«Wir wollen die alte Markthalle in das Jahr 2020 bringen»

Der neue Migros-Aare-Chef Anton Gäumann über die neue Berner Markthalle, den Umbau der Migros Marktgasse und seinen Führungsstil.

Anton Gäumann: «Im Coop kaufe ich nie ein.»

Anton Gäumann: «Im Coop kaufe ich nie ein.» Bild: Adrian Moser

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Herr Gäumann, in welcher Migros-Filiale kaufen Sie ein?
Das ist verschieden. Wenn ich am Samstag unterwegs bin, dann suche ich mir eine Filiale aus, die ich noch nicht so gut kenne.

Dann muss samstags das Personal in allen Filialen zittern, dass der Chef auf Kontrollbesuch kommt . . .
Zittern muss das Personal bestimmt nicht. Die Filialen sind unterschiedlich, und ich sehe dort, wie ich mich selbst als Konsument verhalte, ob ich beispielsweise zu lange suchen muss, um ein Produkt zu finden.

Wie oft kaufen Sie im Coop ein?
Im Coop kaufe ich nie ein. Das heisst aber nicht, dass ich die Filialen unserer Mitbewerber nicht besuche. Ich beobachte genau, was dort passiert.

Die Migros Aare will die Berner Markthalle übernehmen. Was planen Sie dort?
Der Media-Markt hat noch einen bestehenden mehrjährigen Mietvertrag. Jetzt müssen wir schauen, ob wir diesen übernehmen können. Wir sind der Überzeugung, dass die Markthalle zu Bern gehört und dass man an diesem Standort etwas Gutes machen kann.

Sie haben also noch nichts unterschrieben?
Wir haben eine Absichtserklärung unterschrieben und steigen jetzt in die Verhandlungen ein.

Sie sagen, Sie wollen etwas Gutes tun für Bern. Aber Sie wollen mit der Markthalle wohl auch Geld verdienen?
Für uns ist klar: Das ist kein Projekt, das vom Kulturprozent finanziert werden kann. Und wir wollen sicher kein Geld verlieren. Aber wir werden nicht eine Immobilienrendite erwirtschaften, wie sie im Handel üblich ist. Wir wollen mindestens eine schwarze Null schreiben können.

Wird die Markthalle der neu eröffneten Welle 7 gleichen oder eher der früheren Markthalle?
Sie wird eher wie früher aussehen. Wir wollen die alte Markthalle in das Jahr 2020 bringen. Wir stellen uns einen Mix aus Gastronomie und Einkaufen vor.

Mit welchen Mietern rechnen Sie?
Da ist noch nichts festgelegt. Aber aufgrund der Berichterstattung haben wir zahlreiche Anfragen von unterschiedlichsten Betrieben erhalten.

Wird die Migros auch mit eigenen Formaten wie der italienischen Restaurantkette L’Osteria oder einem Alnatura-Bioladen präsent sein?
Es kann sein, dass das eine oder andere Migros-Format in die Markthalle kommt, aber das hat zweite Priorität. Einen Migros-Laden oder einen Fachmarkt gibt es sicher nicht.

Haben die früheren Markthalle-Mieter Vorrang?
Einige der damaligen Mieter haben sich bereits beworben. Wir würden mit ihnen Gespräche führen, diese aber nicht bevorzugt behandeln.

Die Migros betreibt in der Berner Altstadt diverse Filialen, dazu kommen die Welle 7, ein neuer Denner am Bärenplatz und nun noch ein Fitnesscenter an der Christoffelgasse. Wie viel Migros ist genug?
Die Kunden bestimmen, wie viel Migros es verträgt. Wir gehen dorthin, wo die Kundenfrequenzen sind. Vor 10 Jahren wurde uns vorgeworfen, wir würden mit dem Shoppyland und dem Westside der Innenstadt schaden. Nun sind wir hier wieder stärker präsent und beleben mit unseren verschiedenen Formaten die Innenstadt. Gehen Sie an einem Samstag in die Migros Marktgasse – da können Sie sich vor dem Kundenansturm kaum wehren.

Die Migros Marktgasse wollen Sie ja umbauen. Was wird anders?
Wir haben eine Planungsvereinbarung mit der Stadt Bern unterzeichnet. Sie legt fest, wie wir mit den Gebäuden und mit den unschönen Ausbauten der 60er- und 70er-Jahre umgehen können. Nun prüfen wir verschiedene Varianten: Entweder erneuern wir den in die Jahre gekommenen Supermarkt, oder wir gestalten die Räumlichkeiten um zu einem innenstädtischen Einkaufszentrum. Wir haben freie Flächen in den Obergeschossen, seit die Klubschule in die Welle 7 umgezogen ist.

