Wirtschaft

«Das wird für frischen Wind in der Ratingindustrie sorgen»

Interview: Bernhard Fischer. Aktualisiert am 02.05.2012 14 Kommentare

Europas Ratingagentur ist offenbar wieder auf Kurs. Im Interview mit DerBund.ch/Newsnet erklärt dessen Gründer Markus Krall, was er anders machen will als die US-Agenturen Standard & Poor's oder Moody's.

1/5 Schnell verliert ein Staat mal seine Triple A, das macht die Refinanzierung am Kapitalmarkt schwierig, Die Zinsen für Staatsanleihen etwa von Italien, Spanien, Irland oder Portugal gefährden den Fortbestand des Euro.

   

Markus Krall (49) war seit 2010 Senior-Berater der Unternehmensberatung Roland Berger. Seit 1. Mai ist er offiziell ausgeschieden und widmet sich ausschliesslich dem Projekt einer Ratingagentur europäischen Zuschnitts.

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Herr Krall, die europäische Ratingagentur war bereits tot gesagt, jetzt soll das Projekt bald stehen. Was gilt nun?
Die Medienberichte über ein Scheitern des Projekts sind so nicht zutreffend. Wir arbeiten weiter an dem Projekt und kommen bei der Mitteleinwerbung gut voran. Richtig ist aber, dass wir länger brauchen, als wir ursprünglich gedacht haben. Das hat aber nichts mit der Akzeptanz bei den Investoren zu tun, sondern mit dem logistischen Aufwand. Wir müssen in ganz Europa mit rund 70 Institutionen sprechen. Vor allem die juristischen Herausforderungen sind sehr gross.

Wie wird die neue Ratingagentur heissen?
Sie wird nicht Europäische Ratingagentur heissen und es wird eine englische oder lateinische Bezeichnung werden.

Welche Investoren sind bereit, das Projekt zu finanzieren? Wie viel Geld haben Sie bereits gesammelt?
Wir wollen 300 Millionen einwerben. Zusagen haben wir derzeit für 130 Millionen, in den nächsten Wochen wollen wir etwa die Hälfte von den 300 Millionen haben. Wir gehen davon aus, dass wir an den Start gehen werden, wenn wir die Hälfte beisammen haben.

Wann wird das sein?
In den nächsten Tagen haben wir die juristischen Fragen geklärt. Stiftung und GmbH werden wir als juristische Infrastruktur in diesem Monat gründen. Unser Ziel ist es, bis Ende Juni so viele Unterschriften gesammelt zu haben, dass wir mit der Grundinfrastruktur im dritten Quartal starten können.

Woran kann das Projekt noch scheitern?
Theoretisch an vielen Dingen. Zum Beispiel daran, dass die Investoren in letzter Minute abspringen. Oder es kann in Europa noch zu einer Menge von Friktionen kommen, die das Projekt gefährden können. Risiken gibt es bis zum Schluss, das kann ich nicht leugnen.

Hat der Wahlausgang in Frankreich einen Einfluss auf Ihr Projekt?
Das ist insofern der Fall, als eine finanzierende Bank möglicherweise lieber nach der Wahl eine Entscheidung trifft. Ich kann nicht Gedanken lesen, aber mein Eindruck ist, dass die Gespräche hier in Frankreich grundsätzlich vom Wahlthema nicht belastet sind. Die Kandidaten haben in dieser Frage keine diametral entgegengesetzten Positionen. Deshalb rechne ich auch nicht mit einem negativen Einfluss auf die grössten Finanzinstitutionen des Landes, wenn es um unser Projekt geht. Ich stehe dazu mit relevanten politischen Entscheidungsträgern auf hohen politischen Ebenen in Kontakt.

Wie fix sind die Zusagen der Geldgeber?
Zugesagt heisst, die Investoren haben ihre grundsätzliche Bereitschaft erklärt, mitzumachen. Per Unterschrift besiegelt ist das noch nicht.

