Tod eines Schwerarbeiters

Martin Senn, bis vor kurzem Konzernchef der Zurich, hat sich das Leben genommen. Den erzwungenen Abgang habe er schlecht verkraftet, sagen Freunde.

Martin Senn: Der 59-jährige ehemalige Chef der Zurich-Versicherung schied freiwillig aus dem Leben. Foto: Samuel Trümpy

Martin Senn: Der 59-jährige ehemalige Chef der Zurich-Versicherung schied freiwillig aus dem Leben. Foto: Samuel Trümpy Bild: Keystone

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«Selbst wenn man einen Menschen gut kennt und eng mit ihm zusammenarbeitet, sieht man leider nie ganz in ihn hinein.» Eine Binsenwahrheit, zu der Martin Senn in einem Interview griff, unmittelbar nachdem sich sein Finanzchef Pierre Wauthier 2013 mit 53 Jahren um­gebracht hatte. Nun, drei Jahre später, ist es an Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen des früheren Chefs der Zurich Insurance, eine Antwort auf diese Fragen zu finden. Martin Senn hatte sich am letzten Freitag mit 59 Jahren das Leben genommen.

Sowohl die Familie als auch das Unternehmen schweigen über die Gründe. Eine mögliche Erklärung ist die Fallhöhe zwischen seiner Stellung als Chef eines weltweit agierenden Versicherungskonzerns mit allen Machtinsignien und seinem neuen Leben, das er seit seinem abrupten Abgang bei der Zurich Ende letzten Jahres als Privatmann verbrachte.

Vom KV-Stift zum internationalen Topmanager

Die Karriere eines Basler KV-Stifts, der sich über Auslandsstationen bei diversen Banken in die Welt der Versicherungen hochgearbeitet hatte und 2009 mit der Ernennung zum Konzernchef der Zurich-Gruppe in den Olymp der Schweizer Wirtschaft vorgestossen war, hatte einen fatalen Knick erhalten.

Umsichtig, umgänglich, mehrheits­fähig, gut geerdet – mit diesen positiven Merkmalen wurde er in all den Jahren in der Wirtschaftspresse gerne versehen. Er sei kein Dealmaker, der Wachstum mit waghalsigen Firmenübernahmen bolze. Sondern eher der Finanzchef, der seinen Konzern vor Verlusten schützen wolle, ein Versicherungsmensch eben, der das Risiko scheue. Da klang bereits so etwas wie Kritik an.

Machtgerangel in der Zurich

Zum Clash kam es, als der von der Deutschen Bank kommende Joe Ackermann das Zurich-Präsidium übernahm. Der Konzern habe strategisch und operativ erheblichen Handlungsbedarf, stellte der Banker an die Adresse des Versicherers klar. Die Chemie dürfte auch sonst gestört gewesen sein. Als Senn 1994 bei der Credit Suisse angeheuert hatte, war der zehn Jahre ältere Ackermann dort bereits Chef. Der Machtmensch Ackermann habe sich bei der Zurich nicht von CEO Senn die Geschäftslage in wöchentlichen Sitzungen erklären lassen wollen, wie dies der Ackermann-Vorgänger getan hatte, schrieb die «Bilanz» damals. Der Ex-Banker wandte sich direkt an Finanzchef Wauthier.

Als sich Ackermann nach dem Suizid von Wauthier umgehend aus dem Verwaltungsrat verabschiedete, weil dieser dem Präsidenten in seinem Abschiedsbrief Vorwürfe gemacht hatte, schien es, als hätte Martin Senn das Machtgerangel auf der obersten Führungsebene gewonnen. Nachträglich betrachtet war es wohl ein Irrtum. Die Zahlen der Zurich-Gruppe verschlechterten sich rapide. Senn, der eben gerade nicht als Deal­maker bekannt war, scheiterte überdies bei seinem einzigen nennenswerten Übernahmeversuch, dem Kauf der englischen Versicherungsgesellschaft RSA.

Die Hinweise überhört

Tom De Swaan, der nach Ackermanns Abgang das Präsidium übernahm, habe schon früh eine Zukunft ohne Martin Senn geplant, sagen Insider. Er habe seinen CEO auf einen baldigen Abschied vorbereitet, doch Senn habe die Hinweise überhört. Senn dürfte den Ernst der Lage spätestens dann realisiert haben, als öffentlich bekannt wurde, die Zurich suche über einen Londoner Headhunter einen neuen Chef.

Als der Konzern am 1. Dezember 2015 den Rücktritt von Martin Senn bekannt gab, fehlten jegliche Hinweise auf künftige Engagements wie etwa Beratungsmandate und Ähnliches, mit denen ein Rausschmiss auf oberster Führungsebene gerne abgefedert wird. Das Unternehmen hatte seinen CEO mit einem gut ausgestatteten Abgangsvertrag verabschiedet, dann wurde die Zugbrücke hochgezogen.

