Credit-Suisse-Informatiker nach Indien «ausgelagert»

Unterschreiben oder es kommt zur Entlassung: Für 100 Zürcher CS-Informatiker gibts einen Wechsel. Beginn einer grösseren Abbauwelle?

Blick in den Uetlihof, das grosse Credit-Suisse-Verarbeitungszentrum in Zürich. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Blick in den Uetlihof, das grosse Credit-Suisse-Verarbeitungszentrum in Zürich. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

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Im grossen Credit-Suisse-Verarbeitungszentrum Uetlihof in Zürich wird ein neues Outsourcing zum heiss diskutierten Sommerthema. Die Grossbank hat vor kurzem gut 100 Mitarbeitern aus unterschiedlichen Bereichen ihrer Informatik mitgeteilt, dass sie neu nicht mehr auf der Gehaltsliste der CS stehen, sondern bei HCL Technologies angestellt werden. Bei dieser handelt es sich um eine indische Firma mit Sitz ausserhalb der Hauptstadt Delhi. Sie hat sich auf Informatik und weitere Dienstleistungen für grosse Firmen spezialisiert. HCL holt diese Arbeiten von der CS und vielen anderen Kunden zu sich und erledigt sie mit eigenen Leuten gegen eine Entschädigung.

Seit Jahren arbeitet die CS mit solchen spezialisierten Firmen zusammen, von denen viele aus Indien stammen. Auf dem Subkontinent sind in den letzten Jahren Firmen mit starker IT-Ausrichtung, die weltweit ihre Dienstleistungen anbieten, zu stattlicher Grösse herangewachsen. Oft bleiben die betroffenen Mitarbeiter sitzen und wechseln lediglich den Hut des Arbeitgebers.

Mitarbeiter haben keine Wahl

Obwohl also grundsätzlich nichts Neues, sorgt die aktuelle Auslagerung der über 100 CS-Stellen an die HCL für Gesprächsstoff bei der Grossbank. Das hängt mit dem Überraschungseffekt zusammen. Ende Mai wurden die CS-Informatik­mitarbeiter der Division International Wealth Management – das ist die globale Vermögensverwaltung ausserhalb der Schweiz und ohne Asien – zu Sitzungen aufgeboten. Dort eröffneten ihnen die Verantwortlichen ohne Vorwarnung, dass ihre Jobs zur HCL gingen und sie die Wahl hätten, mitzuwechseln. Wenn nicht, dann würden sie entlassen. Um diesen Verschiebungsprozess sofort an die Hand zu nehmen, mussten die CS-Mitarbeiter innerhalb weniger Tage ihrer Nocharbeitgeberin schriftlich grünes Licht geben, damit diese der HCL geschützte Mitarbeiterdaten wie die Löhne offenlegen konnte.

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Mitarbeiter an ausländische Firmen auslagern. Das ist ...




Die Offenlegung und die Hast führten bei den Betroffenen zum Eindruck, die Outsourcing-Aktion würde überhastet vollzogen. Tatsächlich haben die CS-Verantwortlichen inzwischen einen Gang heruntergeschaltet. War ursprünglich ein Wechsel bereits per Mitte Jahr geplant, so gilt nun neu als Stichtag Ende Juli. Wer bis dann den vorgelegten Arbeitsvertrag der HCL unterschrieben hat, wird ab August nicht mehr für die CS arbeiten, sondern für die Inder. Wer nicht mitmacht und den vorgelegten HCL-Vertrag entsprechend nicht unterzeichnet, dem kündigt die Bank.

Wer nicht mitmacht, dem kündigt die Bank.

Für HCL bietet die Übernahme der Informatiker die Chance, bei der CS einen Fuss in die Tür zu setzen. Das Unternehmen ist zuletzt stark gewachsen. Nun hat es zum Ziel, zu den bekannten indischen Insourcern wie Tata und Wipro aufzuschliessen. HCL beschäftigt mehr als 100'000 Mitarbeiter weltweit und erzielte zuletzt einen Umsatz von 6 Milliarden Dollar.

Die CS hat sich bisher öffentlich nicht zum Outsourcing der betroffenen Programmierer und übrigen IT-Mitarbeiter zur HCL geäussert. «Wir geben keine Details zu einzelnen Projekten bekannt», sagt eine Sprecherin der Grossbank. Damit bleibt vorerst offen, ob es sich nur um den Auftakt zu einer grösseren Verlagerung handelt. Und ob die nun an HCL ausgelagerten Arbeiten längerfristig in Zürich bleiben – oder in Zukunft nach Indien verlegt werden. Die Sprecherin sagte lediglich, die CS würde «seit Jahren weltweit mit externen Dienstleistern» zusammenarbeiten und «laufend die Dienstleistungskataloge» überprüfen – das sei Standard in der Branche.

