50'000 Franken sparen mit Pillen aus Indien

Asiatische Hersteller bieten zu Tiefstpreisen Kopien der neuen und extrem teuren Hepatitis-C-Medikamente an – auch in der Schweiz.

Das ist das Original: Sovaldi-Kapsel der Firma Gilead. Foto: Keystone

Das ist das Original: Sovaldi-Kapsel der Firma Gilead. Foto: Keystone

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Das Angebot von Frau Doktor Amita Birla aus Mumbai an Philipp Bruggmann klingt verlockend: «Wir können Ihren Patienten gegen Rezept 28 Tabletten Sofosbuvir 400 mg für 320 Dollar plus Versandkosten schicken.» Sofosbuvir ist ein hochwirksamer Wirkstoff gegen das Hepatitis-C-Virus und wird in der Schweiz vom US-Hersteller Gilead unter dem Namen Sovaldi verkauft.

Verlockend ist das Angebot aus Indien aus zwei Gründen: In der Schweiz kostet die gleiche Packung 19 208.50 Franken. Für eine Standardtherapie braucht es drei Packungen, womit der Preis auf 57'625 Franken klettert – gegenüber 960 Dollar für die indische Variante. Die Einsparung ist also enorm. Zweitens, und das macht die Sache erst recht spannend, darf Sovaldi auf Anweisung des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) nur an einen beschränkten Kreis von Patienten mit weit fortgeschrittener Erkrankung verschrieben und somit von der Krankenkasse vergütet werden.

Wer Pech hat, weil seine Leber vom Virus noch nicht in genügendem Ausmass geschädigt worden ist, kann Sovaldi entweder selbst berappen. Oder er wartet, bis sich eine Leberzirrhose manifestiert. Oder aber er nimmt Kontakt mit Frau Doktor Birla in Mumbai auf.

Philipp Bruggmann, Chefarzt an den Arud-Zentren für Suchtmedizin in Zürich sieht sich wie andere Hepatitis-Spezialisten fortwährend mit dem Problem konfrontiert, dass er solche Patientinnen und Patienten abweisen muss. Deren Zahl wird von Fachleuten auf 8000 bis 16'000 geschätzt – ein potenzielles Kundensegment für die rasch wachsende Zahl von Billiganbietern in Asien.

Lizenz für Entwicklungsländer

Hersteller Gilead, der wegen der enorm hohen Preise für Sovaldi und dem neusten Viruskiller Harvoni weltweit in der Kritik steht, hat mittlerweile rund einem Dutzend indischen Pharmafirmen die Lizenz erteilt, eine Billigversion von Sovaldi herzustellen. Gemäss Lizenzabkommen dürfen die Pillen in 91 Entwicklungsländern abgesetzt werden. Bei Schwellenländern wie Brasilien und China behält sich Gilead die Belieferung vor, weil dort höhere Preise durchgesetzt werden können. Den Verkauf der Medikamente in westliche Länder kann Gilead jedoch nicht unterbinden. Patienten müssen einzig ein ärztlich erstelltes Rezept vorweisen, aber woher die Kunden stammen, müssen die Generikahersteller gemäss Vorgaben von Gilead nicht überprüfen. Zu den lizenzierten indischen Herstellern gehört auch ACT Life Sciences von Amita Birla in Mumbai.

Im Geschäft mischen auch immer mehr Anbieter ohne Gilead-Lizenz mit. Dazu gehört Incepta Pharmaceuticals aus Bangladesh. Die Zwölfwochenkur mit Hopetavir, wie Sovaldi hier heisst, kostet 900 Dollar. Das sind rund 10 Dollar pro Pille. In der Schweiz kostet eine Sovaldi-Pille 686 Franken oder, zum aktuellen Wechselkurs berechnet, knapp 730 Dollar. In den USA, wo Gilead die höchsten Preise durchsetzen kann, sind es 1000 Dollar.

