Die Banken werden wieder national

Weniger Jobs, weniger Boni und mehr Auflagen: Die Banken haben ein miserables Jahr hinter sich. 2012 könnte noch schlechter ausfallen. Jetzt entdecken sie erneut den Charme des nationalen Marktes.

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Im Schweizer Finanzsektor wird es ungemütlich. Die Branche habe derzeit 15,1 Prozent weniger freie Positionen als vor Jahresfrist, meldet Finews.ch, ein auf die Finanzindustrie spezialisierter Nachrichtendienst, und fügt eine wenig rosige Zukunftsperspektive hinzu: «Da vorerst keine Entspannung auszumachen ist, muss mit einer längeren Durststrecke von unbekannter Dauer gerechnet werden.»

Dabei ist die Lage der Schweizer Banken vergleichsweise gut. In den benachbarten Ländern sind viele Banken von den Finanzspritzen der Europäischen Zentralbank (EZB) abhängig. Sie werden von der Zentralbank mit billigem Geld versorgt. Die angeschlagenen Banken müssen zudem nach wie vor einen Schuldenerlass bei den griechischen Staatsanleihen verkraften und wegen der neuen Richtlinien des «Basel III»-Abkommens ihr Eigenkapital erhöhen. Viele Banken sind damit überfordert. «Französische Banken verlassen Geschäftsfelder, die sie bis vor kurzem dominiert haben», meldet das «Wall Street Journal» (WSJ), «dazu gehört das Finanzieren von Handels- und Leasinggeschäften in der Airline-Industrie. Und sie weigern sich, Kredite von nicht französischen Unternehmen zu verlängern.»

Angeschlagene Investmentbanken

Auch das Herz des globalen Finanzsystems, die Wallstreet, ist angeschlagen. «2011 wird wahrscheinlich, was das Wachstum von Erlösen betrifft, das schlimmste Jahr der Banken seit 1938 sein, und bisher fühlt sich das Jahr 2012 nicht besser an», sagt Michael Mayo, Bankenanalyst und Autor des Buches «Exile on Wall Street». Tatsächlich werden die verwöhnten Banker wohl ein mageres Jahr haben. Die Boni werden sich auf dem Niveau von 2008 bewegen, so die Prognosen. Damals war die Finanzkrise auf ihrem Höhepunkt. Das bedeutet konkret, dass die rund 400 Partner bei Goldman Sachs mit Einkommenseinbussen von 40 bis 60 Prozent rechnen müssen. Das dürfte allerdings immer noch stolze Bonisummen zwischen 3 und 6,5 Millionen Dollar pro Kopf ergeben.

Goldman Sachs ist nach wie vor so etwas wie der «Goldstandard» der Finanzindustrie. Der Zustand dieser «Elitebank» ist ein Hinweis auf die allgemeine Malaise an der Wallstreet: Im dritten Quartal musste Goldman Sachs erstmals seit langem wieder einen Verlust bekannt geben. Und im vierten Quartal liegt der Gewinn weit unter den Erwartungen, nämlich bei 0,77 Dollar pro Aktie anstatt bei 3,15 Dollar. Der Aktienkurs liegt etwa 50 Prozent unter dem Höchstkurs.

Auch von anderen Wallstreet-Grössen wie Morgan Stanley und JP Morgan werden schlechte Jahresabschlüsse erwartet. Morgan Stanley werde die Boni für Banker und Händler um 30 bis 40 Prozent kürzen, wollen Insider wissen.

«Deglobalisierung»

Die Krise ist im Begriff, die Finanzindustrie neu zu organisieren. Nur noch ganz wenige Banken werden es sich leisten können, sogenannte Global Player zu sein und Kunden rund um den Erdball zu bedienen. Andere Finanzinstitute ziehen sich immer stärker auf den Heimmarkt zurück, vor allem die angeschlagenen französischen Banken wie Paribas und Société Général oder die Royal Bank of Scotland, die sich in der Subprimekrise fürchterlich verzockt hat. Aber selbst «gesündere» britische Banken wie die HSBC oder Barclays ziehen sich gemäss Angaben des WSJ immer stärker aus dem globalen Geschäft zurück.

Ein neuer Begriff macht bereits die Runde: «Deglobalisierung». Darunter versteht man den Rückzug auf den geschützten heimischen Markt. Das bedeutet eine Kehrtwende in der Strategie der Banken. Bisher haben sich die grossen Finanzhäuser von freien Kapitalmärkten und internationaler Kundschaft grosse Synergien und damit auch grosse Gewinne erhofft.

Eine Deglobalisierung der Banken wäre für Otto Normalverbraucher kein Problem. «Akademische Studien legen den Schluss nahe, dass eine globalisierte Finanzindustrie einen minimalen Einfluss auf die reale Wirtschaft hat», erklärt Richard Portes, Professor an der London School of Economics, gegenüber dem WSJ. «Vom Gigantismus profitiert haben einzig Banker, deren Löhne parallel zu den Bilanzen in die Höhe geschossen sind.» (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 10.01.2012, 06:40 Uhr)

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