Wirtschaft

Das Tor zu Chinas Westen

Von Anita Merkt. Aktualisiert am 12.09.2012 10 Kommentare

Jedes Jahr kommen 400'000 Zuzüger nach Chongqing. Was hinter dem beispiellosen Boom der Stadt steckt, zeigt der dritte Beitrag unserer Serie «Metropolen des 21. Jahrhunderts».

1/14 Explosive Stadtentwicklung: Skyline von Chongqing in der Abenddämmerung.
Bild: AFP

   

Metropolen des 21. Jahrhunderts

Wo boomt es auf der Welt? In einer Serie nimmt DerBund.ch/Newsnet diese Woche fünf aufstrebende Metropolen aus fünf Kontinenten unter die Lupe.

Bisher erschienen

Chongqing, China

«Tages-Anzeiger»-Korrespondent Marcel Grzanna im Interview

Sie kamen vor fünf Jahren nach China. Was hat Sie an Chongqing am meisten beeindruckt?
Hier werden ganze Stadtviertel am Reissbrett entworfen und dann im Rekordtempo hochgezogen. Ich war vor kurzem in einem dieser Vororte, die wirklich nett geworden sind, mit Einkaufsstrassen, Bürogebäuden und Springbrunnen. Allerdings weiss ich nicht, ob es in ein paar Jahren da noch genauso schön sein wird. Die Qualität der Bausubstanz in diesen neuen Quartieren ist zum Teil miserabel. In kürzester Zeit fängt alles an zu bröckeln.

Was fällt an der Stadt besonders auf?
Das Wachstum und der gewaltige Immobilienboom stechen natürlich überall in China ins Auge. Aber nach Chongqing ist enorm viel Geld geflossen. Mit riesigen Konjunkturpaketen wurden Industrieunternehmen hergelockt. Vor ein paar Jahren gab es hier vor allem Schwerindustrie und Autobauer, doch jetzt werden auch moderne Industrien angesiedelt, Chongqing soll zum Laptop-Zentrum der Welt werden.

Wie kommen die ganzen Güter nach Osten zu den Exporthäfen?
Ein grosser Teil der Waren wird für den regionalen Markt produziert. Allein im Grossraum Chongqing leben mehr als 30 Millionen Menschen. Der Rest gelangt über den Jangtse in den Osten, die Autobahnen und Flughäfen wurden massiv ausgebaut.

Wie wird Chongqing in zwanzig Jahren aussehen?
Es wird generell in China nicht so weitergehen wie bisher. Um das Wachstum aufrechtzuerhalten, muss die Partei auf die Privatindustrie setzen. Doch je wichtiger die privaten Unternehmer werden, desto mehr werden sie auch politisch mitreden wollen. Ausserdem gibt es jedes Jahr Hunderttausende von spontanen Protesten gegen Korruption und Beamtenwillkür. China ist ein Pulverfass. Wie die Partei damit umgehen wird, wird sich zeigen. Davon hängt auch die weitere Entwicklung von Metropolen wie Chongqing ab.



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Es war eine unrühmliche Episode, die Chongqing in die Schlagzeilen brachte. Gu Kailai, Frau des Parteisekretärs und Stadtverwalters Bo Xilai, wurde wegen der Vergiftung eines britischen Geschäftspartners am 20. August zur «Todesstrafe mit Aufschub» verurteilt. Die Karriere ihres Mannes wurde durch die allmächtige Partei jäh beendet.

Dabei wurde das rasante Wachstum von Chongqing lange Zeit als Erfolg des nimmermüden Parteikaders Bo gefeiert. 32 Millionen Menschen wohnen im Bezirk Gross-Chongqing. Das Wirtschaftswachstum des eigentlichen Stadtgebiets mit seinen acht Millionen Einwohnern liegt bei 16 bis 17 Prozent und damit fast doppelt so hoch wie im chinesischen Durchschnitt.