Sind unter den Zusagenden auch US-Institutionen?
Wir sprechen auch mit nichteuropäischen Institutionen, das beschränkt sich nicht auf die USA. Es gibt aber noch keine festen Zusagen ausserhalb Europas.

Wer genau sind die Geldgeber?
Das sind in erster Linie Banken und Versicherungen, aber keine Staaten. Die Beteiligten bleiben so lange anonym, bis die Mitteleinwerbung abgeschlossen ist. Wir wollen die Finanzinstitute nicht allfälliger öffentlicher Kritik aussetzen. Auf Staaten gehen wir nicht zu und verweigern uns diesen in dieser Frage auch. Politiker sind schon an uns herangetreten mit dem Hinweis, ob wir das Projekt mit staatlichen Geldern nicht beschleunigen wollen. Das lehnen wir aber ab, weil der Staat als grösster Emittent von Wertpapieren einen Konflikt bedeuten würde. Wir wollen erst gar nicht in den Geruch von Parteilichkeit kommen, wenn es um das Thema Staatsratings geht.

Wenn Banken vom Staat aufgefangen werden müssen, lässt sich das wohl nicht vermeiden...
Das ist richtig, man kann man nicht ausschliessen, dass es im Zuge von Bankenrettungen zu teilweise sogar dominierenden Staatsbeteiligungen kommt. Die Konstruktion muss so gebaut sein, dass eine einzelne Bank nicht in einen Interessenkonflikt geraten kann. Wir stellen das sicher, indem wir das Geld nicht als Eigenmittel einwerben, sondern als Kredit der Finanzinstitute.

Was bedeutet das konkret?
Jedes der angesprochenen Finanzinstitute soll Kredite von bis zu zehn Millionen geben. Und zwar nicht an die Ratingagentur, sondern an eine gemeinnützige Stiftung. Die Stiftung wiederum wird das Geld als Eigenmittel in die Ratingagentur einlegen. Die Stiftung selbst ist von den Kapitalgebern völlig unabhängig und wird den Sitz in den Niederlanden haben. Mit den künftigen Stiftungsratsmitgliedern sind wir bereits in Gesprächen. Das sind zum grossen Teil Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, die nicht mehr aktiv im Berufsleben stehen und daher unabhängig agieren können.

Werden Sie auch Banken in den USA raten?
Ja.

Haben wir bald einen Krieg der Ratingagenturen?
Das vielleicht nicht, aber es wird für frischen Wind in der Ratingindustrie sorgen.

Wollen sich die Banken und damit ihre Geldgeber indirekt bessere Ratings erkaufen?
Besser im Sinne von präzise, ja. Gefälligkeitsratings oder das Ziel, das Länder oder Banken nach unserem Rating besser dastehen als nach einem Rating von einer der drei grossen US-Agenturen, das kann ich klar verneinen. Einige Länder werden möglicherweise besser, andere vielleicht schlechter dastehen. Staaten können sich an unserer Ratingagentur wie erwähnt nicht beteiligen. Dass es aber einige Länder geben wird, die nach unserer Bewertung besser dastehen werden, ist nicht auszuschliessen. Was die Geldgeber betrifft, so haben diese jedenfalls keinen Einfluss auf die Ratings, dazu haben wir ausreichend Mechanismen eingebaut. Ein einzelner Finanzier kann nicht mehr als rund drei Prozent von den 300 Millionen an Kredit beisteuern. Damit wird ein dominierender Einfluss der Geldgeber verhindert. Innerhalb der Agentur gibt es einen wissenschaftlichen Beirat, der den Vorstand hinsichtlich Wissenschaftlichkeit und Transparenz der Ratings überstimmen kann.

Reicht ein Beirat, um die Transparenz zu gewährleisten?
Der gesamte Bewertungsprozess wird nachvollziehbar und nachrechenbar sein, ist bereits in Banken erprobt und daher auch kostengünstiger. Transparenz stellen wir dadurch her, indem wir die Reports auf einer Ratingplattform kostenlos veröffentlichen. Jeder einzelne Bewertungsschritt wird in Echtzeit für die Öffentlichkeit zugänglich sein, um die Unvoreingenommenheit nachprüfbar zu machen. Es wird auch Internetblogs geben, wo auf eventuelle Fehler beim Ratingprozess hingewiesen werden kann.

