«Als Opfer auf den Arbeitsmarkt zu treten, ist sinnlos»

Banker, die ihren Job verloren haben, verlassen sich bei der Neuorientierung auf ihr Netzwerk. Branchenkennerin Brigitte Reemts warnt im Interview allerdings, das sei ein zweischneidiges Schwert.

Wer den Job verliert, trägt nicht nur eine Kiste Arbeitsüberbleibsel, sondern im besten Fall auch jede Menge Kontakte aus dem Geschäft: Angestellter nach der Entlassung. (Symbolbild)

Wer den Job verliert, trägt nicht nur eine Kiste Arbeitsüberbleibsel, sondern im besten Fall auch jede Menge Kontakte aus dem Geschäft: Angestellter nach der Entlassung. (Symbolbild) Bild: Magdalena Oberli

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Frau Reemts, bei einem Jobverlust spielt das Netzwerk eine wichtige Rolle. Wie gut sind Bankangestellte vernetzt?
Sie sind in der eigenen Industrie gut vernetzt, jedoch oft mit Leuten auf der gleichen Hierarchiestufe. Beim derzeitigen Stellenabbau klammern sich viele an ihren Job – da passiert es rasch, dass man eine Konkurrenz im Netzwerk darstellt. Gerade in den Banken herrscht «Inzucht», viele haben bereits die Lehre auf der Bank gemacht und sind danach aufgestiegen.

Helfen Beziehungen, wenn es zu einer Kündigung kommt?
Das Netzwerk ist sicherlich eine entlastende Ressource. Es ist jedoch ein zweischneidiges Schwert. Manche Leute denken, sie hätten ein gutes Netzwerk. Bei vielen Führungskräften bricht diese Illusion im Verlauf des Beratungsprozesses zusammen. Sogenannte gute Freunde wenden sich ab. Die Entlassenen fühlen sich total allein gelassen, wie Aussätzige.

Was hilft denn wirklich bei der Stellensuche?
Networken heisst für uns nicht, nach der Kündigung alle Bekannten um einen Job anzuflehen. Und auch nicht, mit einem Cüpli in der Hand an irgendeinem Anlass rumzustehen und zu sagen: «Du, ich bin dann wieder auf dem Markt.» Das Netzwerk zu pflegen, bedeutet in erster Linie Arbeit. Es geht darum, Informationen zu sammeln, um sich neu auszurichten. Wer hier falsche Vorstellungen hat, kann bitter enttäuscht werden.

Die Banker wähnen sich also oft in einer falschen Sicherheit. Wie positionieren sie sich ausserhalb der eigenen Firma, etwa in Berufsverbänden?
Dort sind Bankangestellte oft gar nicht gut organisiert. Weil in der Bankenkultur ein starkes Streben nach oben besteht, will man sich vom «normalen Angestellten» abheben. Bei Gewerkschaftsarbeit geht es um die Masse, doch genau dazu will der Banker nicht zählen.

Bankangestellte sind im Vergleich zu anderen Branchen immer noch gut bezahlt...
Wenn Bankführungskräfte in einer neuen Branche Zuflucht suchen, müssen sie bis zu 40 Prozent Lohneinbussen in Kauf nehmen. Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich. Einige stellen sich auf den Standpunkt «ich bin es wert», und dann rennen sie gegen eine Wand. Andere sagen sich: «Es waren ein paar fette Jahre, und die sind jetzt halt vorüber.»

Und «sozialverträgliche» Entlassungen federn den ersten Schock ab?
Abgangsentschädigungen geben natürlich Sicherheit. Andererseits haben diese Leute teilweise sehr hohe Fixkosten. Bei einer Kündigung müssen diese massiv runtergefahren werden. Eine berufliche Neuorientierung kann bis zu 10 Monate dauern. Gerade in den höheren Positionen braucht es zwei bis drei Monate, nur um die Wunden zu lecken. Denn als angeschossenes Opfer auf den Markt zu treten, ist sinnlos. Opfer stellt niemand an.

Ist das nicht Jammern auf hohem Niveau?
Natürlich, aber es ist trotzdem ein berechtigtes Jammern. Versetzen Sie sich in eine Person, welche 20 Jahre bei einer Grossbank auf Direktionsstufe gearbeitet hat, und plötzlich heisst es morgens: «Badge abgeben, Büro räumen, Sie sind draussen.» Eine Kündigung bedeutet oft die Zerstörung der eigenen Lebenswerte. Vor allem ältere Mitarbeitende haben zu einer Zeit angefangen, als die Branche noch anders tickte. Damals hiess es beim Stellenantritt: «Willkommen in unserer Familie.» Heute heisst es: «Wenn wir dich nicht mehr brauchen, dann schmeissen wir dich halt raus.»

Dieser Wandel hat aber bereits vor zwei Jahrzehnten stattgefunden.
Auf jeden Fall. Ich sage vielen meiner Klienten, sie hätten schon vor 10 Jahren nicht mehr davon ausgehen können, dass Sie bis zur Pensionierung im gleichen Job verharren können. Insbesondere ohne Weiterbildung. Das ist ein schwerer Fehler. (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 28.12.2012, 13:33 Uhr)

Zur Person

Brigitte Reemts ist Mitinhaberin der Outplacement-Firma Dr. Nadig + Partner. Sie studierte Philosophie an der Freien Universität in Berlin. Reemts leitete mehrere Jahre die Organisationsabteilung der «Zürich Leben», später den Bereich Management Services des Privatkundengeschäftes der «Zürich Schweiz». Sie bildete sich in den Bereichen Organisation (Dipl. Organisator), Marketing (HSG) und Coaching/Systemische Beratung weiter. Seit 2002 arbeitet sie in der Outplacement-Beratung.

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Zur Autorin dieses Artikels

Magdalena Oberli studiert Journalismus an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur. Dieser Artikel ist im Rahmen einer Praxiswerkstatt am Institut für Angewandte Medienwissenschaften entstanden.

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