Welche ist Ihre Wunschlösung?
Am liebsten würde ich ein städtisches Einkaufszentrum machen, etwa wie die «Fünf Höfe» in München – einfach, dass wir nur einen Hof hätten. Wir würden dafür den Raum zwischen Markt- und Zeughausgasse wieder öffnen. Zudem gibt es zwischen den Häusern ein parallel zur Zeughausgasse verlaufendes Gässchen, das wir als weiteren Zugang zum neuen Zentrum öffnen könnten.

Was soll in den oberen Geschossen passieren? Gibt es Wohnungen?
Für den Detailhandel sind diese Flächen eher ungeeignet. Wohnen ist ein Thema, oder auch ein Hotel. Wir prüfen eine Variante mit möblierten Appartements mit Hotelservice für längere Aufenthalte.

In der Welle 7 prosperieren noch nicht alle Läden, wie man sieht . . .
Die Welle 7 ist ein neuartiges Konzept, das Zeit braucht. Trotzdem sehen wir nach den ersten fünf Monaten, was gut und was weniger funktioniert. Die Klubschule läuft zum Beispiel sehr gut. Der Co-Working-Bereich läuft weniger gut. Wir stellen uns vor, dass zum Beispiel Jungunternehmer die ersten Monate nach der Gründung dort arbeiten statt in einem eigenen Büro. Das müssen wir noch bekannter machen.

Auch in den unteren Stockwerken ist es zuweilen sehr leer.
Wir haben eine enorme Kundenfrequenz, doch sie verdünnt sich in den unteren Stockwerken stark. Wir müssen mit den Mietern schauen, wie wir das verbessern können.

Zeichnen sich bereits Wechsel ab?
Nein, das nicht.

Sie sind seit letztem Herbst Chef von 12'000 Angestellten in den Kantonen Bern, Solothurn und Aargau. Wie führen Sie den Koloss Migros Aare?
Es geht nur, indem man die Aufgaben auf viele Schultern verteilt. Wir haben eine zehnköpfige Geschäftsleitung, die gemeinsam definiert, wo die Migros Aare hin will.

Als oberster Chef müssen Sie Ihre Fühler aber in alle Bereiche ausstrecken, damit Sie merken, wenn etwas nicht gut läuft.
Ich muss mit einem guten Sensorium durch die Gegend gehen. Zudem schaue ich mir alle Kundenreaktionen an. So kann ich gezielt Einfluss nehmen, wenn es nötig ist.

Man hört, die Migros Aare werde hierarchisch geführt.
Das sehe ich nicht so. Aber bei einem Unternehmen dieser Dimension braucht es eine klare Struktur. Es kann zum Beispiel nicht jeder Filialleiter das Sortiment selbst zusammenstellen. Oder die Milch heute etwas günstiger verkaufen als gestern. Es braucht diese Struktur, damit jeder weiss, was er zu tun hat. Auf der anderen Seite braucht es vernetzte Teams, die zusammenarbeiten können. Sonst entwickeln sich keine Innovationen.

Bei einer durchstrukturierten Organisation werden wohl gewisse Ideen abgewürgt.
Nein, im Gegenteil. Wir haben eine offene Kultur, bei der alle ihre Ideen einbringen können. Wir haben vor einigen Jahren intern eine Ideenfabrik aufgebaut. Ausserdem handhaben wir das unkompliziert: Gerade diese Woche habe ich von einem Filialmitarbeiter einen Input erhalten. Der hat in Deutschland Preisschilder gesehen, auf denen zusätzliche Informationen angebracht waren – etwa, dass das Produkt vegan ist. Der schickt mir das direkt und muss nicht zuerst seinen Filialleiter um Erlaubnis fragen. Viele solcher Ideen wurden schon umgesetzt.

Zum Beispiel?
Etwa der Garderobenservice in den Einkaufszentren.

Sie selbst sind seit 30 Jahren bei der Migros Aare.
30 Jahre, acht Monate und elf Tage.

