Aldi und Lidl sind keine schlechteren Arbeitgeber

Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 05.01.2010 57 Kommentare

Vergleicht man die Anstellungsbedingungen, liegen die Schweizer und die deutschen Detailhändler näher beieinander als erwartet. Die Analyse im Detail.

Bild: TA-Grafik MR/Quelle: Unternehmen

Eine Angestellte sortiert Früchte im Aldi-Supermarkt in Küssnacht.

Eine Angestellte sortiert Früchte im Aldi-Supermarkt in Küssnacht. (Bild: Keystone)

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Über die Weihnachtstage hat Migros-Chef Herbert Bolliger in einem Interview im «Sonntag» den brutalen Preiskampf der Harddiscounter in Deutschland gegeisselt und vor den negativen Auswirkungen aufs Personal gewarnt. Die Preisdrückerei schwappe auch auf die Schweiz über.

Ein aktueller Vergleich der Arbeitsbedingungen des Verkaufspersonals im Detailhandel zeigt, dass wir von deutschen Verhältnissen weit entfernt sind. Die deutschen Discounter stellen ihr Personal in der Schweiz zu Bedingungen an, die sich zumindest in der Theorie nicht massiv von den Konditionen anderer Anbieter unterscheiden. In der Praxis entscheiden weitere Faktoren über das Befinden am Arbeitsplatz. Dennoch wagen wir einen Vergleich.

Mindestlohn und Stundenzahl

Ungelernte 20-Jährige verdienen beim zur Migros gehörenden Discounter Denner mit 3850 Franken am besten (siehe Tabelle). Berücksichtigt man aber, dass sie dafür 44 Stunden pro Woche arbeiten, resultieren 21.90 Franken Stundenlohn. Weniger als die Migros, Coop, Lidl und Manor zahlen, aber mehr als Spar. Aldi gibt offiziell keine Anfangslöhne bekannt, sie sollen aber über 4000 Franken liegen. Nach 2 Jahren Anstellung erhalten Ungelernte im Minimum 4162 Franken. Anders als etwa die Discounter zahlen Migros und Coop für Abend- und Sonntagsarbeit jedoch zum Teil grosszügige Zuschläge. Zudem beschäftigen sie auch viele gelernte Angestellte.

Migros und Lidl zahlen in einzelnen Regionen weniger, in Zürich aber mehr Lohn. Manor zahlt in Zürich, Basel und Genf mehr. Seit 1. Juli 2009 haben bei der Migros 10 Prozent (Gastro, Fleischverarbeitung, Logistik, Freizeit, Klubschule) eine 43-Stunden-Woche. Dafür gab es bis zu 6 Prozent Lohnausgleich.

Ferienguthaben

Mit 5 Wochen für alle Altersklassen ist Lidl knausrig; das relativiert den guten Stundenlohn. Aber lange nicht jeder Arbeitnehmer hat so lange Ferien, viele müssen mit vier Wochen auskommen. Am grosszügigsten ist Denner mit 6 Wochen für alle, was die lange Arbeitszeit etwas ausgleicht. Wer über 63 ist, hat es bei Coop mit acht Wochen am besten. Die Migros belohnt treue Seelen. Ab 21 Betriebsjahren bezieht man altersunabhängig 6 Wochen Ferien, ab 31 sogar 7.

Gesamtarbeitsvertrag

Gesamtarbeitsverträge sind im Handel nach wie vor eine Seltenheit. Coop hat einen, die Migros hat gleich zwei: einen Landes-GAV für die Migros (ohne Denner) und 50 angeschlossene Unternehmen, sowie einen für Globus, Herren Globus, Interio und Office World.

Stundenlöhner

Lediglich Aldi und Lidl beschäftigen nur Personal mit festem Pensum, wobei es bei Aldi oft zu Überstunden kommt, die 1:1 ausbezahlt werden. Lidl geht nur auf Wunsch des Arbeitnehmers unter ein Pensum von 60 Prozent, Aldi sieht ein Minimum von 50 Prozent vor. Spar stellt nur zum Brechen von Spitzen Personal im Stundenlohn an.

Alle anderen Händler beschäftigen Personal, das erst Ende Monat weiss, wie viel auf der Lohnabrechnung steht. 29 Prozent des Verkaufspersonals von Coop sind so angestellt. Manor hat 15 Prozent Stundenlöhner, Denner gibt über den Anteil keine Auskunft.

Bei der Migros ist der Beschäftigungsgrad der Stundenlöhner fix. Sie arbeiten ihre Stunden aber im Rahmen einer flexiblen Jahresarbeitszeit ab. Nur 5 Prozent des Verkaufspersonals arbeitet so wenig (maximal einen Tag pro Woche), dass weder GAV noch fixer Beschäftigungsgrad zur Anwendung kommen.

