BKW-Konzern will sich neu erfinden

Statt in Grosskraftwerke investiert der Berner Energiekonzern in erneuerbare Energien, die von der staatlichen Förderung profitieren. Wachstumschancen sieht er bei Energiesparmassnahmen.

Konzernchefin Suzanne Thoma treibt den Umbau der BKW voran.

Konzernchefin Suzanne Thoma treibt den Umbau der BKW voran. Bild: Keystone

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Der Strompreis ist im Keller, und die Gewinnung von Schiefergas in den USA setzt den Gaspreis unter Druck. Heute könne niemand sagen, ob es sich dabei um ein vorübergehendes Phänomen handle oder ob der klassische Strommarkt der Vergangenheit angehöre. Es wäre aber falsch, abzuwarten und auf bessere Zeiten zu hoffen, sagte BKW-Konzernchefin Suzanne Thoma am Mittwoch an der Bilanzmedienkonferenz in Bern.

«Die BKW erfindet sich neu», sagte Thoma. Eine Evolution wäre zu langsam, und eine Revolution würde zu viel zerstören. Deshalb wähle das Unternehmen einen bewusst gesteuerten Veränderungsprozess auf der Grundlage des Bestehenden. «Die BKW will sich so aufstellen, dass sie in unterschiedlichen möglichen Szenarien ein stabiles, profitables und zukunftsfähiges Unternehmen bleibt», führte sie aus.

Grimselausbau wäre zu teuer

Eine radikale Wende vollzieht die BKW bei den Investitionen. Bis vor kurzem setzte sie auf Investitionen in Kohle- und Gaskraftwerke sowie grosse Wasserkraftwerke und – vor der Katastrophe in Fukushima – auf ein neues Atomkraftwerk als Ersatz für das AKW Mühleberg. Gestern nun sagte Konzernchefin Thoma: «Das unternehmerische Risiko für Investitionen in Grosskraftwerke ist aus heutiger Sicht zu hoch.»

Das einzige Kohlekraftwerk, an dem die BKW beteiligt ist, jenes im deutschen Wilhelmshaven, wird im Sommer ans Netz gehen. Neue Kohlekraftwerkprojekte kann sie aus politischen Gründen ohnehin nicht mehr in Angriff nehmen. In Italien ist sie an mehreren Gaskraftwerken beteiligt. In den Schubladen hat sie Pläne für ein Gas-Kombi-Kraftwerk in Utzenstorf sowie in Cornaux im Kanton Neuenburg. Diese werden in der Schublade bleiben, wie aus den gestrigen Ausführungen der BKW-Chefin geschlossen werden kann. Überhaupt kein Thema mehr ist nach Fukushima der Bau eines neuen Atomkraftwerks.

Laut Thoma steht aber nun sogar der Ausbau der Wasserkraftwerke an der Grimsel auf dem Prüfstand. Aus heutiger Sicht würden sich die Investitionen nicht lohnen, sagte Thoma. Das gelte nicht nur für das bereits sistierte Pumpspeicherwerk, sondern auch für die Erhöhung der Staumauer. Die Aussage überrascht, nachdem die BKW als Hauptaktionärin der Kraftwerke Oberhasli jahrelang bis vor Bundesgericht für die Erhöhung der Staumauer gekämpft hat und immer noch kämpft. Noch sei kein Entscheid gefallen, die Mauer nicht zu erhöhen, betonte Thoma. Möglicherweise komme der Verwaltungsrat zum Schluss, aus langfristiger Sicht sei der Ausbau sinnvoll. Um das Grimselprojekt zu finanzieren, würde die BKW in diesem Fall Beteiligungen an andern Grosskraftwerken verkaufen.

Wind, Wärme, Energieeffizienz

Statt in Grosskraftwerke investiert die BKW in neue erneuerbare Energien. Im Vordergrund stehen laut Thoma Windkraftwerke im Ausland sowie Kleinwasserkraftwerke in der Schweiz. Diese Engagements lohnten sich, weil sie vom Staat finanziell gefördert werden. Beim Solarstrom tritt die BKW als Generalunternehmerin auf. Sie plant und betreibt Solarkraftwerke und integriert diese in ihr Netz. Für die Finanzierung sucht sie Partner. Vor kurzem hat sie ihre eigenen Solarkraftwerke an einen Fonds der Grossbank UBS verkauft, an welchem sich Pensionskassen und andere institutionelle Anleger beteiligen können.

Wachsen will die BKW bei den Dienstleistungen, vor allem auch im Netzbereich. Laut Thoma wird der Konzern in den kommenden Monaten eine Reihe von Neuerungen für intelligente Netzsteuerungen vorstellen. Damit sollen Strom und Wärme effizienter genutzt werden. Während sie sich früher vor allem auf den Betrieb des Überland- und des Verteilnetzes bis zum Haus konzentrierte, entwickelt die BKW nun verstärkt Produkte für die hausinterne Verkabelung. Darüber hinaus sucht sie die Zusammenarbeit mit andern Elektrizitätswerken. In der Schweiz gebe es 800 Elektrizitätswerke, die meisten im Besitz von Gemeinden.

Im Gegensatz zu früher habe die BKW nicht mehr die Absicht, diese Werke zu kaufen. Aber sie biete den Gemeinden an, ihr Netz mit einem standardisierten Dienstleistungspaket rund um die Uhr zu betreuen. Sie bieten auch Beratungsdienste beim Bau neuer Kraftwerk an. Im Herbst wird sie laut Thoma zudem eine Lösung lancieren, mit welcher private Hausbesitzer ihre Fotovoltaikanlagen, Wärmepumpen, Wasserboiler und Elektrospeicherheizungen so steuern können, dass sie sich ausschliesslich mit erneuerbaren Energien versorgen können.

Forcieren will die BKW weiter den Bau und Betrieb von Wärmeverbünden. Erfahrungen gesammelt hat sie damit unter anderem in Grindelwald. Dort hat sie Hotels und andere Häuser an das mit Holz betriebene Fernwärmenetz angeschlossen. Nun will sie ihre Erfahrung in Sachen Fernwärme und Wärmeverbund nicht nur gesamtschweizerisch, sondern auch in Italien und später womöglich in andern Ländern vermarkten.

«1 to 1 energy» verschwindet

Nicht mehr weitergeführt wird gemäss Thoma die Marke «1 to 1 energy». Der einst im Hinblick auf die Liberalisierung des Strommarkts eingeführte Zungenbrecher konnte sich in der Öffentlichkeit nie durchsetzen. Stattdessen will das Unternehmen den Namen BKW stärken. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.03.2014, 10:15 Uhr

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