Müll ist seine Obsession

Millionen Tonnen von Plastikabfällen verschmutzen die Weltmeere. Junge Holländer wie Boyan Slat wollen dagegen ankämpfen und gründen Start-ups. Sie sammeln den Unrat und machen daraus neue Produkte.

Beim Tauchen in Griechenland kam Boyan Slat auf die Idee, den Plastikmüll auf den Meeren einzusammeln. Foto: AFP/The Ocean Cleanup

Beim Tauchen in Griechenland kam Boyan Slat auf die Idee, den Plastikmüll auf den Meeren einzusammeln. Foto: AFP/The Ocean Cleanup

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An ihm scheiden sich die Geister der Experten. Ist es das Hirngespinst eines 21-Jährigen oder vielleicht doch ein erfolgversprechendes Projekt zur Lösung eines gravierenden Umweltproblems? Boyan Slat, der mit seinem lockig-langen Haar problemlos als Mitglied einer Teenie-Band durchgehen könnte, will nicht weniger als das grosse Reinemachen auf den Weltmeeren anstossen. Der Niederländer aus Delft will den Plastikmüll einsammeln, der in Form von fünf monströs grossen Teppichen auf den Ozeanen treibt. Der grösste, im Nordpazifik, erstreckt sich über 700'000 Quadratkilometer – so gross wie Texas.

Darin verheddern sich Meeressäuger, Schildkröten und Fische, Seevögel verwechseln die Abfälle mit Futter und verhungern mit Mägen voller Plastik. Winzige Plastikteile gelangen über die Fische in die Nahrungskette. Der Abfall wird zum Bumerang für die Menschen. Die UNO spricht von jährlichen Schäden in der Höhe von 13 Milliarden Dollar.

«Eine Zeitbombe» nennt Boyan Slat den Zustand der Meere, die er entschärfen will. Sein Plan: Unter Ausnutzung der Meeresströmung aufblasbare Barrieren ausbringen, die ein weit geöffnetes V bilden. In der Spitze des Trichters wird der Müll in einen Container gesogen, der wiederum alle paar Wochen per Schiff geleert wird. Die bis zu 50 Kilometer langen Fangarme sollen durch tausend Meter lange Kunststoffseile im Meeresboden verankert werden. Kostenpunkt laut Slat: 350 Millionen Dollar. Auf der Einnahmeseite rechnet er mit etwa 50 Cent pro Kilo rezykliertes Altplastik. In 25 Jahren, so Slat, sei der Plastikabfall auf den Weltmeeren abgeräumt. Der Müll ist zu seiner Obsession geworden, nachdem er vor fünf Jahren in den Ferien auf der griechischen Insel Lesbos beim Tauchen auf mehr Abfall als Fische traf. Der damals 16-Jährige konnte nicht begreifen, dass niemand etwas dagegen unternahm.

Nach monatelangem Tüfteln präsentierte er die Idee mit den aufblasbaren Armen erstmals bei einem Schülerwettbewerb. 2012 stellte Slat, der mittlerweile Raketenbau an der Technischen Universität Delft studierte, seine Lösung an der TEDx Delft vor, einer Konferenz für Technologieunternehmer und Erfinder. Er bekam viel Applaus, und das mediale Interesse an ihm stieg rapide an. Der US-Technologieriese Intel kürte ihn zu den 20 verheissungsvollsten Jungunternehmern der Welt.

In der Fachwelt dagegen tat man sein Projekt als Spinnerei ab. Der Holländer liess jedoch nicht locker und sammelte über Crowdfunding 90 000 Euro für eine Machbarkeitsstudie. Gleichzeitig hängte er sein Studium an den Nagel und gründete die Firma Ocean Cleanup. Im Sommer 2014 holte er weitere 1,8 Millionen Euro über Crowdfunding herein, um die Arbeiten an einem Prototyp in Angriff zu nehmen. 38 000 Personen aus 160 Ländern haben laut Slat Geld gespendet. Zu den prominenten Geldgebern gehörte der US-Milliardär Marc Benioff, ein Pionier des Cloud-Computings und Gründer von Salesforce. Im November 2014 zeichnete das UNO-Umweltprogramm Unep Boyan Slat als jüngsten Global Champion aus.

Mittlerweile beschäftigt Slat 30 Mitarbeiter und über 100 Volontäre. Im Frühjahr 2016 will er einen Prototyp in der Nordsee testen und einige Monate später bei der Insel Tsushima zwischen Japan und Südkorea.

