AFP

«Die Amerikaner sehen sich gern in der Rolle
der Cowboys. Aber sie haben sich die falschen Indianer ausgesucht»: Peggy Liu.

Peggy Liu

Peggy Liu ist Gründerin und Vorsitzende von JUCCCE (Joint US-China Collaboration on Clean Energy), einer Nichtregierungsorganisation in Shanghai, die durch Beratung und Informationsaustausch im Energiebereich China innert zehn Jahren zum «grünen» Land zu machen hofft. Liu ist in
den USA aufgewachsen, hat am MIT in Boston ein Studium als Computer- und Elektroingenieurin abgeschlossen und bei mehreren Hightechfirmen im Silicon Valley gearbeitet. Vor sieben Jahren zog sie mit ihrem Mann nach Shanghai. Sie ist Mutter von zwei Söhnen. Ans Weltwirtschaftsforum ist sie als einer der innovativen Young Global Leader eingeladen.

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Was denken Sie, wenn der demokratische Fraktionschef Harry Reid Hu Jintao öffentlich als Diktator bezeichnet und die Teilnahme am Staatsbesuch verweigert?
Ich frage mich ernsthaft, ob Harry Reid mehr von China kennt als nur das schlechte chinesische Essen in den USA. Leute wie er beurteilen China noch, wie es zu Zeiten von Mao Zedong oder des Tiananmen-Aufstands existierte. Was sie nicht verstehen, ist der unglaublich rasche Wandel des Landes. Wirtschaftlich und gesellschaftlich erfindet sich China mindestens alle fünf Jahre von Grund auf neu. Es bildet heute Kinder aus, die ab dem dritten Schuljahr Englisch lernen müssen. Das heisst: China wird in Kürze 1,4 Milliarden Menschen haben, die Chinesisch und Englisch beherrschen. Das ist ein unglaublicher Konkurrenzvorteil gegenüber Amerika.

Sie sind in den USA aufgewachsen und leben in Shanghai. Teilen Sie die Meinung von Chinaexperten, wonach die Beziehungen zwischen Peking und Washington auf einen Tiefpunkt gesunken sind?
Ja, und ich bin alarmiert, wenn ich sehe, was in den letzten 18 Monaten in den USA passiert ist. Die Ablehnung gegenüber China ist erschreckend. Sie kann eigentlich nur aus der Tendenz der Amerikaner erklärt werden, für die wirtschaftliche Krise und die Arbeitslosigkeit einen Sündenbock finden zu wollen. Um es etwas drastisch zu sagen: Die Amerikaner sehen sich eben gerne in der Rolle der Cowboys. Aber mit den Chinesen haben sie sich die falschen ­Indianer ausgesucht.

China ist nicht unschuldig, oder? Amerika erkennt eine gewisse Arroganz darin, wenn China die Folgen der Finanzkrise so einschätzt, dass die USA generell auf dem absteigenden Ast sind.
Ich stimme zu, dass die Debatte viel zu eng geführt wird. Die Finanzkrise hat bewiesen, dass sie nur im globalen Verbund gelöst werden kann. Die USA sprechen heute gerne von der G-2, der Gruppe der zwei Rivalen. Diese Optik lehnt China grundsätzlich ab. Die chinesische Regierung hat viel besser als die amerikanische begriffen, dass die Welt nicht zwischen zwei Supermächten aufgeteilt wird, sondern mehr denn je über mehrere Achsen verbunden ist. Deshalb unterhält China gute Beziehungen mit Brasilien, mit afrikanischen Staaten und nicht zuletzt mit Europa.

Warum denn diese Faszination der jungen Chinesen gegenüber dem amerikanischen Lebensstil? Es ist bemerkenswert, dass Luxusgüter in Peking oder Hongkong teurer sind als in New York.
Die gesellschaftliche Schiefertafel Chinas wurde mit der Kulturrevolution ausgelöscht. Es fehlen heute die eigenen Vorbilder, weshalb man jene kopiert, die man täglich im Fernsehen und in der Werbung sieht. Doch dieses fast blinde Kopieren von amerikanischen Stars ändert sich rasch. Das Volk begreift, dass es einen eigenen Lebensstil finden muss; eine Suche, die von der Regierung sehr stark gefördert wird.

Vor dem Hu-Besuch machte die chinesische Regierung am Times Square Eigenwerbung auf riesigen Leuchtbildschirmen. Was halten Sie davon, wenn chinesische Athleten, Astronauten und Schauspieler auf diese Art Goodwill schaffen wollen?
China braucht eine Nachhilfelektion in Sachen PR und Marketing. Hier könnten sie von den Amerikanern viel lernen. Sie sind es nicht gewohnt, sich frei zu be­wegen wie Amerikaner. Sozialisieren in China beschränkt sich oft darauf, zu trinken. Die Chinesen sind nicht in der Lage, sich ins Scheinwerferlicht zu drängen. Teilweise erklärt diese Scheu auch, warum die Regierung Probleme mit einer offenen Information hat. Sie will nicht um jeden Preis intransparent sein, sondern versteht einfach schlecht, was eine offene Information heisst. Aber sie muss umlernen; und junge Chinesen tun dies bereits, wie die mehr als 100 Millionen Blogger zeigen.

