Der Schrauber und das Kultobjekt

Christof Kipfer betreibt in Thun eine Werkstatt für Velosolex. Seine Kunden kommen aus ganz Europa. Dennoch ist das Werkeln am «Nasenwärmer» für ihn mehr Leidenschaft als Geschäft.

Christof Kipfer liebt seine Velosolex. Rund um die Werkstatt stehen immer etwa 30 Stück.

Christof Kipfer liebt seine Velosolex. Rund um die Werkstatt stehen immer etwa 30 Stück. Bild: Manu Friederich

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Leinwandlegenden wie Brigitte Bardot, Steve McQueen und Jacques Tati haben es zum Kultobjekt gemacht: das Velosolex. Unverwüstlich, einfach in der Bedienung, sparsam im Verbrauch und erschwinglich, so wurde das «Fahrrad, das von alleine fährt», in den Fünfzigern und Sechzigern zum populären Fortbewegungsmittel. Und auch heute noch umgibt das kleine schwarze Zweirad mit dem typischen Motor auf dem Vorderrad – welcher ihm im Volksmund den sympathischen Spitznamen Nasenwärmer eingebracht hat – eine spezielle Aura.

«Wenn ich mit meinem Solex durch die Stadt fahre, freuen sich die Leute und winken mir zu», erzählt Christof Kipfer strahlend. Der 39-Jährige führt in Thun eine Werkstatt ausschliesslich für Velosolex. Im Duzend stehen die Zweiräder vor seinem Wohnhaus, unter dem Velounterstand und im Gartenhaus. Er habe immer etwa 30 Stück hier, die nur darauf warten, von ihm repariert und anschliessend verkauft zu werden, sagt Kipfer.

Hassliebe auf den ersten Blick

Zwar habe er als «Emmentaler Bauerngiel» auch an Töffli herumgeschraubt. So wirklich fasziniert habe ihn das aber nie: «Den Ärmel reingezogen hat mir erst mein erstes Solex», schwärmt Kipfer. Zehn Jahre ist das nun her. «Ich habe damals via Gratisinserat im Internet nach einem Solex gesucht, das ich wieder in Schuss bringen konnte.» Gemeldet hat sich darauf ein Altersheim: Eine Insassin sei verstorben und habe ein Solex hinterlassen.

Es war Hassliebe auf den ersten Blick: «Was habe ich anfangs geflucht über die Maschine. Nichts lief so, wie ich mir das vorgestellt hatte, und ich war komplett überfordert.» Zum Glück, sagt Kipfer heute, sei er mit seinen unzähligen Fragen an Ulrich Hofer gelangt. Der Mechaniker aus Kirchberg ist laut Kipfer der beste Solex-Schrauber der Schweiz: «Ich habe zwar seitdem einiges über Solex gelernt, aber niemand in der Schweiz weiss mehr darüber als Uele. Er hat mir alles beigebracht und wurde für mich mit der Zeit zu einer Art Mentor.»

Solex fast wie Menschen

Das Solex-Fieber hat Kipfer nie mehr losgelassen. Wenn er über das kultige Fahrzeug spricht, glänzen seine Augen: «Solex sind sensibel und haben Stimmungsschwankungen, fast wie wir Menschen. Je nach Wetter muss man zum Beispiel die Luftzufuhr zum Zweitaktmotor auf- oder zudrehen. Als mir das jemand zum ersten Mal erzählt hat, habe ich gedacht: Also an Esoterik glaube ich nicht. Aber heute weiss ich: Es stimmt.»Er habe eigentlich nie geplant, mit seiner Passion Geld zu verdienen. «Am Anfang habe ich nur für mich selber geschraubt», erklärt der Thuner.

«Immer wieder haben mich aber Leute gefragt, wo sie denn ein Solex kaufen könnten.» So habe das mit der Werkstatt seinen Lauf genommen. Bloss: Leben könne er davon nicht, betont Kipfer. Das könne in der Schweiz keiner. «Dafür ist der Markt schlicht zu klein.» Kipfer arbeitet deshalb hauptberuflich als Oberstufenlehrer.

Trotzdem verbringt er durchschnittlich einen Tag pro Woche in der Werkstatt, richtet alte Solex her, die er dann verkauft. «Ungefähr 20 Stück pro Jahr», wie er selber sagt. Wenn es sein Lehrerpensum zulässt, bearbeitet er jeden Morgen in der Früh seine Geschäfts- E-Mails. Mit dem Erlös aus der Werkstatt bezahlt er immerhin die Ferien für die fünfköpfige Familie.