Pensionskasse

Wie die Altersvorsorge geäufnet wird, ist langfristig ein entscheidender Punkt der Anstellungsbedingungen. Gibt es beim versicherten Lohn einen Koordinationsabzug, schmälert das bei Teilzeitern den eingezahlten Betrag zum Teil beträchtlich – oder sie fallen gar nicht unter das Pensionskassenobligatorium. «Für das Verkaufspersonal mit seinen tiefen Löhnen ist es wichtig, einen tiefen oder gar keinen Koordinationsabzug zu haben», sagt Carlo Mathieu von der Gewerkschaft Syna. «Der Koordinationsabzug stellt eine gesetzliche Diskriminierung der Teilzeiter dar.» Die Höhe des Anteils des Arbeitgebers am Beitrag in die Pensionskasse sei zweitrangig.

Keinen Koordinationsbeitrag ziehen nur Denner und Lidl ab. Arbeitgeber und Arbeitnehmer zahlen aufs volle Gehalt Beiträge ein. Einen flexiblen Abzug, der sich dem Beschäftigungsgrad anpasst, kennen Coop, Migros und Aldi. Einen relativ tiefen Abzug von 12'500 Franken nimmt Manor vor. Lediglich Spar zieht die ganzen, vom Gesetzt vorgesehenen 23'940 Franken ab.

Überstunden

Wer als Teilzeiter im Niedriglohnbereich eine gute Altersvorsorge will, hat ein Interesse daran, dass der Arbeitgeber auch für Überstunden Beiträge an die Pensionskasse zahlt. Da dies dann aber auch der Arbeitnehmer muss, ziehen es viele vor, dass sie den vollen Betrag ausbezahlt bekommen, ohne Abzüge. Für den Gewerkschafter Mathieu ist beides nicht der Idealfall: «Überstunden sollten nach Möglichkeit kompensiert werden.»

Bei Migros, Aldi und Lidl sind grundsätzlich auch die Entschädigungen für Überstunden Teil des versicherten Lohnes. Nicht versichert sind sie bei Coop, Denner, Manor und Spar – wobei Manor betont, dass Überstunden nur selten ausbezahlt werden müssen.

Personalrabatt

Bei tiefen Löhnen kommt ein Einkaufsrabatt gelegen. Am grosszügigsten ist da Manor mit 10 bis 25 Prozent, je nach Warengruppe. Immerhin 10 Prozent aufs gesamte Sortiment gibt Spar, Coop gibt auf Non-Food 10 Prozent, auf Food fünffache Super-Punkte.

Lediglich doppelte bis vierfache Cumulus-Punkte erhält das Personal bei der Migros – auch die sind beim Einkaufen allerdings bares Geld wert. Wenig grosszügig sind die Discounter: Denner gewährt zweimal im Jahr einen 10-Prozent-Gutschein, Aldi und Lidl geben gar keinen Personalrabatt.

Berufsbildung

Ob Lernende ausgebildet werden oder nicht, ist für den einzelnen Angestellten nicht unbedingt von Belang, aber wichtig für die Gesellschaft. Absolut gesehen ist die Migros der grösste Ausbildner von Lernenden im Lande. Prozentual gerechnet nimmt aber Coop mit 5,4 Prozent des Personalbestands die Führung ein, die Migros kommt auf knapp 4. Wenig mehr als ein Jahr nach dem Eintritt in die Schweiz gibt auch Lidl ab August erstmals fünf Jungen die Gelegenheit, einen Beruf zu erlernen, Aldi rechnet für Herbst 2010 mit 120 Lernenden.

Spezialfall Volg

Bei der zur Fenaco gehörenden Volg gelten die Anstellungsbedingungen nur für jene 232 von 546 Läden, die von der Volg Detailhandels AG geführt werden. Alle anderen stehen unter individueller Leitung. Der Mindestlohn beträgt tiefe 3450 Franken – bei 42 Wochenstunden und 5 bis 7 Wochen Ferien, je nach Alter und Firmentreue.

Volg zahlt die Hälfte der Beiträge an die Pensionskasse und nimmt keinen Koordinationsabzug vor. Überstunden sind nicht versichert, die Stundenlöhner machen 45 Prozent des Personals aus. Bei Einkäufen gibt es 10 Prozent Rabatt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.01.2010, 17:57 Uhr

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57 Kommentare

Peter Walther

05.01.2010, 12:21 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Dass Coop nur auf Nahrungsmittel 10% gibt, ist falsch. Auf Nahrungsmittel gibt es gar keinen Personalrabatt, dafür aber doppelte Superpunkte. Auf Non-Food-Artikel gibt es je nach Kategorie bis zu 20 Prozent Personalrabatt. Dieses auch zum Beispiel im Interdiscount. Antworten


roger Göttschi

05.01.2010, 12:27 Uhr
Melden 1 Empfehlung

War ja richtig ein schönes Bild: der grosse Migros-Boss so weinerlich am Schimpfen über die böse, billige Konkurrenz. Es war halt früher für unsere Grossen 2 sooo toll ohne echte Mitbeweber uns Konsumenten im Glauben zu lassen, dass sie günstig seien. Und was jetzt? Aldi praktisch immer vor M/COOP in der Qualität und viel günstiger! Herr Bolliger: managen nicht um Pfründe weinen, ist nur lächerlic Antworten



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