Autos und mechanische Teile

Besonders rasant hat sich in der neuen Boomregion weitab der Ostküste die Motorrad- und Autoindustrie entwickelt. In Eigenregie und Joint Ventures mit Suzuki oder Peugeot-Citroën fertigen die Fabriken in Chongqing jährlich 400'000 PW und ein Drittel der landesweit produzierten Motorräder. Auch Ford, Isuzu und Iveco sind in Chongqing präsent.

Neben Autos, Schwerindustrie, Metallverarbeitung und mechanischer Industrie spielt in Chongqing auch die Erdöl- und Chemieindustrie eine wichtige Rolle. BP hat zusammen mit der Sinopec Sichuan Vinylon Works gerade ein neues Essigsäure- und Esterwerk am Jangtse gebaut. Der deutsche Chemieriese BASF errichtet zurzeit ein Polyethylen-Werk für 860 Millionen Euro.

Ulrich Birch, der seit 2004 für die ABB in Chongqing arbeitet, hat die explosive Entwicklung der Stadt von Anfang an miterlebt. «1997 kam ich zum ersten Mal nach Chongqing, weil die Stadt der Ausgangspunkt für die Drei-Schluchten-Tour war», erzählt Birch, «es war ein Ort, aus dem man möglichst schnell wieder wegwollte.»

«Alles war furchtbar arm und dreckig»

«Ich hatte schon viele chinesische Städte gesehen. Aber Chongqing war für mich die hässlichste von allen. Die Kinder sahen sehr schlimm aus, alles war furchtbar arm und dreckig», sagt Birch. Als der Ingenieur nach sieben Jahren wiederkam, hatte sich die Schmuddelstadt komplett verändert. «Es gab ein schönes Stadtzentrum mit Hochhäusern und Fünfsternehotels. Heute ist alles enorm sauber», erzählt der Ingenieur. 2005 siedelte Birch nach Chongqing um, um für ABB ein Joint Venture mit einer chinesischen Firma zu leiten und eine neue Fabrik aufzubauen.

Die Entwicklung Chongqings in der Mitte Chinas kommt nicht von ungefähr, sondern wird von der Führung der Kommunistischen Partei gezielt vorangetrieben. Als eine von nur vier Stadtregionen Chinas wurde Chongqing 1997 direkt der Zentralregierung unterstellt. Die Partei möchte das enorme Wirtschaftswachstum, das bisher vor allem an der Ostküste Chinas stattfand, ins unterentwickelte Landesinnere verlagern.

Eine Bambussprosse im Frühlingsregen

Mit verantwortlich für das Wachstum Chongqings ist das grösste Konjunkturprogramm, das die Welt je gesehen hat. Insgesamt 4000 Milliarden Yuan (490 Milliarden Euro) pumpte China in den letzten Jahren in den Westen und ins Zentrum des Landes. Der Löwenanteil davon floss nach Chongqing. Auch der im März 2012 verabschiedete 12. Fünfjahresplan schreibt sich die Förderung der westchinesischen Wirtschaft auf die Fahnen. Chongqing soll in 15 Jahren die Wirtschaftskraft Hongkongs erreichen.

Die Stadt am Zusammenfluss des Jangtse und des Jialing ist seit Jahren eine einzige Baustelle. Alte Stadtteile werden weggesprengt, um Strassen und neuen Hochhäusern Platz zu machen. Auch das letzte Armenviertel Shibati soll demnächst Bürogebäuden und modernen Wohnsilos weichen. Am internationalen Flughafen Chongqing Yiangbei entstehen neue Rollfelder und Landebahnen. Laut Birch erhält die Stadt «neue Einkaufszentren im Überfluss. Im Norden werden im Eiltempo ganze Stadtteile hochgezogen.» Chongqing wachse wie Bambussprossen im Frühlingsregen, sagt der langjährige Chinakorrespondent Henrik Bork.