Wo steckt China innenpolitisch? Die für 2012 eingefädelte Neubestellung der Regierung scheint den Hard­linern Auftrieb zu geben. Erlebt China einen nationalistischen Rückfall wie die USA unter Bush?
Ich teile diese Meinung. Es gibt Richtungskämpfe und Drohgebärden. Alles ist in Bewegung; anders immerhin als in den USA, wo der Stillstand vorherrscht. Teils ist es erklärbar mit der Person Hu. Er bewegt sich abseits und vor der Kamera sehr formell; er ist noch mit der Generation der Familienclans gross geworden und davon geprägt. Meine Kontakte in Washington sagen aber, dass die neue Führung persönlicher, zugänglicher und weniger festgefahren sein dürfte. Und die Generation der Politiker danach wird aus Leuten bestehen, die in den USA, Europa oder Australien ausgebildet wurden und ein besseres Verständnis des Westens haben. Dies gibt mir Hoffnung, dass China den Weg der Co-Opetition gehen wird, der gleichzeitigen Kooperation und Konkurrenz.

Dies dürfte die Mehrheit der Amerikaner nicht beruhigen, die China als unfairen Konkurrenten sehen und dem Land die Schuld dafür geben, dass so viele Jobs in den USA verloren gegangen sind.
Wenn die hoffen, dass diese Jobs zurückkommen, liegen sie falsch. Das Problem ist nicht in erster Linie China, sondern Amerika. Nehmen wir als Beispiel erneuerbare Energien, ein Gebiet, das ich gut kenne. China investiert Hunderte von Milliarden Dollar in eine lückenlose Versorgungskette für diese Technologien und wandelt sich deshalb zum weltweit führenden Laboratorium für erneuerbare Energie. Auch werden die Billigjobs von den höher entwickelten Küstenstädten in die ärmeren Regionen im Westen oder nach Vietnam verlagert. Während die USA Kohlekraftwerke und Nuklear­anlagen stilllegen, investiert China voll in neue Energietechniken. Damit entsteht hier der wichtigste Energiemarkt. Darum investieren amerikanische Firmen lieber in China als im eigenen Land.

Die Amerikaner geben aber die Schuld am eigenen Malaise den chinesischen Subventionen und dem Diebstahl von geistigem Eigentum sowie dem unterbewerteten Yuan.
Solche Argumente lenken nur vom Kernproblem ab. China betrachtet Energie- und Klimafragen als eine Angelegenheit der nationalen Sicherheit. Das Land ist von Öl-, Kohle- und Gasimporten abhängig. Stellen Sie sich vor, was passiert, wenn diese Importe zusammenbrechen. Dann wären auch die USA in Schwierigkeiten. Aber Amerika führt lieber fruchtlose Debatten um den Klimawandel, während China Hunderten von Millionen Menschen einen höheren Lebensstandard dadurch ermöglicht, dass alle Haushalte elektrifiziert werden.

Wie gefährlich ist die Debatte zwischen den USA und China?
Ich halte das Festkrallen der politischen Rechten in den USA für die grösste Bedrohung der kommenden Jahre. China hat die Zeit des Kalten Kriegs hinter sich gelassen, die Rechte in den USA lebt noch davon. Aber die Amerikaner müssen lernen, dass China eine soziale Marktwirtschaft ist, die von der Kommunistischen Partei effizient geführt wird wie ein Multi. Was mich zuversichtlicher stimmt, ist die Aussicht, dass Präsident Obama eine gute Chance auf eine Wiederwahl hat. Das sagen mir selbst Berater von Ex-Präsident Bush. Damit kann Obama die extreme kurzsichtige Optik der letzten Jahre endlich ablegen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.01.2011, 12:21 Uhr

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38 Kommentare

Martin Fürst

25.01.2011, 15:16 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Wir müssen unsere Kinder ins Früh-Chinesisch stecken und das komplett nutzlose Französisch endlich streichen. Deutsch, Englisch und Chinesisch braucht man, mehr nicht. Antworten


Hausi Meierhofer

25.01.2011, 12:46 Uhr
Melden

USA - China - Wirtschaftsgläubigkeiten; beides naiv und gegen den Menschen gerichtet. USA sollen begreifen, dass China eine soziale Marktwirtschaft betreibe - da gackern - wenn's den nicht so traurig wäre - die Hühner. Bitte liebe TA-Online-Redaktion; bieten sie nicht jedem selbstverliebten und unreflektierten Geschwätz eine Plattform. Eure Reader werden es euch danken. Antworten



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