In Schweizer Ärztekreisen hat man zurzeit noch keine Hinweise darauf, dass Patienten sich mit ihrem Rezept auf dem Graumarkt eindecken. Gemäss Heilmittelgesetz dürfen Arzneien nur bis zum Umfang eines Monatsbedarfs importiert werden. Philipp Bruggmann warnt vor den Risiken, die generell bei Medikamentenimporten lauern: «Es besteht die Gefahr, dass die gelieferten Produkte nicht den angegebenen Inhaltsstoff oder nicht in der notwendigen Qualität und Menge beinhalten.» Dazu kommt, dass der Wirkstoff Sofosbuvir allein nicht ausreicht gegen Hepatitis C und deshalb mit anderen Medikamenten wie etwa dem Wirkstoff Ribavirin kombiniert werden muss. Was allerdings kein Hinderungsgrund wäre: Incepta aus Bangladesh liefert auch diesen Wirkstoff auf Bestellung. Angesichts der potenziellen Schwere der Erkrankung ist für Bruggmann klar: «Jede Hepatitis-C-Therapie gehört unter ärztliche Kontrolle.» Ärzte könnten schliesslich für ihre Patienten auch nicht in die Lücke springen: «Ärzten ist es nicht erlaubt, Arzneimittel direkt aus dem Ausland zu importieren.»

Kreuzfahrtschiff voller Arzneien

Aber sie können ihre Patienten nicht daran hindern, ins Ausland zu reisen, zum Beispiel nach Indien, wie dies der Australier Greg Jeffreys getan hat. Er war noch zu wenig krank, um die Behandlung mit Sovaldi in der Höhe von 90'000 Dollar vom Staat vergütet zu erhalten. Ein Freund habe ihn auf die Idee mit Indien gebracht, erzählt Jeffreys vor kurzem der Nachrichtenagentur Bloomberg. Er reiste ins Apollo-Spital in Chennai, eine laut Jeffreys topmoderne Einrichtung, die sich auf ausländische Patienten spezialisiert hat. Der dortige Arzt, der in London gearbeitet hatte, berechnete ihm 20 Dollar für die Konsultation. Die Pillen musste er sich anschliessend bei einem Händler holen, der für das Pharmaunternehmen Mylan arbeitet, das über eine Lizenz von Gilead verfügt. Die Pillen für die dreimonatige Therapie kosteten 1000 Dollar – so viel, wie eine einzige Pille in seinem Heimatland. Zusammen mit den Flug- und Übernachtungskosten gab er insgesamt 3000 Dollar aus. «Das ist nicht viel, wenn man dafür wieder gesund wird», erklärte er Bloomberg. Als sein Fall bekannt wurde, sei er mit Anfragen von Patienten aus der ganzen Welt eingedeckt worden.

Ob das Sovaldi-Generikum aus Chennai keine Fälschung war, wird er allerdings erst wissen, wenn er bei seinem australischen Arzt demnächst den Virencheck machen lässt.

Wie sehr die grotesken Preisverzerrungen im weltweiten Gefüge die Fantasien beflügeln können, bewies Steve Miller, oberster medizinischer Verantwortlicher der US-Firma Express Scripts, die für Unternehmen und Krankenkassen günstige Preise für Medikamente aushandelt. Miller dachte allen Ernstes darüber nach, vor der Küste von Miami ein Kreuzfahrtschiff unter indischer Flagge zu ankern – voll beladen mit indischen Kopien von Sovaldi. Die Patienten würden mit Fährbooten zum Kreuzer gebracht, wo sie dann zu Tiefstpreisen ihre Dreimonatstherapie erwerben könnten.

Miller liess die Pläne sausen, nachdem er herausgefunden hatte, dass er damit wohl die US-Einfuhrgesetze verletzen würden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.06.2015, 07:35 Uhr

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Hepatitis C

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Hepatitis ist eine Entzündung der Leber, die durch Bakterien, Parasiten, Gifte oder – wie bei Hepatitis C – durch Viren verursacht wird. Bei gegen 80 Prozent der Infizierten kommt es zu einer chronischen Entzündung der Leber. Häufig verläuft eine Infektion aber lang symptomlos. In der Schweiz leben geschätzte 80'000 Betroffene, viele ohne Diagnose. Die Ansteckung erfolgt via Blut, etwa durch Spritzen, medizinische Eingriffe oder Tätowierungen sowie blutige Sexualpraktiken. (fes)

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