Business ist die neue First-Class

Wow! Was Qatar jetzt den Flugpassagieren an Komfort bietet, ist grosses Kino – und die Swiss droht den Anschluss zu verlieren.

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Der Durchschnittspassagier bekommt sie nur ganz kurz zu sehen. Wenn er einsteigt, darf er – zumindest manchmal – bedächtig durch die Businessclass schreiten und für ein paar Sekunden die komfortablen Sessel, den üppigen Stauraum, die grossen Bildschirme und die Champagner-Flutes in den Händen der Passagiere bestaunen, bevor er weiter hinten im Flugzeug seine Tasche in ein vollgestopftes Gepäckfach presst und sich in seinen engen Economy-Sitz zwängen muss.

Fluggesellschaften brauchen zwar beide Arten von Reisenden, das grosse Geld verdienen sie aber mit denjenigen, die nicht nach hinten weitergehen. Kein Wunder also, dass Airlines alles tun, um Businesspassagiere von sich zu überzeugen und bei sich zu halten. Dabei findet ein regelrechtes Wettrüsten statt: noch grössere Fernseher, noch bequemere Sessel, noch exklusiveres Essen.

Auch die Swiss steht dabei nicht abseits. Sie hat ihre Businessclass Anfang 2016 rundum erneuert, als die neuen Boeing 777 ihren Dienst auf der Langstrecke antraten. Mehr Stauraum, mehr Privatsphäre, grössere Bildschirme und ein angenehmeres Ambiente bietet die Lufthansa-Tochter in den Fliegern seither. Nach und nach soll nun die komplette Langstreckenflotte der Swiss vergleichbar ausgestattet werden.

Video
Kann die Boeing 777 der Swiss mithalten?

Rundgang durch den neuen Langstreckenflieger der Schweizer Airline. Videos: PD

Doch im Vergleich mit der Businessclass der Konkurrenz aus aller Welt droht die Swiss den Anschluss zu den Besten der Branche zu verlieren. Das jüngste Beispiel dafür lieferte Qatar Airways in der vergangenen Woche. Monatelang hatte die Golf-Airline ganz nach dem Vorbild von Apple ihr neues «revolutionäres» Produkt angekündigt und gleichzeitig ein grosses Geheimnis aus allen Details gemacht. Doch tatsächlich war das am Ende mehr als nur Prahlerei. Die Sitze, die Qatar bei der Tourismusmesse ITB vorstellte, sind eine echte Innovation. So lassen sich etwa zwei Mittelsitze in ein Doppelbett verwandeln. Das ist besonders interessant beispielsweise für Paare oder auch für Eltern, die mit Kindern reisen.

Video: Qatar baut beim Komfort aus

Die arabische Airline zeigt ihr neues Innenkonzept.

Da jeweils zwei Mittelsitze einander zugewandt angeordnet sind, lassen sich vier von ihnen zu einem kleinen Konferenzzimmer umfunktionieren. Insgesamt sind die neuen Sitze denn auch eher multifunktionale Minizimmer. Dank Aussenwänden und Trennwänden in der Mitte kann sich jeder Passagier ganz zurückziehen. Q-Suite nennt Qatar Airways das neue Produkt, das bis Ende 2018 in allen Boeing 777 und Airbus A350 eingebaut sein soll.

Einen vergleichbaren Grad an Privatsphäre bieten die meisten Airlines – und auch die Swiss – nur in ihrer First Class. Qatar Airways zeigt mit der Q-Suite denn auch einen Trend auf: Die erste Klasse wird zum Auslaufmodell, die Businessclass dafür immer mehr aufgerüstet. Qatar Airways etwa bietet die First Class auf immer weniger Flügen überhaupt an. Die Nachfrage sei zu gering, so die Begründung der Golfairline. Auch westliche Fluggesellschaften wie American Airlines oder Delta Air Lines bauen die First Class nach und nach ab. Selbst die Swiss-Mutter Lufthansa hat die Flüge mit der obersten Buchungsklasse reduziert. Hatten vor gut zwei Jahren noch 95 von 100 Langstreckenflugzeugen eine First Class, sind es heute nur noch 70.

Der Grund: «In der First Class verdient man nicht mehr viel Geld», erklärt Luftfahrt-Experte Andreas Wittmer von der Uni St. Gallen. Denn auch wenn die Tickets dort teils über 5000 oder sogar 10'000 Franken kosten – nur wenige Passagiere haben diesen Preis bezahlt. «Da werden Meilen abgebaut oder Upgrades für Vielflieger vergeben», so Wittmer. Viele Passagiere in der First Class hätten eigentlich Business und wurden dann in die höhere Klasse upgegradet. Trotzdem sind die Kosten deutlich höher: Pro Passagier steht mehr Personal zur Verfügung, Essen und Getränke sind teurer, und die Sitze nehmen mehr Platz ein.

«Die Swiss-Kabine ist deutlich weniger Premium als jene der Konkurrenz.»Luftfahrt-Insider

Offiziell will die Swiss aus Konkurrenzgründen zwar weder etwas zu Profitabilität noch zu Auslastung der einzelnen Buchungsklassen sagen. «Wirtschaftlich lohnt sich die First nicht», gesteht aber ein hochrangiger Mitarbeiter der Fluggesellschaft. Man halte dennoch daran fest, weil man weiterhin als erstklassige Airline gelten wolle. «Wenn man die First nicht mehr hat, dann ist die Swiss-Kabine deutlich weniger Premium als viele Konkurrenten», so der Insider, der nicht namentlich genannt werden möchte.

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Die First sei keine Klasse, um Geld zu machen, sondern eine, um die Kunden zu behalten, sagt auch HSG-Professor Wittmer. Denn die Aussicht auf ein Upgrade hielte diese in einigen Fällen wohl davon ab, zur Konkurrenz zu wechseln, wo ein besseres Business-Angebot lockt. Das Wettrüsten wird also weitergehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.03.2017, 09:40 Uhr

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Das neue Baby der Swiss

Das neue Baby der Swiss Die Swiss-777 ist gelandet.

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