Chinesische Arbeiter prügeln Manager zu Tode
Von Henrik Bork, Peking. Aktualisiert am 28.07.2009
Nachdem chinesische Stahlarbeiter einen Manager erschlagen hatten, gab die Regierung ihren Forderungen nach. Die geplante Restrukturierung im Stahlwerk Tonghua sei «auf Dauer zurückgestellt», berichtete die Zeitung «China Daily» am Montag. Aus Angst vor Massenentlassungen hatten dort am Freitag Zehntausende von Arbeitern gestreikt und im Streit einen der Manager erschlagen.
Rettungskräfte behindert
Die Unruhen im Stahlwerk in Chinas Nordostprovinz Jilin begannen am 22. Juli. Die Arbeiter hatten erfahren, dass der Stahlkonzern Jianlong aus Peking einen Übernahmeversuch ihres Betriebes begonnen hatte. Sie besetzten den Betrieb. Ein Manager namens Chen soll angegriffen worden sein, nachdem er zugegeben hatte, dass die meisten Arbeiter ihren Job verlieren würden. Die Arbeiter hinderten Sanitäter daran, den verletzten Mann zu versorgen. Als sie das Gelände endlich betreten konnten, sei Chen bereits tot gewesen, berichteten chinesische Medien. Um eine weitere Eskalation der Proteste zu verhindern, hatte die Lokalregierung am Freitag versprochen, die Übernahme des Stahlwerkes zu stoppen. Am Montag hiess es gar, sie sei langfristig verschoben worden.
Proteste im ganzen Land
In den vergangenen Jahren häuften sich solche Konflikte. 2008 habe es 127'467 «Massenvorfälle» gegeben, zitierte das Hongkonger Magazin «Cheng Ming» Parteiquellen. Das waren fast 50 Prozent mehr als die 2005 offiziell bekannt gegebenen 87'000 Fälle. Dabei sind Massenproteste aller Art mitgezählt, auch Aufstände. von Bauern gegen illegale Landnahmen, Proteste gegen Ungerechtigkeiten der Polizei oder Demonstrationen von Städtern, die umgesiedelt werden sollen.
Auch in Staatsbetrieben kocht immer wieder die Volksseele hoch. In Chinas «Rostgürtel» in den Nordostprovinzen Jilin, Heilongjiang und Liaoning vollzieht sich ein Strukturwandel: Unprofitable Stahlwerke sollen zusammengelegt oder geschlossen werden. Im Fall Tonghua, gegen dessen Restrukturierung sich seit Jahren Widerstand regt, war das Management besonders unsensibel vorgegangen: Nach einem ersten Aktienverkauf an Jianlong hatten sich führende Mitarbeiter unter dem Vorwand der «Betriebsprivatisierung» riesige Gehälter genehmigt, während die Arbeiter mit einem Monatslohn von 300 Yuan (50 Franken) im Monat abgespeist wurden, wie ein örtlicher Informant berichtete.
Streikrecht aus der Verfassung gestrichen
Während China bereits bis Ende der 90er-Jahre viele Staatsbetriebe privatisiert hatte und dabei nach Schätzungen rund 30 Millionen Industriearbeiter entlassen wurden, ist dieser Umbau noch nicht abgeschlossen. Entsprechend häufig kommt es auch zu Protesten. «China Labour Bulletin» hat 200 Fälle von Massenprotesten für 2007 und 2008 im Detail dokumentiert. 21 dieser Unruhen waren durch Privatisierungen von Staatsbetrieben ausgelöst worden. Allerdings hat China 1982 das Streikrecht aus seiner Verfassung gestrichen. Trotzdem wird heutzutage immer häufiger gestreikt, und zwar erfolgreich. Aus Angst vor einem Flächenbrand gibt Peking in Einzelfällen nach. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.07.2009, 09:10 Uhr
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