Wirtschaft

Banken zieht es nach Libyen

Von Bernhard Fischer. Aktualisiert am 25.10.2011 9 Kommentare

Das islamische Bankwesen eröffnet krisengebeutelten Finanzinstituten neue Geschäftsmöglichkeiten. Nach dem Sturz Muammar Ghadhafis kämpfen die Banken jetzt um den Markteintritt.

1/5 Die britische HSBC gehört zu den führenden «westlichen» Bankinstituten, die im Islamischen Bankwesen aktiv sind: Ein Scheich vor einer Bankfiliale in Dubai.

   

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Bei einer offiziellen Feier zur Befreiung des Landes hat Abdul Jalil die Einführung der Scharia angekündigt. (Video: Reuters )

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Internationale Banken wittern im islamischen Finanzwesen gute Geschäftsmöglichkeiten und prüfen deshalb jetzt auch den Einstieg in Libyen. Der Nationale Übergangsrat Libyens will im Zuge der Neuordnung des Landes auch das Finanz- und Bankensystem per islamisches Gesetz (Scharia) regeln.

Credit Agricole sucht Geschäft mit Libyen

Unter der Regentschaft von Diktator Ghadhafi waren ausländische Banken im Grunde verboten. Nur zwei Finanzinstitute waren zugelassen: die Sahara Bank und die jordanische Arab Bank. Gespräche libyscher Finanzpolitiker mit der französischen Credit Agricole blieben in der Vergangenheit stets ohne Erfolg. «Jetzt hat die Bank die Gespräche wieder aufgenommen, um nach islamischem Recht Geschäfte zu machen, so wie auch einige andere Banken», bestätigt der Handelsdelegierte der Schweizer Botschaft in Libyen, Hassan Mohammed. Darunter befinden sich Grossbanken wie HSBC, Deutsche Bank, BNP Paribas, JP Morgan oder Goldman Sachs. Schweizer Banken seien nicht dabei.

HSBC führt

Geschäfte nach islamischem Recht sind bei den genannten Banken längst etabliert. Alle Institute verfügen seit geraumer Zeit über eigene Abteilungen, die im islamischen Bankwesen aktiv sind. Beim Handel mit Anleihen islamischer Länder (Sukuk) und bei der Kreditvergabe ist die britische HSBC unter den «westlichen» Banken das führende Institut.

Sein Weltmarktanteil liegt in diesem Bereich bei 18 Prozent, was einem Vermögen von 4,3 Milliarden US-Dollar entspricht. Zweitgrösstes Institut ist die Maybank, grösste Bank Malaysias, mit 16,2 Prozent Marktanteil, das entspricht einem Vermögen von 3,8 Milliarden Dollar. Die zweitgrösste malaysische Bank CIMB verfügt bei Anleihen und Krediten islamischer Länder über ein Volumen von immerhin 15,5 Prozent mit 3,7 Milliarden Dollar. Malaysia ist der grösste Bankenplatz der islamischen Finanzwelt.

Deutsche Bank, BNP Paribas, JP Morgan und Goldman Sachs rangieren noch unter ferner liefen und kommen zusammen auf weniger als eine Milliarde Dollar bei knapp vier Prozent Weltmarktanteil im islamischen Anleihen- und Kreditgeschäft.

Islamische Staatsanleihen sind beliebt

Doch auch deren Volumen steigt. Besonders in Krisenzeiten entdecken die nicht islamischen Banken diese besondere Form des Finanzwesens als einträgliche Alternative. Vor allem Investmentbanken sind dabei, sich breiter aufzustellen, um ihr Risiko zu minimieren. Die Nachfrage nach Sukuk – islamischen Staats- und Unternehmensanleihen – ist im Jahresverlauf weltweit um rund 50 Prozent auf mehr als 20 Milliarden US-Dollar gestiegen.

Erst vergangene Woche hat die Investmentbank Goldman Sachs ein Anleihenprogramm nach islamischem Recht im Volumen von zwei Milliarden Dollar aufgelegt. HSBC hat seit Mai dieses Jahres Anleihen im Wert von 500 Millionen Dollar auf dem Markt. Neue Namen nicht islamischer Banken, die Scharia-konforme Produkte anbieten, seien derzeit besonders erfolgreich, so Sergey Dergachev, Fondsmanager bei Union Investments Privatfonds, gegenüber Bloomberg.

Gharar und Riba

Das Erfolgsgeheimnis islamischer Finanzprodukte ist simpel. Erstens: Das reine Zinsgeschäft ist laut Scharia verboten (Riba). Ein Gewinn wird nur dann gemacht, wenn ein (Finanz-)Produkt zu einem höheren Preis verkauft wird, als man es selber gekauft hat. Eine Bank tritt quasi als Händler auf. Bei einem Kredit beispielsweise für einen Unternehmer ist die Bank sowohl an dessen Verlust als auch an dessen Gewinn beteiligt. Zinsen verrechnet sie nicht.

Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zum herkömmlichen Finanzhandel, wie ihn die «westliche» Welt kennt. Denn dort kann das Geschäft von der zugrunde liegenden Anlage losgelöst sein. Den hoch riskanten Derivatehandel und die eigenständige Entwicklung von Zinsen gibt es im islamischen Finanzwesen nicht.

Zweitens sind Unsicherheit und Unklarheit bei Verträgen verboten. Auf diesem Weg sollen Spekulationen (Gharar), die nahe an Wetten oder Glücksspiel sind, weitgehend ausgeschaltet werden.

Und drittens ist auch die Beziehung zum Kunden eine andere. Aliya Khawari, Forscherin am Institut für Politikwissenschaften der Universität Zürich und selbst praktizierende Muslimin, spricht aus Erfahrung: «Die Bank oder der Kreditgeber findet sich zum Freitagsgebet mit den Gläubigen in einer Moschee ein. Dort kann sich der Kunde das Geld leihen. Zurückgezahlt wird nur die Tilgung, nicht die Zinsen. Transaktionskosten fallen ebenfalls keine an, nur die Unkosten für Papier und Dokumente muss der Kunde übernehmen.»

Zu teuer darf das auch nicht sein. Denn auch Wucher ist im islamischen Finanzwesen verboten. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.10.2011, 15:47 Uhr

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9 Kommentare

Frank Z. Marg

24.10.2011, 16:07 Uhr
Melden 13 Empfehlung 0

OK. Und woran verdienen diese islamischen Banken denn eigentlich? Antworten


Zelokan Zel

24.10.2011, 17:53 Uhr
Melden 10 Empfehlung 0

Die Banken kommen und helfen beim Wirtschaftlichen Aufschwung....
Die armen Libyer...die können einem jetzt schon leid tun...
Antworten



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