Das dunkle Geheimnis hinter den hell erleuchteten Displays

Noch kümmern sich Konsumenten wenig um die Frage, was in ihren Smartphones verbaut ist. Das könnte sich ändern.

Im Kalimbi-Bergwerk gewinnen kongolesische Arbeiter unter fairen Bedingungen jeden Monat 100 Tonnen Zinnerz.

Im Kalimbi-Bergwerk gewinnen kongolesische Arbeiter unter fairen Bedingungen jeden Monat 100 Tonnen Zinnerz. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als sein elfjähriger Sohn in Tränen aufgelöst mit der defekten Nintendo-Spielkonsole vor ihm stand, vertraute der Holländer Bas van Abel auf sein handwerkliches Geschick und versuchte, das Spielgerät aufzuschrauben. Doch die Schrauben liessen sich nicht drehen, sie zerbröselten unter dem Druck des Schraubenziehers. Bas van Abel wunderte sich und stellte sich zwei Fragen: Wie sag ichs meinem Sohn? Und: Warum verwehrt uns Nintendo den Blick ins Geräteinnere?

Van Abel begann, sich fürs Innenleben der portablen Computer und Telefone zu interessieren. Er fand heraus: In jedes Smartphone werden 30 bis 40 Mineralien verbaut, Zinn, Tantal, Wolfram und Gold sind die wichtigsten. Damit wir in Europa auf den Displays unserer Mobiltelefone flink virtuell durch die Welt surfen können, müssen in rohstoffreichen Ländern Minenarbeiter von Hand Schwerstarbeit leisten, oft weit unter Tageslicht.

Bas van Abel reiste in den Kongo, wo weltweit die grössten Tantal-Vorkommen vermutet werden, und verstand bald, warum dieses rohstoffreiche Land in Afrika wirtschaftlich nicht vom Fleck kam: Die Erträge aus dem Rohstoffabbau kommen nicht der Bevölkerung zugute, sondern sie alimentieren primär den bewaffneten Konflikt zwischen Regierungsarmee und Rebellen. Wer in Holland oder in der Schweiz ein Smartphone kauft, finanziert damit also indirekt die Aufrüstung der Bürgerkriegsparteien. Unter diesem Eindruck entschloss sich van Abel mit vier Mitstreitern, ein faires Smartphone zu entwickeln – und lancierte vor drei Jahren die Fairphone-Initiative.

«Niemand kann das nachweisen»

Gestern Nachmittag war van Abel einer von neun Referenten an der Konferenz «Wie viel Blut steckt in unseren Computern und Handys?» in Bern. Die Hilfswerke Brot für alle und Fastenopfer hatten keinen Aufwand gescheut, um die Thematik auszuleuchten. So berichtete der Kongolese Gabriel Kamundala vom Centre d’Experties en Géstion Minière in Bukavu aus erster Hand, warum seine Landsleute mangels Jobalternativen ihre Kinder zum Mineralienabbau in die Minen bringen. Leider stünden ihm nur 20 Minuten zur Verfügung, sagte Kamundala, er brauchte mindestens zwei Tage, um die Missstände aufzuzeigen.

Kamundala rief dazu auf, den Handel mit Mineralien aus dem Kongo nicht einzustellen, auch wenn Menschenrechtsverletzungen und Korruption noch lange nicht ausgeräumt seien. Vor drei Jahren hatte der amerikanische Kongress in einem Anhang zum Dodd-Frank-Act (Reform des Finanzwesens) festgehalten, der Handel mit Konfliktmineralien aus Kongo-Kinshana sei einzustellen. Dadurch verlor die Region vorübergehend einen der wichtigsten Wirtschaftszweige. Statt eines Boykotts sollten die westlichen Regierungen, Konzerne und Konsumenten mithelfen, den Rohstoffmarkt in der Republik Kongo sicherer und transparenter zu machen, forderte Kamundala und räumte sogleich selber ein, dass das angesichts der über 8000 Minen im Land ein schwieriges Unterfangen sei.

Doch wissen die Konzerne überhaupt, woher die Rohstoffe kommen, welche in ihren Produkten verbaut sind? Jan-Willem Scheijgrond gab einen offen Einblick, wie sich die Lage bei Philips präsentiert. «Angesichts der 300 000 Produkte und 10 000 Lieferanten ist es absolut unmöglich, die Geschichte der Rohstoffe jedes Produkts zu erfahren», sagte der Philips-Manager. «Niemand in unserer Industrie kann seriös nachweisen, dass kein Blut vergossen wurde und keine Kinderarbeit im Spiel war.»