Mühe, sich neu zu orientieren

Kein prallvoller Terminkalender mehr, keine wichtigen Verpflichtungen – der frühere Schwerarbeiter Senn hatte plötzlich viel Zeit und keine Aufgabe mehr. Mit dem hoch dotierten Zurich-Job verlor er auch jene Ämter, die an die Funktion eines Unternehmenschefs geknüpft waren: das Präsidium der einflussreichen Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer, in das er nur ein Jahr zuvor gewählt worden war. Oder den Einsitz in das oberste Gremium des WEF. In beiden Gremien werden demnächst Nachfolger gewählt.

Er habe nicht richtig zum Establishment gehört, heisst es in seinem Bekanntenkreis. Einige Personen, die in früheren Berichterstattungen gerne als «Freunde» von Senn bezeichnet wurden, erklären auf Anfrage, dass sie in den letzten Jahren keinen Kontakt mehr mit ihm gehabt hätten.

Andere, die mit ihm auch in den letzten Monaten und Wochen noch in Verbindung standen, erzählen, Senn habe offen darüber geredet, dass er Mühe habe, sich neu zu orientieren. Dabei zweifelte eigentlich niemand daran, dass er binnen Jahresfrist wieder das eine oder andere Verwaltungsratsmandat wahrnehmen würde. Doch statt frischen Schwung zu tanken, habe er die Berichterstattung über den Zurich-Konzern weiterhin verfolgt – und kritische Äusserungen, so allgemein sie auch sein mochten, als persönliche Angriffe wahrgenommen.

Senn hinterlässt eine Frau und zwei erwachsene Kinder. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.05.2016, 23:04 Uhr

Wenn Topmanager des Lebens müde werden

Ein Überblick über aufsehenerregende Fälle seit Ausbruch der Finanzkrise im Herbst 2008:

  • 27. Mai 2016: Der ehemalige Zurich-Chef Martin Senn hat sich in Klosters GR das Leben genommen.

  • 26. August 2013: Pierre Wauthier, Finanzchef der Zurich, scheidet freiwillig aus dem Leben.

  • 23. Juli 2013: Swisscom-Chef Carsten Schloter wird leblos in seiner Wohnung in Villars-sur-Glâne FR aufgefunden. Die Polizei geht beim Tod des 49-Jährigen von Suizid aus.

  • 24. November 2011: Der Chef des Laufentaler Bonbon-Konzerns Ricola, Adrian Kohler, setzt seinem Leben im Alter von 53 Jahren ein Ende, nachdem er den ­Verwaltungsrat über «Unregelmässig­keiten in seiner persönlichen Geschäftsbesorgung» orientiert hatte.

  • 26. Januar 2010: Der 61-jährige, unter ­Alkoholproblemen leidende Bündner Polizeikommandant und WEF-Sicherheitschef Markus Reinhardt nimmt sich in einem Hotelzimmer in Davos das ­Leben.

  • 7. September 2010: Der ehemalige deutsche Flick-Manager und Industrieberater Eberhard von Brauchitsch und seine Frau Helga, beide 83-jährig, scheiden in Zürich mithilfe der Sterbehilfeorganisation Exit aus dem Leben.

  • 22. April 2009: Der Finanzchef des verstaatlichen US-Hypothekengiganten Freddie Mac, der 41-jährige David Kellermann, wird nach einem Suizid in seinem Wohnhaus in einem Vorort Washingtons gefunden.

  • 6. Januar 2009: Steven L. Good, der 52-jährige Chef von Sheldon Good & Company Auctions International, eines führenden US-Immobilienauktions­hauses, nimmt sich in einem Wald bei Chicago das Leben.

  • 5. Januar 2009: Der deutsche Milliardär Adolf Merckle begeht wegen Millionenverlusten in seinem Unternehmensimperium, zu dem auch der Baselbieter Generikahersteller Mepha gehörte, Suizid.

  • 23. Dezember 2008: Der 65-jährige Franzose Thierry Magon de la Villehuchet, Gründer eines in der Madoff-Betrugs­affäre geschädigten Investmentfonds, wird in seinem New Yorker Büro tot aufgefunden.

  • 16. Dezember 2008: Der dänische Top­banker Christen Schnor von der HSBC nimmt sich im Alter von 49 Jahren in einer Suite eines Londoner Luxushotels das Leben.

  • 3. Dezember 2008: Alex Widmer, einer der bekanntesten Privatbankiers der Schweiz und seit 2007 Chef der Bank Julius Bär, nimmt sich im Alter von 52 Jahren in ­seiner Villa in Baden das Leben. (SDA)
(Tages-Anzeiger)

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