Lebt man in einer Blase, wenn man so lange in einem Unternehmen ist? Man kennt ja nur eine Firmenkultur.
Nein, bei der Migros ist das eher ein Vorteil als ein Nachteil. Man weiss genau, wie die Firma tickt. In diesen 30 Jahren habe ich etwa sieben verschiedene Funktionen innegehabt. Zwischen 1998 und 2001 habe ich die Fusion zwischen der Migros Bern und sowie der Migros Aarau und Solothurn geleitet. Da habe ich die ganze Breite dieser Firma kennen gelernt. Das hilft mir heute.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?
Direkt und zielorientiert.

Manche sprechen von militärisch.
Gut, wenn man 1800 Diensttage in der Armee geleistet hat, dann kommt vielleicht etwas Militärisches mit. Wenn ich nicht im Militär gewesen wäre, würde man ein anderes Wort verwenden. Ich würde das nicht überbewerten.

Man nimmt die Migros zum Teil als verkrusteten Koloss wahr mit einer Verwaltungsmentalität . . .
Ich nicht. Die Migros ist überhaupt nicht verkrustet. Ein Beispiel ist die Welle 7. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie viele andere Unternehmen in der Schweiz finden, die ein solches Wagnis eingegangen wären.

Das heisst, Sie müssen nichts anders machen als Ihr Vorgänger?
Darum geht es nicht. Die Zeiten ändern sich rasant. Wir müssen dranbleiben, etwa bei der Digitalisierung. Das beginnt dabei, wie wir unsere Kunden ansprechen. Heute ist es nicht damit getan, dass wir ein Inserat schalten. Das ganze Leben wird mobiler, schneller und vernetzter.

Wie sieht eine Migros-Filiale in zehn Jahren aus?
Ähnlich wie heute. Es wird aber viel mehr Convenience-Produkte geben. Und zwar nicht wie wir sie heute kennen, Sandwiches, Fertigsalate und Ähnliches. Sondern auch zusammengestellte Menüs für den Heimgebrauch.

Aber es wird immer noch Kühlregale und eine Früchte- und Gemüseabteilung geben?
Ganz bestimmt. In einigen Ländern gibt es zwar schon Apotheken, wo die Kundin nur noch vor einem Bildschirm steht. Man drückt auf Aspirin, und das wird dann ausgespuckt. Solche Sachen wird es vereinzelt geben.

Auch bei der Migros?
Ich kann es mir vorstellen. Aber ich glaube nicht, dass Automaten die Läden komplett ersetzen werden. Erst recht nicht im Bereich der Frische-Produkte.

Wird es auch in 10 Jahren noch Kassiererinnen geben?
Ja. Es wird weiter Kunden geben, die lieber bei einer Kassiererin bezahlen. Ich gehöre dazu. Ich persönlich scanne nicht gerne selber. Für viele Kunden ist es aber eine ideale Lösung. Sie wollen das Produkt nur einmal in die Hand nehmen. Indem sie es aus dem Regal nehmen, mit Selfscanning erfassen und gleich in die Tasche packen.

Und wird es mehr oder weniger Migros-Filialen geben?
Mehr, aber differenziert. Mit den Voi haben wir ein Konzept für kleine Flächen in Quartieren. Das bewährt sich. Solche Läden wird es sicher mehr geben.

Trotz Onlineshopping?
Onlineshopping wird zunehmen, aber schrittweise. Zudem brauchen die Kunden oft noch kurzfristig etwas. Dieses Bedürfnis lässt sich online schlecht abdecken. Es braucht daher weiterhin Läden in der Nähe der Leute. (Der Bund)

Erstellt: 13.01.2017, 06:38 Uhr

Anton Gäumann

Migros-Mann durch und durch

Anton Gäumann ist seit letztem September Chef der Migros Aare. Die Genossenschaft ist für die Kantone Bern, Aargau und Solothurn zuständig und die grösste der Migros-Gemeinschaft. Gäumann arbeitet seit 1986 für die Migros. Vor seiner heutigen Funktion war er Leiter aller Einkaufszentren im Gebiet der Migros Aare. Zuvor verantwortete der eidgenössisch diplomierte Marketingleiter den Bau und den Betrieb des Einkaufszentrums Westside. Der Steffisburger ist 56-jährig, verheiratet und wohnt in der Stadt Bern, im Obstberg-Quartier. Von 1990 bis 2000 sass er im grossen Gemeinderat von Steffisburg. Zuerst für den LdU, den vom Migros-Patron Gottlieb Duttweiler gegründeten Landesring der Unabhängigen. Nach der Auflösung des LdU wechselte er in die FDP. Heute gehört er keiner Partei mehr an. (dy)

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