Cablecom: Chef geht, jede zehnte Stelle weg
Von Angela Barandun. Aktualisiert am 08.12.2008
Unerwarteter Abgang: Cablecom-Chef Rudolf Fischer. (Bild: Keystone)
Auf den ersten Blick ist die Sache klar: Die Cablecom zieht die Konsequenzen aus dem jüngsten Debakel im Kundenservice – und entlässt den Chef, Rudolf Fischer. Gleichzeitig werden 150 Stellen gestrichen, damit der Neue unbelastet loslegen kann. Im Zuge einer Software-Umstellung hatte die Anbieterin in den letzten Monaten Tausende von Kunden verärgert, indem sie falsche Rechnungen verschickt, Anschlüsse ohne Grund abgestellt und Kundenanfragen nicht beantwortet hatte.
Die Cablecom selbst lehnt diese Version ab. Sprecher Hans-Peter Nehmer betonte am Montag, Fischer sei aus eigenem Antrieb zurückgetreten. «Unsere Muttergesellschaft wäre froh gewesen, hätte er weitergemacht.» Das machte Michael Fries, Konzernchef der amerikanischen Cablecom-Eigentümerin Liberty Global, zuletzt auch in der «Bilanz» deutlich.
Aus Fischers Umfeld ist zu hören, er habe nicht länger für alles den Kopf hinhalten wollen. Vor zwei Jahren wurde Fischer in der Sonntagspresse zum «meistgehassten Manager der Schweiz» erkoren, eine Schlagzeile, die ihn persönlich traf und erschütterte. Gut möglich, dass er schlicht nicht mehr bereit war, Entscheide mitzutragen, die in der Europazentrale des Konzerns in Amsterdam gefällt wurden. Diese Vermutung stützt auch, dass Fischers Entscheid zeitgleich mit den Entlassungen kommuniziert wurde – obwohl die Cablecom derzeit in den Aufräumarbeiten zum Kundendienst-Debakel versinkt.
Auf ein Zerwürfnis mit der europäischen Zentrale deutet ausserdem hin, dass Gene Musselman, der dort die Geschäfte leitet, ab sofort «in der Führung der Firma eng mit Rudolf Fischer zusammenarbeiten» will. Faktisch ist Fischer damit bereits entmachtet. Die Firma verlässt er aber erst, wenn ein Nachfolger bestimmt ist.
Für die knapp 1500 Mitarbeitenden sind die bevorstehenden Entlassungen ein herber Schlag. Operativ geht es der Firma ausgezeichnet. Unter Liberty Global steigerte sie ihre operative Marge (vor Abschreibungen und Zinsen) von 42 auf 54 Prozent. Das ist ein Rekordwert. Nicht einmal die Swisscom – eine der rentabelsten Anbieterinnen Europas – kann solche Margen ausweisen. Über den ganzen Konzern gerechnet liegt ihre Profitabilität bei knapp 40 Prozent, im rentabelsten Segment, dem Mobilfunk, waren es zuletzt 45 Prozent.
Betroffen sind vor allem Informatik und Verwaltung, beim Kundendienst sollen keine Stellen wegfallen. Garantieren kann das Sprecher Nehmer allerdings nicht. Gespart wird auch beim Marketingbudget. Als Hauptgrund für den Abbau nennt die Cablecom den «sich zunehmend verschärfenden Wettbewerb».
Tatsächlich dürfte 2009 ein schwieriges Jahr für die Cablecom werden. In den drei Monaten von Juli bis September 2008 ist der Umsatz im Vergleich zum Vorquartal erstmals rückläufig gewesen. In den nächsten Monaten dürfte zudem das Debakel im Kundendienst spürbar werden. So hat etwa die Stiftung für Konsumentenschutz einen Musterbrief für die sofortige Kündigung des Anschlusses auf ihrer Website aufgeschaltet. Dieser wurde mehrere Tausend Mal angeklickt.
Auch die Konkurrenz wird schärfer werden. Einerseits, weil die Swisscom ihr Fernsehprodukt Bluewin TV aggressiv vermarktet. Andererseits, weil mit der Entbündelung der Letzten Meile und dem Ausbau des Glasfasernetzes immer mehr alternative Anbieter preislich attraktive Angebote machen können.
Kundenbedürfnisse vernachlässigt
Dass die Cablecom nicht aus einer besseren Position in diesen Wettbewerb startet, hat sie sich selber zuzuschreiben. In den letzten drei Jahren hat sie Situationen wiederholt falsch eingeschätzt und die Befindlichkeiten der Kunden vernachlässigt. So zum Beispiel, als sie populäre TV-Kanäle vom analogen ins digitale Angebot verschoben hat. Die Konsequenz: In den letzten drei Jahren hat die Anbieterin etwa im Wachstumsmarkt Internet deutlich Marktanteile verloren.
Die Cablecom will nun mit den Arbeitnehmervertretern über den Stellenabbau verhandeln und erst im Januar konkrete Angaben – so zu Entlassungen – machen. Die Gewerkschaft Kommunikation fordert, die Cablecom solle auf Kollektiventlassungen verzichten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.12.2008, 22:43 Uhr
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