Heute Uetlihof, bald Delhi? CS-Informatiker stehen vor dem Umzug. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Die Bank hebt hervor, dass die Mitarbeiter, die zur HCL wechselten, gleich viel verdienen würden wie bisher bei der CS. Sie alle erhielten Verträge mit «gleichwertigen arbeitsvertraglichen Konditionen für mindestens zwölf Monate», sagt die Sprecherin. Auch habe sich die Bank mit der Personalvertretung und dem Kaufmännischen Verband auf einen Sozialplan geeinigt. Ziel sei es, «Entlassungen aus wirtschaftlichen Gründen zu vermeiden». Die Sozialpartner würden die Einhaltung überwachen.

Denise Chervet vom Schweizerischen Bankpersonalverband tappt allerdings nach eigener Aussage im Dunkeln. Sie habe die CS bezüglich HCL-Auslagerung kontaktiert, warte aber auf eine Antwort, sagt sie. Das Gesetz sehe vor, dass bei Outsourcing nicht die externe Gewerkschaft für die betroffenen Mitarbeiter zum Rechten schaue, sondern die interne Personalkommission. Diese ist aus Angestellten der CS zusammengesetzt. Sie machen auf ihren Arbeitgeber üblicherweise weniger Druck als die externe Personalvertretung.

Der Umbau in der CS-Informatik könnte sich in den nächsten Monaten beschleunigen. In einem Mail an die Belegschaft erwähnte Konzernchef Tidjane Thiam vor Wochenfrist eine neue «Service Company». Das Unternehmen werde gegründet, um den «Footprint» – gemeint ist die Präsenz – in Indien zu transformieren. Es handle sich um einen «grossen Umbau mit Folgen für rund 8000 IT-Kollegen in Indien», hielt Thiam fest. Bei der CS hiess es, man wolle sich «zurzeit» nicht zum Projekt äussern. Ein Informatiker der Bank sagte, dass niemand Genaues über die neue Servicefirma wüsste.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.07.2017, 07:14 Uhr

Maschinen ersetzen Menschen in Indien

Die billigen Arbeitskräfte werden weggespart

Die Job-Angst geht um. Dies nicht in Europa, weil Stellen in Billiglohnländer verlagert werden, sondern in Indien. Mehrere indische Informatikfirmen haben in den vergangenen Monaten einen Stellenabbau angekündigt. Bei den Grossfirmen Infosys, Wipro and Cognizant sollen insgesamt 58'000 Stellen wegfallen, berichtet das indische Onlineportal «Mint». Damit nicht genug. Das Portal schätzt, dass bei den lokalen IT-Unternehmen in den nächsten drei Jahren jährlich bis zu 200'000 Jobs verschwinden könnten.

Die Aussicht ist schmerzhaft. Denn die Informatikbranche ist für das Land wichtig. Sie setzt jährlich rund 150 Milliarden Dollar um. Etwa 4 Millionen Menschen entwickeln und testen Software, vor allem für ausländische Kunden aus Europa oder den USA. Die Branche profitierte lange von ihren tiefen Kosten und einem steten Nachwuchs an Ingenieuren.

Die Ursache für den Stellenabbau ist der technologische Fortschritt: Die Prozesse in der indischen IT-Branche werden zunehmend automatisiert. Die künstliche Intelligenz macht viele einfache Programmiertätigkeiten überflüssig. Die Computer analysieren Daten schneller als die Menschen – und sind dabei auch noch günstiger. IT-Experten aus Indien müssten sich dringend fortbilden, um komplexere Aufgaben übernehmen zu können, so die Forderung von indischen Unternehmen. Doch fehlten vielen Arbeitnehmern das Geld dafür und der Glaube daran, dass sie bei einer anderen Firma wieder Arbeit fänden, berichtet «Mint».

Jobs werden zurückgeholt

Firmen, die ihre Informatik einst nach Indien ausgelagert haben, holen nun komplexere Aufgaben wieder zu sich zurück. Die Stellen würden in Indien gestrichen und zu Hause wieder aufgebaut, so eine Analystin des Marktforschungsunternehmens Gartner gegenüber der «New York Times».

Viele junge Inder schafften dank der Informatik den sozialen Aufstieg. Die Löhne waren gut. Nun verlieren sie den Job. Ihre Arbeitgeber gehen dabei unzimperlich vor, wie indische Medien berichten. Laut Arbeitnehmerorganisationen werden sie dazu gedrängt, selbst zu kündigen und eine vergleichsweise geringe Abgangsentschädigung anzunehmen. So könnten sich die Arbeitgeber die Löhne sparen. Bereits hat die Lokalregierung im indischen Bundesstaat Karnataka versprochen, die Vorwürfe zu untersuchen.

Die Lage droht sich noch zu verschärfen, drängen doch immer mehr Ingenieure auf den Markt. Jährlich werden 1,5 Millionen Ingenieure ausgebildet. Die Branche kann aber nur 500'000 von ihnen brauchen. Viele IT-Experten sind früher ausgewandert und haben ihr Glück im Ausland versucht. Doch sind etwa in den USA die Einreisebestimmungen härter geworden. Die Chancen, es dorthin zu schaffen, sind damit gesunken.
Jorgos Brouzos

(Tages-Anzeiger)

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