Neue SBB-App sucht günstigstes Billett aus

Erst fahren, dann zahlen: Die SBB lancieren eine App, die die Zugfahrt aufzeichnet und automatisch den besten Tarif verrechnet.

Beim Einsteigen drückt man auf Start: Fairtiq (links) und Lezzgo, die heutige Konkurrenz zur künftigen SBB-App. Foto: Adrian Moser

Beim Einsteigen drückt man auf Start: Fairtiq (links) und Lezzgo, die heutige Konkurrenz zur künftigen SBB-App. Foto: Adrian Moser

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Es sind Tricks, die bisher nur erfahrene ÖV-Nutzer kennen: Nicht immer ist das naheliegendste Ticket von A nach B auch das günstigste. Ein Beispiel ist die Fahrt von Zürich nach Bern, retour nach neun Uhr. Die SBB verkaufen das kombinierte Billett für 62.40 Franken (2. Kl./Halbtax). Am günstigsten wäre aber eine 9-Uhr-Tageskarte für 58 Franken. Je weiter, desto grösser der Aufschlag: Wer von St. Gallen nach Bern retour fährt, zahlt 25 Franken zu viel – eine Billigstpreisgarantie gibt es heute im ÖV nicht.

Bald soll sich das ändern. «Wir setzen auf die automatische Reiseerfassung via Smartphone», so Christoph Zogg, der bei den SBB für den digitalen Ticket­vertrieb verantwortlich ist. «Eine App zeichnet den gefahrenen Weg auf. Gekauft wird das richtige Billett hinterher.» Dabei erhält der Passagier automatisch den günstigsten Tarif.

Welche App gewinnt?

Die SBB werden die Funktion zunächst auf ihrer Experimentier-App SBB Mobile Preview aktivieren. Diese besteht parallel zur normalen SBB-App. Damit kopieren die SBB das Geschäftsmodell zweier Handy-Applikationen, die heute regional funktionieren. Lezzgo verzeichnet 10'300 Downloads, gehört der BLS und bedient ÖV-Kunden im Grossraum Bern und der Innerschweiz. Die andere App heisst Fairtiq und gehört Privaten. Sie zählt 30'000 Nutzer, darunter 11'000 regelmässige, und verkauft Zonentickets in der Ostschweiz sowie in Bern.

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Dass die SBB ab 2018 die Reise automatisch via Smartphone erfassen ...




Lezzgo und Fairtiq planen, im kommenden Jahr Billette in der ganzen Schweiz zu verkaufen – also Strecken- und Zonenkarten in freier Kombination mit Garantie, den günstigsten Preis zu erhalten. Konkret startet Fairtiq einen Test am 3. Juli in Graubünden, wo Strecken- und Verbundbillette miteinander kombiniert werden können. Lezzgo hat seit Juni die Versuchs-App Lezz­go plus aktiviert. Testnutzer können damit ­Einzelbillette im gesamten BLS- und SBB-Netz sowie in elf Verkehrsver­bunden ­erstehen, darunter im ZVV. Die Versuchs-App funktioniert allerdings nur auf Apples iPhones.

Besonders an diesem Experiment ist, dass nicht nur die Erfinderin BLS, sondern auch die SBB und Postauto daran beteiligt sind. «Wir testen zusammen einen verbindlichen Standard, den die Branche künftig anwenden soll», sagt der BLS-Sprecher Hugo Wyler. Dass die SBB in Zukunft mit ihrer eigenen App ­antreten, überrascht ihn. Das sei «nicht die Idee der Kooperation». Ein SBB-Sprecher ergänzte, die Absicht der Transportunternehmen und ÖV-Verbunde sei, dass sich «die Branche auf einen gemeinsamen Standard auf der Basis des Lezz­go-Versuchs» einige. Der beste Standard solle sich durchsetzen.

Bundesamt für Verkehr übt Druck aus

Während die BLS über die SBB-Pläne nicht erbaut sind, sieht Fairtiq-Erfinder und Hauptaktionär Gian-Mattia Schucan der Konkurrenz gelassen entgegen. Man führe mit den SBB Gespräche über eine mögliche Zusammenarbeit. «Aber wir sind überzeugt, dass es im Markt für mehr als eine Lösung Platz hat», sagt der frühere SBB-Vertriebsleiter der Division Personenverkehr. Fairtiq richte sich ausserdem international aus. «Beispielsweise betreiben wir mit den Nieder­ländischen Staatsbahnen bereits ein ­Pilotprodukt zum Billettverkauf.»

Noch optimistischer sieht der Direktor der Rhätischen Bahn, Renato Fasciati, die Chancen: «Wahrscheinlich werden die SBB eines der beiden bestehenden Systeme, Lezzgo und Fairtiq, für ihre Lösung verwenden, wobei wir überzeugt sind, dass Fairtiq zurzeit technisch weiter ist.» Er rechnet damit, dass sich längerfristig eine Anwendung durchsetze.

Um das Gerangel um Apps zu verstehen, muss man hinter die Kulissen blicken. Transportministerin Doris Leuthard und ihr Bundesamt für Verkehr (BAV) üben erheblichen Druck auf die 248 Transportunternehmen und 18 Verkehrsverbunde der Schweiz aus, die ­Tariflandschaft zu vereinfachen. «Wir haben bis heute beispielsweise keine einheitliche Definition, was ein Senior oder was eine Tageskarte ist», sagte sie etwa vorletzte Woche im Parlament. In Zürich gilt eine Tageskarte 24 Stunden, bei den SBB einen Kalendertag bis 5 Uhr früh. Das verkompliziere das System und bremse ein nutzerfreundliches Angebot, so Leuthard. «Der Kunde hat kein Verständnis mehr, dass es in der kleinen Schweiz nicht möglich ist, dass sich ÖV-Anbieter auf Vereinfachungen einigen.»

Zwei Projekte auf Bundesebene

In der Kritik stehen der ÖV-Dach­verband öffentlicher Verkehr (VöV), der Verein ch-Direkt, der die Abo- und Fernstreckentarife festlegt und die Konferenz der kantonalen Verkehrs­direktoren (KöV), das heisst die mächtigen regionalen Verkehrsverbunde, darunter der ZVV und Libero. Sollten sich diese Akteure nicht einigen, droht Leuthard, zwar nicht den Preis, sondern das Tarifmodell zu dekretieren. Das Mandat dazu will sie sich im Par­lament holen. Die Kantone wehren sich dagegen.

National laufen derzeit zwei Projekte, die sich damit befassen. Zum einen geht es um eine Standardi­sierung des Online-Billettvertriebs, damit Apps wie Fairtiq und Lezzgo besser funktionieren. «Die Regeln für die automatische Reiseerfassung elektronischer Billette sollen bis Ende Jahr beschlossen sein, sodass jeder Vertriebspartner sie ab 2018 anwenden kann», sagt SBB-Digitalchef Zogg.


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Zum anderen sucht man eine Vereinfachung der erwähnten Tarifmodelle. «Ziel ist, ein entscheidungsfähiges ­Gremium zu schaffen, das über das Tarif­modell im Fernverkehr und Verkehrsverbunde entscheiden kann», sagt Zogg. Doch das brauche Zeit, denn 266 ÖV-Firmen und -Verbünde haben ein Mitspracherecht. Zogg hofft, die Transportministerin finde die nötige ­Geduld dazu: «Wir sind zu 90 Prozent auf dem Weg dahin. Jetzt ist es eine Frage der Zeit, bis die Lösung steht.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.06.2017, 23:18 Uhr

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