Coop und Migros spielen Katz und Maus
Von Bernhard Fischer. Aktualisiert am 17.08.2011 21 Kommentare
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In die Debatte um zu hohe Detailhandelspreise kommt Bewegung. Der Detailhändler Coop hat in Reaktion auf angeblich zu hohe Importpreise 95 Markenartikel aus den Regalen genommen. Migros hat mit den Gegenmassnahmen vorerst zugewartet und jetzt mit Preissenkungen reagiert. Was von den grössten Detaillisten der Schweiz als erste Errungenschaft für die Konsumenten im Kampf gegen überhöhte Preise verkauft wird, ist aber offenbar kein selbstloser Akt. «Die Auslistungen bei Coop und darauffolgende Preissenkungen bei Migros werden so dargestellt, um bei den Konsumenten Pluspunkte zu sammeln», meint Hans Liechti, Chef des Verbands Veledes der selbstständigen Lebensmittel-Detailhändler.
Coop ist in das Thema zuerst sehr vorsichtig eingestiegen. So wurden etwa nur jene Produkte aus dem Sortiment genommen, bei denen die Auslistung aus Konsumentensicht nicht so heikel ist. Die Studio Line des Kosmetikherstellers L'Oréal etwa gehört nicht zu den notwendigsten Produkten des täglichen Bedarfs. Und der Rauswurf des Uncle-Ben's-Reises bei Coop fällt deshalb weniger ins Gewicht, weil Migros den Artikel gar nicht führt. Eine Abwanderung der Konsumenten zu Migros sei deshalb nicht zu befürchten. «Coop hat genau geschaut, welche Produkte rausgenommen werden», so Liechti.
Zudem seien bei einem Sortiment von bis zu 30'000 Produkten 95 Artikel, die entfernt wurden, nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Der Erfolg wird gemäss Liechti darin liegen, dass Coop diese Produkte wieder ins Sortiment zurückholen wird, und zwar zu einem tieferen Preis.
Der Ton wird schärfer
Die Migros steht seiner Ansicht nach derzeit besser da: Coop führt gewisse Produkte nicht mehr, welche die Migros weiterhin im Sortiment behält. Weil Migros zugewartet hat, wurden die Markenprodukte nicht wie bei Coop aus dem Sortiment genommen, sondern billiger. Und das gleich bei 500 Markenartikeln. «Das ist öffentlichkeitswirksam.» Unterdessen werde der Ton unter den beiden grossen Detaillisten schärfer. «Vordergründig hat man sich bisher mit Samthandschuhen angefasst», sagt Liechti. Das werde sich jetzt ändern.
Der Grund für die Wartestellung der Migros: Hätte der Detailhändler sofort dieselben Massnahmen wie Coop getroffen, hätte man beiden Anbietern Absprachen vorgeworfen, ist Marketing-Professor Sven Reinecke von der Universität St. Gallen überzeugt. «Migros ist deshalb geradezu gezwungen, anders zu handeln als Coop.»
Deshalb beobachten die beiden Detaillisten einander mit Argusaugen und warten darauf, wer welchen Schritt als nächsten setzt. Wobei: Den Preiskrieg zwischen Coop und Migros gibt es nicht erst seit der Wechselkursdebatte. Die Migros hatte beispielsweise bereits im Jahr 2007 die Kindermilchschnitte ausgelistet, weil die Beschaffungspreise zu hoch waren. Ferrero hat damals klein beigegeben, die Strategie ist bei Migros aufgegangen.
Darüber hinaus haben beide Detaillisten seit Anfang dieses Jahres die Preise bei einer Vielzahl von Produkten gesenkt. Ein Grund dafür sind die Discounter mit ihrer Tiefpreispolitik. «Denner, Lidl und Aldi tun dem Schweizer Wettbewerb gut», sagt Reinecke. Die Preissenkungen müssten vom Wettbewerb kommen – und nicht nur aus Marketingüberlegungen heraus, wie das zum Teil derzeit passiert. «Die Anbieter können tiefere Preise nicht zum Ziel haben, das wäre aus Marketingsicht der falsche Weg.» Preissenkungen und Auslistungen seien sowieso nicht die intelligenteste Lösung. Klüger wäre es, mehr mit Qualität und Nachhaltigkeit zu werben.
Denn die Preisspirale nach unten hat auch ihre Schattenseiten: Mit der Zeit werden kleinere Detaillisten unter Zugzwang kommen und nach Coop und Migros über kurz oder lang die Preise ebenfalls senken müssen, meint Verbandschef Liechti. Das werde die vergleichsweise hohen Bruttomargen in der Schweiz stark unter Druck bringen. Kleinere Detailhändler wie etwa die Handelskette Volg, die mit einer geringeren Bruttomarge von rund 20 Prozent arbeiten, werden entsprechend stärker unter Druck geraten. Denn Nischenplayer wie Bio-Läden, aber auch Coop und Migros, haben deutlich höhere Margen um die 30 Prozent, wie Branchenanalysen ergeben haben.
Einkaufen auf dem Graumarkt
Fürs Erste findet das Katz-und-Maus-Spiel nur zwischen den beiden grossen Playern statt. Nach der Reaktion von Migros ist nun Coop wieder am Zug. Wenn die Migros bei einzelnen Artikeln die Preise senkt, werden ähnliche Produkte auch bei Coop billiger, spekulieren Marktkenner. Parallel dazu werde der Druck auf Hersteller und Importeure aufrechterhalten, schätzt Reinecke. Die aktuelle Entwicklung hänge vor allem davon ab, in welche Richtung sich der Wechselkurs bewegt. «Bei einem Wechselkurs von 1.30 wird das Thema wieder abflauen.»
Bis es so weit ist, versorgen sich die Detaillisten zunehmend auf dem Graumarkt – soweit das rechtlich zulässig ist. Das heisst, Coop und Migros versuchen, die von den Herstellern vorgeschriebenen Exklusivimporteure mithilfe unabhängiger Grosshändler im Euroraum zu umgehen. Im Automobil- und Reifenhandel ist das längst üblich, sagt Marketing-Experte Reinecke. Dort versuchen die Händler, mit anderen Lieferanten sowie Rabatten und Zusatzausstattungen gegen den starken Franken vorzugehen. Diese Tendenz werde auch im Food- und Non-Food-Bereich zunehmen. «Graumärkte gibt es immer, wenn Währungsdifferenzen zu gross werden.»
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 17.08.2011, 14:57 Uhr
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21 Kommentare
Der Vergleich mit Tom and Jerry ist nicht schlecht: Das staunende Publikum sitzt im Kino und ergötzt sich an der vermeintlich Verhaue. Hinter der Kulisse geht die Dauerliebe zwischen Plüsch und Plum aber munter weiter. Man teilt sich in trautem Einvernehmen 78% Marktanteil des Schweizer Detailhandels und alle finden das normal. Antworten
@B. Fischer: Den Preiskrieg zwischen Coop und Migros GIBT ES NICHT, das ist ja das Traurige. Stattdessen gibt es das von Ihnen erwähnte Taktieren, um einen Verlust der Monopolistenrente zu vermeiden. Das mit den bösen Zulieferanten ist in erster Linie ein Ablenkungsmanöver von C+M. Antworten
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