Schweiz Tourismus will sich Traumtypen angeln

Um gut zahlende Reisende zu locken, setzt der Verband auf eine neue Strategie.

Naturverbunden und sportlich sollen Touristen unterwegs sein. Foto: Keystone

Naturverbunden und sportlich sollen Touristen unterwegs sein. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

So sieht der Idealtyp aus: Zwischen 40 und 60 Jahre alt, gut situiert und spendierfreudig, sportlich, auf der Suche nach Ruhe und Entspannung, naturverbunden, verliebt in die Berge und immer hungrig auf gute, regionale Küche. Der Typ darf übrigens auch gern eine Frau sein, wenn es nach Schweiz Tourismus geht. Der Lobbyverband wünscht sich mehr Gäste mit diesen Merkmalen. 45,5 Millionen Franken kostet eine neue Werbekampagne, die nun in der Schweiz, in den Nachbarländern und in den «ausgesuchten Fernmärkten» USA, Grossbritannien, China und Indien gestartet wird. Dazu gehört neben Prospekten, Pressekonferenzen und anderen Massnahmen auch ein Werbespot: Ein gestresster Manager spielt die Hauptrolle. Tagträumend sehnt er sich nach den Bergwelten der Schweiz, wo er Fische fangen kann, sich den Bart stehen lässt und alles vergisst.

Kunden nach Vorlieben suchen

In Sachen Marketing geht Schweiz Tourismus einen neuen Weg: «Die Kampagne ist sehr stark auf Segmente aufgebaut», erklärt Sprecher Markus Berger. Das heisst aus der Werbesprache übersetzt: Die potenziellen Kunden werden nicht mehr nach ihrem Herkunftsland ausgesucht, sondern nach ihren Vorlieben. Ziel der aktuellen Kampagne ist der oben beschriebene Typ «Nature Lover», der Naturliebhaber, zu dem auch der Werbespruch «Nature Wants You Back» – «Die Natur will dich zurück» – passt. Klares Ziel: die ländlichen Regionen der Schweiz fördern und die Sommersaison bis in den Herbst verlängern – nur so lässt sich die Entwicklung kompensieren, dass die Wintersaision wegen des Klimawandels immer kürzer wird.

Eine Forcierung der Stärken des Schweizer Bergtourismus begrüsst Urs Wagenseil daher. «Der Tourismus in den Bergen hat sich zu lange zu wenig weiterentwickelt», so der Leiter der Tourismusabteilung an der Hochschule Luzern. Das Erlebnis der schönen Natur und der Szenerie der Bergwelt habe lange ausgereicht, um Touristen anzuziehen, sei ein Selbstläufer gewesen. Das hat sich geändert. Der Konkurrenzkampf wurde härter. Auch das Weltwirtschaftsforum (WEF) identifizierte kürzlich den Mangel an Marketing der Natur als Fehler der Schweizer Tourismusbranche. Auch deshalb war das Land im zweijährlichen Ranking der Attraktivität von Tourismusdestinationen vom 6. auf den 10. Platz zurückgefallen.

Auch die Konkurrenzziele ändern sich. Feriengäste wählen heute zwischen Urlaub in den Bergen und einer Fernreise an ein billiges Strandziel. Buchungen von Ferien am Meer verzeichneten in den letzten acht Jahren weltweit einen Anstieg um fast 40 Prozent. «Darauf mussten wir reagieren», so Markus Berger. Das Thema Natur bleibe in den nächsten Jahren zentral bei den Kampagnen, der angesprochene Reisetyp wird jeweils angepasst.

Neben dem dieses Jahr im Fokus stehenden Naturliebhaber gibt es fünf weitere Zielkunden. Da wäre der «Outdoor Enthusiast» – auch er liebt die Natur, ist aber noch aktiver und auch etwas jünger als der Naturverbundene. Der «Lifestyle Traveller» wohnt gern in noblen, durchdesignten Hotels und geht chic essen. Der Typ «Spa und Vitality» ist auf der Suche nach Entspannung und Wellnessoasen, und die Familienurlauber suchen Aktivitäten, die man auch mit Kindern gut und stressfrei unternehmen kann.

Und dann gibt es noch die «Attraction Tourer». Sie sind auf der Jagd nach guten Fotohintergründen und wollen die wichtigsten Attraktionen abhaken. Auch wenn es zunächst nicht so klingt: Bei dieser Gruppe ist die Natur ebenfalls ein gutes Marketingargument, so Tourismusexperte Wagenseil. Viele Asiaten fallen in diese Gruppe Reisender – und die werden in der Schweiz immer wichtiger. «Mega-Objekte wie den Schiefen Turm, die Tower Bridge, den Eiffelturm oder das Kolosseum gibt es in der Schweiz in der Art nur ganz wenige», sagt Wagenseil. «Hier lauten Fotoshootings dann ‹Ich und Schnee›, ‹Wir und die Kuh› oder ‹Ich und das Matterhorn›.»

«Die grösste Chance»

Was alle diese Reisetypen gemein haben: Sie sind für Individualreisende, denen Reisegruppen ein Graus sind. Auf diese ist denn auch ein neues Onlineangebot abgestimmt, das Schweiz Tourismus ebenfalls lanciert hat. Auf einer Onlineplattform kann man Alphütten buchen. Ausserdem bietet Schweiz Tourismus an, online Touren für Tierbeobachtungen zu buchen. 34 Franken pro Erwachsenen zahlt man etwa für einen halben Tag Wildtiergucken auf dem Niederhorn. Und da zeigt sich eine weitere Gemeinsamkeit der Zielgruppen: Sie haben Geld. «Das zahlungskräftige Publikum ist die grösste Chance, welche die Schweiz hat», sagt Schweiz-Tourismus-Sprecher Berger denn auch. «Wir können einfach nicht die Massen anziehen, weil sich nicht alle die Schweiz leisten können.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2017, 23:36 Uhr

Artikel zum Thema

Sieben Länder sind sicherer als die Schweiz

Terroranschläge beeinflussen die gefühlte Sicherheit von Touristen. Die Schweiz hält nach einer WEF-Studie Einzug in die Top Ten. Mehr...

Wo der Schweizer Tourismus versagt

In einem zweijährlichen Ranking zur Wettbewerbsfähigkeit im Tourismus stürzt die Schweiz um vier Plätze ab. Die Gründe. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Paid Post

Psychologie im Business

Ökonomie ist mehr als Aufwand und Ertrag, Effizienz, Güterknappheit und Ressourcen.

Die Welt in Bildern

Der alte Zopf erlebt derzeit eine Renaissance: Besucherinnen des Coachella Valley Music & Art Festivals 2017 im Empire Polo Club in Indio, Kalifornien. Das Festival findet jährlich statt und dauert über zwei Wochenenden. Es zählt weltweit zu den grössten Festivals. (22. April 2017)
(Bild: Rich Fury / Getty) Mehr...