Wenn alles von Anfang an zugänglich ist, womit verdient die Agentur dann Geld?
In drei Jahren wollen wir die gesamte Leistungspalette anbieten, die die anderen Ratingagenturen auch anbieten: Staatsratings, Bankenratings, Unternehmensratings, Ratings für strukturierte Produkte und das alles weltweit. Deswegen brauchen wir auch so eine hohe Investitionssumme. Am Anfang werden wir leider noch das emittentenbasierte Bezahlsystem führen müssen, weil das die regulatorischen Vorgaben sind. Das heisst, jener Kunde, der beispielsweise eine Anleihe begibt, bezahlt uns für das Rating, das er von uns erhält. Das Problem dabei ist, dass der Emittent die für ihn vorgesehene Benotung selbst bezahlt.

Also alter Wein in neuen Schläuchen?
Erst wenn die Kommission in Brüssel die notwendigen regulatorischen Voraussetzungen für ein investorenbasiertes Bezahlmodell schafft, können wir darauf umstellen. Das sieht dann vor, dass jener, der das Wertpapier kauft, das Rating auch bezahlt. Die Herausforderung dabei ist, dass bei Hunderten Investoren der Erste das Rating bezahlt und weitere Investoren von dem Rating als Trittbrettfahrer profitieren könnten. Wir müssen daher eine zentrale Handelsplattform für die Ratings schaffen. Einen ersten Vorschlag zu einer solchen Handelsplattform haben wir der Europäischen Kommission bereits vorgelegt, das wird derzeit geprüft.

Werden die Ergebnisse der europäischen Ratingagentur andere sein als jene der US-Agenturen?
Teilweise ja. Man kann nicht sagen, dass die Ratings der US-Agenturen bisher falsch waren. Wir kritisieren ja auch nicht das einzelne Rating, das mag durchaus zutreffend sein. Es ist nur so, dass derzeit drei Agenturen rund 95 Prozent des Weltmarkts für Ratings dominieren, allein zwei davon bereits 80 Prozent, das sind Standard & Poor's und Moody's. Uns geht es nicht darum, kritische Ratings aus den USA abzuwehren, sondern den Markt transparenter zu machen. Bei den Ergebnissen wird es Überschneidungen und Abweichungen geben.

Welche Abweichungen?
Beispielsweise hinsichtlich der Methoden. Bei Staatsratings werden wir die systemischen Risiken in unsere Bewertungen mit einbeziehen. Das sind etwa Banken- und Wirtschaftskrisen, Naturkatastrophen oder Kriege. Sollten sich in diesen Bereichen Risikofaktoren ergeben, dann werden wir uns diese genauer anschauen als das bisher der Fall war. Denn auch diese Risiken wirken sich auf die Volkswirtschaft eines Landes aus. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.05.2012, 15:24 Uhr

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14 Kommentare

Carlo Schnydrig

02.05.2012, 15:49 Uhr
Melden 25 Empfehlung 0

Ist doch auch langsam an der Zeit, dass Europa den politischgesteuerten USA-Ratingagenturen entgegentreten kann. Hier bleibt nur zu hoffen, dass die europäische Ratingagentur dies mit gleicher Entschlossenheit wie die amerikanischen tut, mit der Ausnahme, dass diese nicht lobbygesteuert und mit versteckten Hinterabsichten agiert. Antworten


Christian Müller

02.05.2012, 16:35 Uhr
Melden 15 Empfehlung 0

Bitte informieren Sie sich bevor sie uns ständig "beglücken". Rating Agenturen und Aktionäre? Eine Rating-Agentur hat als Aufgabe, die Kreditwürdigkeit einer Firma eines Landes einzustufen, damit Anleiheninvestoren wie Versicherungen, Pensionskassen eine Einschätzung haben. Ihre Sozialromanik hat man ja in genügend Ländern versucht und bricht jetzt ja überall zusammen. Antworten



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