Aus Müll wird Mode

Ozeanologen und Umweltexperten sind nach wie vor skeptisch. Die einen bemängeln, dass er die Verunreinigung durch Mikroplastikpartikel nicht bekämpfen könne, obwohl diese das viel grössere Problem seien. Andere kritisieren, dass die Plastikabfälle durch das Salzwasser so beeinträchtigt seien, dass sich eine Wiederverwertung kaum lohne. Dritte wiederum mäkeln, dass die von Slat angepeilten 140 Tonnen, die er jährlich aus dem Meer fischen will, ein Klacks seien im Verhältnis zu den 8 Millionen Tonnen, die im gleichen Zeitraum neu ins Meer geschwemmt würden. Etwas differenzierter sieht es Nicolas Fournier von der internationalen Meeresschutzorganisation Oceana. Dank der Berichterstattung über Ocean Cleanup sei das Müllproblem endlich ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit und der Politik gerückt worden.

Boyan Slat ist nicht der Einzige, der etwas gegen die Verschmutzung der Weltmeere durch Plastikabfälle tut. Sein Landsmann Marius Smit hat die Firma Plastic Whale in Amsterdam gegründet. Firmen, die etwas Gutes tun wollen, können bei Smit Boote mieten und ihre Belegschaft zum Plastiksammeln in den Grachten von Amsterdam schicken. Das Sammelgut wird in einer Recycling-Anlage zu Körnern verarbeitet, aus denen Smit wiederum Boote herstellen lässt, die er dann zum Abfallfischen einsetzt.

Noch ein dritter Holländer ist scharf auf Plastik. Der Architekt Ramon Knoester hat im Rhein Plastikfallen ausgesetzt, bestehend aus einem Ponton mit einem grossen Fangnetz. Der Müll dürfe erst gar nicht ins Meer gelangen, argumentiert er. Die Abfälle will er recyclen und mit dem Material schwimmende Parks bauen, mit Bäumen, Bänken und Wasserläufen als Rückzugsgebiet für Fische. Die Stadt Rotterdam ist sehr stark interessiert an dem Projekt. Ähnliche Projekte sind in Antwerpen und in der britischen Hauptstadt London geplant.

Abfall als modisches Accessoire: US-Musikstar Pharrell Williams hat zusammen mit der holländischen Modemarke G-Star die Kollektion Raw for the Oceans lanciert. Das Garn für die Jacken, Jeans und T-Shirts besteht aus eingeschmolzenem Meeresplastik.

Adidas hat diesen Sommer einen Turnschuh präsentiert, den der Sport­artikelkonzern zusammen mit der gemeinnützigen US-Organisation Parley for the Oceans im 3-D-Drucker aus Meeresmüll hergestellt hat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.12.2015, 22:40 Uhr

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Woher der Abfall stammt
80 Prozent des im Meer treibenden Plastikmülls stammt vom Festland. Die Abfälle werden über Flüsse ins Meer transportiert oder werden aus offenen oder schlecht kontrollierten Mülldeponien in Küstennähe durch Wind und Regen ins Wasser verfrachtet, wie die Umweltorganisation Greenpeace berechnet hat. 20 Prozent stammen von Schiffen, darunter auch Kreuzfahrtschiffen, sowie von Öl- und Gasplattformen. Als besonders problematisch gelten Fischernetze, die verloren gingen oder absichtlich ins Meer geworfen werden. Sie bestehen aus besonders widerstandsfähigen Kunststoffen und zersetzen sich kaum.

Die Kunststoffmenge, die auf diesen beiden Wegen jährlich in den Ozeanen landet, wird vom Fachmagazin «Science» auf 8 Millionen Tonnen geschätzt. Andere Berechnungen gehen bis zu 13 Millionen Tonnen.

Grösster Verschmutzer ist laut «Science» China, dies aufgrund der grossen Zahl von Menschen, die entlang der Küste wohnen. Auf den nächsten Plätzen finden sich Indonesien, die Philippinen und Vietnam. Doch auch Länder mit einem guten Abfallmanagement und Recycling tragen zur Verschmutzung bei. Beispielsweise durch Partikel, die sich beim Waschen von Kunststofftextilien im Wasser lösen und nur schwer herausgefiltert werden können. Das Gleiche gilt für gewisse plastikhaltige industrielle Abfälle.

Einmal im Meer, sammelt sich der Plastikmüll in riesigen Wirbeln. Der grösste Wirbel ist derzeit im Nordpazifik. (rf)

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