Wirtschaft
Auf einen Espresso mit Big Brother
Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 17.07.2012 11 Kommentare
Franke Coffee Systems
Stark im Geschäft mit professionellen Kaffeemaschinen ist auch Franke Coffee Systems, ein Bereich der Franke Artemis Group mit Sitz in Aarburg. Auf den Einsatz der Telemetrie hat die Nummer zwei auf dem Weltmarkt bisher laut Bereichsmanager Ulrich Suter verzichtet. «Die Anschlüsse wären vorhanden, wir könnten das auf Wunsch auch liefern.» Doch Modems seien mit Kosten verbunden, die Kosten-Nutzen-Rechnung spreche aus Sicht von Franke derzeit gegen die Telemetrie. Zudem zeige die Erfahrung, dass die meisten Störungen mechanischer Natur seien und der Einsatz eines Technikers vor Ort somit unabdingbar. «Da hilft die Telemetrie also wenig.» Franke zählt die Migros mit all ihren Unternehmen und regionalen Genossenschaften zu ihren grössten Kunden.
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Ein paar Klicks – und schon weiss Zenon Mandralis, Chef des Getränkezentrums von Nestlé (NESN 65.7 -0.08%) Professional in Orbe, wie es um den Umsatz «seiner» Kaffeemaschinen steht. Telemetrie heisst das aus dem Griechischen stammende Zauberwort, das der gebürtige Grieche mit sichtlichem Stolz in den Mund nimmt: Via Modem übermittelt die neuste Generation der Kaffeeautomaten ständig alle Daten vom jeweiligen Standort der Maschine nach Orbe.
Etwa aus dem Fleur de pains, einer Bäckerei mit Café in Lausanne. «Nestlé weiss stets, wie viele Cappuccino, Latte macchiato oder Espressi wir verkaufen», sagt Verkaufschef Cyril Colombu. Er gibt dem mächtigen Lieferanten damit einen Teil seines Geschäftsgeheimnisses preis. «Im Gegenzug haben wir alles Zahlenmaterial, das es braucht, um Umsatz und Ertrag zu steigern.» Bisher ging die Rechnung auf: «Viele nehmen einen grossen Cappuccino oder einen Latte statt nur einen Kaffee.» Nestlé bietet ein Paket an, eine Maschine mit Leasing und Unterhalt zum Fixpreis, zudem Kaffee und Milch nach Bedarf.
Störungsmeldung kommt online
Genial findet Colombu, dass Nestlé mit Ferndiagnosen arbeitet. «Maschinen anderer Hersteller sagen dir nicht, dass eine Störung vorliegt.» Vielleicht werde der Kaffee schlechter, aber man wisse nicht, wieso. Anders bei der Milano, die in Colombus Bäckerei von den Kunden selber bedient wird: Da geht jede Störungsmeldung drahtlos an Nestlé und den Betreiber. «Läuft die Maschine nicht, hat Nestlé alles Interesse, sie rasch wieder zum Laufen zu bringen, sie wollen ja Kaffee verkaufen. Techniker beraten uns oder kommen bei Bedarf vorbei», sagt Colombu. Das spare Kosten.
Fleur de pains betreibt in Lausanne und Umgebung 15 Bäckereien mit Café, in einer Filiale ist der Kaffeeautomat von Nestlé seit vier Monaten im Test. «Aber wir stellen nur auf Nestlé um, wenn wir unsere Kosten um mindestens 10 bis 20 Prozent reduzieren können.» Schliesslich habe die Sache auch einen Haken: «Wir können den Kaffee für die Maschinen nur bei Nestlé kaufen und würden so zu Gefangenen des Systems.» Ein weiteres Problem ist für Colombu der verwendete Instantkaffee. Das spürt, wer einen Espresso ohne Zucker und Milch trinkt. «Es ist wie Nescafé. Aber wer in ein Café geht, will das nicht. Daran muss Nestlé noch arbeiten.» Beim Café Crème oder Cappuccino spüre man hingegen kaum einen Unterschied zu Röstkaffee. Nestlé-Mann Mandralis betont Anderes: Die Telemetrie erhöhe die Effizienz der Lieferkette enorm, insbesondere in Lagerhaltung und Produktion. «Das System unterstützt die Frische des Produkts und reduziert den Überschuss, was gut für die Umwelt ist.»
Kolbenmaschinen-Kaffee müssen Nestlé-Baristas nicht brauen können
Gut ist es auch für Nestlés Umsatz und Gewinn. Das Geschäft mit Kaffeemaschinensystemen wächst derzeit zweistellig, langfristig soll es zum generellen Ziel des Konzerns von 5 bis 6 Prozent Wachstum beitragen. Michiel Kernkamp, Getränkechef der Ausserhaussparte Nestlé Professional, spricht von einem «komplett neuen Territorium». Junge Kaffeetrinker kämen über Milchspezialitäten wie Cappuccino, Macchiato oder Frappuccino zum Kaffee, deshalb sei die Zahlungsbereitschaft viel grösser. In Luxushotels etwa könne ein mit einer Maschine von Nestlé gemachter Latte schon mal 12 Euro kosten. Nestlé wandelt da auf den Spuren der US-Kette Starbucks: Deren Erfolg geht zu einem grossen Teil auf das Konto von Spezialitäten mit Milch oder Milchprodukten – und die haben ihren Preis.
Nestlés Konsumentenbefragungen haben ergeben, dass der optische Auftritt des Kaffees die Zahlungsbereitschaft der Kundschaft wesentlich beeinflusst. Ein dekoratives Schokoladetopping im Schaum eines Cappuccino zum Beispiel lässt den Geldbeutel lockerer sitzen. Deshalb beschäftigt Nestlé eigene Baristas, die weltweit das entsprechende Knowhow vermitteln. Einen guten Kaffee mit der Kolbenmaschine müssen die nicht mehr brauen können.
Schneller als jeder Mensch
Im Unterschied zur konzerneigenen Konkurrenz Nespresso, die auch grosse Maschinen für den Gastrobereich anbietet, arbeitet Nestlé Professional bei all seinen Maschinen mit löslichem Instant-Kaffeepulver von Nescafé. Während das Top-Modell Viaggi ein hochwertiges Extrakt von Kaffeebohnen verwendet, fügt das Einsteigermodell Alegria dem Instantkaffee kleinste Bohnensplitter bei, um ihn dem Röstkaffee geschmacklich anzunähern. Ein Novum ist die Geschwindigkeit, mit der die Maschinen Kaffee brauen. Da muss selbst der schnellste italienische Barista klein beigeben. Und Zeit ist Geld, auch und erst recht in der Gastronomie. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.07.2012, 12:50 Uhr
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