Viel niedrigere Löhne als im Osten

Die Diskrepanz zwischen den Lebensbedingungen der Landbevölkerung und dem Leben in der Stadt ist riesig. Jedes Jahr strömen deshalb zwischen 300'000 und 400'000 zusätzliche Menschen in die Metropole. «Nicht alle finden sofort eine Arbeit. Der enorme Zuzug bringt auch Probleme mit sich», beobachtet Birch. «Zwar gehen in China auch auf dem Land alle Kinder zur Schule», sagt er. Doch die Zuzüger hätten in der Regel keine Ausbildung. «Die Industrieunternehmen suchen Arbeiter, die schon eine gewisse Grundausbildung mitbringen.» Zusammen mit lokalen und internationalen Partnern versucht ABB, in Chongqing eine Art Berufslehre nach Schweizer Vorbild zu etablieren.

Für die Unternehmen, die sich in Chongqing ansiedeln, zählen vor allem die niedrigen Grundstückspreise und die Steuervergünstigungen. Der Zugang zur Macht ist durch den besonderen Status Chongqings sehr viel direkter. Ausserdem sind die Löhne im Vergleich zu den Zentren an der Ostküste noch immer sehr niedrig: Für die in- und ausländischen Unternehmen macht dies den Nachteil der weiten Entfernung zu den Exporthäfen an der Ostküste wieder wett.

Eisenbahn bis nach Europa

Aber auch daran wurde gearbeitet. So hat die grossflächige Überflutung nach der Inbetriebnahme des Drei-Schluchten-Damms den Warentransport per Schiff erheblich verbessert: Der Stausee reicht heute bis an Chongqing heran. «Es gibt jetzt auch eine direkte Eisenbahnverbindung zwischen Chongqing und Antwerpen», erzählt Birch. Die Deutsche Bahn nutzt die transsibirische Strecke für Kunden wie BMW oder Hewlett Packard bereits täglich.

Um von den etablierten Industriebranchen unabhängiger zu werden, bemüht sich Chongqing um die Ansiedlung von Unternehmen, die Computer, elektronische Komponenten und Hightech produzieren. Erste Erfolge manifestieren sich: So will Hewlett Packard zusammen mit der taiwanesischen Foxconn das weltweit grösste Produktionszentrum für Notebook-Computer errichten. Der Fünfjahresplan setzt weiter auf die Ansiedlung von Finanz- und Dienstleistungsunternehmen. Ob das funktioniert? Manche Beobachter zweifeln daran, dass sich die rasante Entwicklung des «Tors zum Westen» in den kommenden Jahren fortsetzen lässt. Allerdings ist bis jetzt von einer gebremsten Entwicklung in der explodierenden Stadt noch nichts zu merken. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.09.2012, 14:47 Uhr

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10 Kommentare

Franziska Äff

12.09.2012, 16:34 Uhr
Melden 26 Empfehlung 0

War im März dort. Soo sauber fand ichs jetzt auch nicht ;) Da wird wirklich überall gebaut! Aber interessant wars, dass man fast keine Ausländer sieht, obwohl die Stadt so riesig ist. Deswegen werden Menschen immer total neugierig, wenn sie merken, dass man Chinesisch versteht und plötzlich sitzt man mit Fremden am Esstisch und isst zusammen Hotpot! Sehr schöne Sache. Antworten


walter bossert

12.09.2012, 16:20 Uhr
Melden 25 Empfehlung 0

Dieser Beitrag sollte eine Pflichtlektüre sein für alle die meinen es habe noch für viele Platz in der Schweiz.Ich möchte nicht, auch nur im Ansatz solche Verhältnisse. An einem solchen Ort ist das Leben nichts mehr wert. Zu dem zeigen solche Verhältnisse, dass verdichtetes Bauen das Umland durch Strassen, Luftverschmutzung,Industrie, (diese Leute müssen ja Arbeitsplätze haben ) keine Lösung ist. Antworten



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