Skandinavische Kundschaft

Das Geschäft laufe immer besser, verrät Kipfer – der Retrowelle sei Dank. Mittlerweilen ist es fast ein kleines Familienunternehmen: Seine Frau sei anfangs sehr skeptisch gewesen, heute bediene sie aber sogar die Kunden, wenn er nicht da sei. Kipfers wirtschaftliches Ziel: «Es wäre schön, wenn ich rund ein Fünftel unseres Lebensunterhalts mit der Werkstatt finanzieren und den Lehrerjob auf 80 Prozent reduzieren könnte.» Eine lukrative Zukunft sieht er vor allem im Verkauf von Ersatzteilen. Hier sei die Nachfrage derzeit immens: «Ich verschicke meine Ersatzteile auch an viele Kunden ausserhalb der Schweiz: nach Deutschland, Österreich und bis nach Skandinavien.»

Das grösste Hindernis für mehr finanziellen Erfolg ist wohl nicht die fehlende Nachfrage, sondern Kipfers Liebe zum Kultobjekt. Diese kommt schon mal vor dem Geschäftssinn, etwa beim Einkauf: «Ich mag die Fahrzeuge so, dass ich zum Teil kompletten Schrott kaufe.» Eine Reparatur lohne sich dann zwar eigentlich nicht mehr. Kipfer macht sie trotzdem.

Auch bei den Ersatzteilen ist Kipfer nicht unbedingt ein gewiefter Geschäftsmann: «Mir ist es wichtig, dass der Geist der Velosolex weiterlebt. Darum verlange ich für meine Ersatzteile viel weniger als die grossen Anbieter von Ersatzteilen.» Ein Rechenbeispiel: Für einen Weisswandreifen verlangt der Thuner 35 Franken. «Bei der Konkurrenz kostet der gleiche Reifen 89 Stutz.» Dabei könnte Kipfer für viele Teile in seiner Werkstatt die Preise erhöhen, denn sie sind andernorts nicht zu bekommen. Einige hat er erst nach aufwendiger Recherche auftreiben können, andere sogar speziell anfertigen lassen.Doch nicht alles in seiner Werkstatt steht zum Verkauf. In einer Ecke bewahrt Kipfer sein Prunkstück auf: ein Solex aus dem Jahr 1950. Es stammt aus der Fabrik der Schweizer Firma Hispano Suiza, die zwischen 1948 und 1957 hierzulande Solex produziert hat. Den Wert der Maschine schätzt Kipfer auf rund 2500 Franken. Sie wegzugeben, kommt für ihn aber nicht infrage. «Auf keinen Fall!» (Der Bund)

Erstellt: 08.08.2013, 11:02 Uhr

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Bereits 1905 gründeten Marcel Mennesson und Maurice Goudard das Unternehmen Solex. Aber erst fast vierzig Jahre später – 1941 – haben die beiden Franzosen einen Motor auf ein Herrenfahrrad montiert und so den Prototyp für ihr späteres Erfolgsprodukt entworfen.

In Serie ging das Velosolex 1946 mit einer Auflage von 15 Stück. Der 43 Kubikzentimeter grosse Zweitaktmotor leistete 0,4 PS. Schon bald produzierten Unternehmen im Ausland das Fahrzeug in Lizenz.

Im Jahr 1964 erreichte die Produktion ihren Höhepunkt: Insgesamt wurden damals 380'000 Solex gebaut. Im selben Jahr ersetzte auch ein viereckiger Rahmen den bisherigen runden. Ein Solex kostete damals rund 300 Franken – 1200 bis 1450 Franken sind es heute bei Christof Kipfer.

Die Nachfrage ging ab Mitte der Sechziger stetig zurück. Da half es auch nicht, dass die Firma mit neuen, ausgefallenen Modellen – etwa einem dreiräderigen und einem faltbaren Solex – das Geschäft wiederzubeleben versuchte. Bis Anfang der Achtzigerjahre sank die Produktion auf ein paar Tausend Stück. Im Herbst 1988 wurde die Solex-Fabrik stillgelegt.

Für Kipfer ist die Geschichte, die er mit viel Liebe zum Detail auf seiner Website Velo-solex.ch zusammengetragen hat, damit abgeschlossen. Dafür, dass die Firma Sinbar vor einigen Jahren die Namensrechte an Solex erworben hat und seitdem eine Elektroversion des Zweirads produziert, findet der Schrauber keine guten Worte.

«Wer Solex toll findet, soll sich eine Originalmaschine kaufen», rät er. Dabei sei allerdings zu beachten, dass die Maschine schon einmal in der Schweiz zugelassen worden sei. Sonst könne beim Registrieren das böse Erwachen kommen. Dem Laien empfiehlt er: «Auf Nummer sicher gehen Sie, wenn Sie ein Solex mit Schweizer Fahrzeugausweis kaufen.»

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