Bei Bananen, Diamanten oder Kaffee sei es möglich, die Wertschöpfungskette zu kontrollieren, bei den komplexen Produkten in der Elektronikindustrie dagegen nicht, führte Scheijgrond weiter aus. Schon die ersten drei Schritte Rohstoffabbau, Rohstoffhandel und Verarbeitung/Einschmelzung seien oft auf drei Kontinente verteilt, dann würden durch wieder andere Anbieter Komponenten produziert und die Geräte gefertigt. Der Konzern, der die Ware schliesslich an die Endkonsumenten verkauft, tappt in vielerlei Hinsicht selber im Dunkeln. Philips versucht wie andere Konzerne, über die Schmelz-Unternehmen Einfluss zu nehmen, weil ihre Zahl überschaubar ist und sie in der Mitte der Lieferkette stehen.

Doch auch da sind den Kontrollbemühungen enge Grenzen gesetzt, wie Scheijgrond ausführte. «Die meisten asiatischen Anbieter gehören dem Staat. Diese zeigen durchs Band kein Interesse an Transparenz.» Der Philips-Manager wünschte sich hier verbindliche gesetzliche Auflagen. Dieses Ziel verfolgt auch Tim Steinweg, Forscher am Somo-Zentrum in Holland. Er hat 186 börsenkotierte europäische Unternehmen daraufhin untersucht, ob sie sich auf der Homepage dazu äussern, wie sie die Herkunft ihrer Rohstoffe prüfen.

Nur 34 davon griffen das Thema in irgendeiner Form auf. Bei jenen, die aufgrund einer zusätzlichen Kotierung an der US-Börse dazu verpflichtet waren, lag der Anteil bei 75 Prozent. «Ohne gesetzliche Auflagen bewegt sich bei den Unternehmen nicht viel», folgerte Steinweg und verwies darauf, dass sich seit kurzem 59 Nichtregierungsorganisationen gemeinsam für eine Verankerung der Sorgfaltsprüfung in der EU-Gesetzgebung starkmachten.

Fairphone trifft Swisscom

Auch wenn gemäss einhelliger Meinung der Experten eine 100 Prozent konfliktfreie und faire Elektronikproduktion unrealistisch ist, sind Veränderungen zum Guten zu registrieren. So wurde vor einem Jahr im kongolesischen Kalimbi eine stillgelegte Zinn-Mine unter strengen Auflagen wieder in Betrieb genommen. Dort werden seither pro Monat 100 Tonnen «konfliktfreies» Zinnerz produziert. Philips hat sich verpflichtet, über einen Schmelzkonzern 20 Tonnen Zinn aus dieser Mine zu beziehen, auch wenn die Preise anderswo tiefer wären.

Auch Schweizer Unternehmen wie die Swisscom engagieren sich zunehmend, etwa durch Recyclingprogramme oder die Angabe von Umweltindikatoren in Verkaufsstellen. Swisscom-Manager Fabian Etter verwies gestern darauf, dass sich neun europäische Telekommunikationsunternehmen zur Joint Audit Cooperation zusammengeschlossen hätten, um gegenüber den übermächtigen Konzernen wie Samsung oder Apple, aber auch bei den Zulieferern ihre Positionen mit mehr Gewicht einbringen zu können.

Bas van Abel musste bei der Produktion seiner ersten 20 000 Fairphones einige Kompromisse machen. Auch wenn sein Marktanteil winzig ist, verändern er und sein kleines Team mit der Fairphone-Initiative die ganze Branche. «Im Idealfall fragen die Konsumenten beim nächsten Kauf nicht nur nach Preis und Leistungsfähigkeit», hofft der Holländer. Er war nach der Konferenz mit zwei Swisscom-Managern verabredet. Es gebe noch viele Fragezeichen, aber man prüfe eine Zusammenarbeit, war zu hören. (Der Bund)

(Erstellt: 25.10.2013, 11:33 Uhr)

Artikel zum Thema

NSA überwachte 35 Spitzenpolitiker

Medien berichten, der Abhörangriff auf das Handy von Angela Merkel sei von der US-Botschaft in Berlin aus gesteuert worden. Anscheinend wurden viele weitere internationale Politiker belauscht. Mehr...

Feriengrüsse per Handy versenden

Service Mit Apps lassen sich eigene Karten kreieren und gleich auch per Post verschicken. Mehr...

Einmal digital entgiften, bitte!

In manchen Hotels und Restaurants ist weniger mehr: Der Verzicht auf Internet, Handy und Tablets soll gestresste Berufsleute entspannen. Mehr...

Sponsored Content

Heisse Karrierefrau sucht

Erfolgreiche Frauen suchen unverbindlichen, schnellen Spass.

Werbung

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Michel Platini, 1983

Blog: Never Mind the Markets Die Achillesferse Europas

Die Welt in Bildern

Schulterstand: Artisten der China National Acrobatic Troupe bewerben in Scheveningen ihre Show, die für zehn Tage in der niederländischen Hafenstadt gastiert (28. Juni 2016).
(Bild: Robin van Lonkhuijsen) Mehr...