Vom Ghüderchübel in die Boutique

Upcycling heisst der Design-Trend der Stunde. Als Rohstoffe für die neuen Produkte dienen dabei Abfälle – für viele eine sinnvolle Sache. Trotzdem gibt es auch kritische Stimmen.

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Umhängetaschen aus alten Feuerwehrschläuchen, Teppiche aus gebrauchten Fischernetzen oder Vasen aus durchgebrannten Glühbirnen. Upcycling nennt sich das. Und Upcycling ist angesagt – obwohl es seit Hunderten von Jahren betrieben wird. Wie angesagt, belegt eine Zahl eindrücklich: Vor sechs Jahren waren auf Etsy.com, der Online-Verkaufsplattform für Handgemachtes und Secondhand­artikel, weniger als 8000 Produkte mit dem Schlagwort «upcycled» versehen. Heute sind es fast 200?000.

Anders als beim Recycling, bei dem ein ausrangiertes Produkt im besten Fall seinen Wert behält – aus einer Glasflasche wird wieder eine Glasflasche –, aber oft auch zu einem minderwertigen Produkt wird – aus einer Glasflasche wird Glassand –, will Upcycling den Wert des gebrauchten Produkts steigern: Die Glasflasche wird zum Trinkglas oder zur Vase. So wie bei Glasdesign, einem Betrieb des stadtbernischen Kompetenzzentrums Arbeit.

Zu wenig Abfall

30 Glasdesign-Angestellte sammeln alte Flaschen ein und reinigen, schleifen und verzieren sie. So entstehen Trinkgläser, Windlichter, Schalen, Lampen und Vasen. Laut Betriebsleiter Daniel Egger verarbeiten seine Leute im Gewerbepark Felsenau jährlich zwischen 10?000 und 12?000 gebrauchte Flaschen. Diese Menge stellt Egger vor Probleme. «Es nützt uns nichts, wenn uns jemand drei schöne Glasflaschen vorbeibringt. Für unsere Produktion brauchen wir regelmässig Nachschub an einheitlichen Flaschen.» Glasdesign bekommt sie vor allem von Bars, Restaurants und Getränkehändlern. Aber auch auf den Sammelstellen finde sich immer wieder brauchbares Altglas, so Egger. Die Lieferanten zu überzeugen, sei viel Arbeit, und manchmal springe leider auch einer ab, weil ihm der Aufwand zu gross sei.

Ironisch angesichts unserer Wegwerfgesellschaft: Nicht nur für Glasdesign, auch für andere Upcycler wie den Taschenhersteller Freitag ist es eine grosse Herausforderung, den benötigten «Abfall» zu besorgen. Karin Yilmaz-Egger, die den Laden Rafinesse?&?Tristesse in der Berner Altstadt betreibt, kennt das Problem ebenfalls. Als ihr Hocker aus alten Olivendosen bei grossen Händlern auf Interesse stiess, merkte sie: «Wenn wir ins Massengeschäft einsteigen wollen, müssen wir die Dosen extra herstellen lassen.» Sie hat sich dagegen entschieden und bezieht die gebrauchten Metallkisten weiterhin von Grosshändlern, welche die Oliven verfeinern und offen weiterverkaufen. Yilmaz-Egger weiss aber von Upcyclern, die besonders gefragte Produkte nicht mehr aus gebrauchten, sondern aus neuen Materialien herstellen, weil der Nachschub fehlt.

Das Problem wird nur vertagt

Der Upcycling-Trend ist nicht unumstritten. Wer wie die beiden Zero-Waste-Pioniere Michael Braungart und William McDonough eine Welt ohne Müll anstrebt, moniert beispielsweise, dass mit dieser Aufwertung von Abfall die Entsorgung nur vertagt und das Problem damit nicht gelöst wird. Selbst die klassische Freitag-Tasche muss traditionell entsorgt werden, wenn sie ihren Dienst dereinst getan hat. Auch deshalb haben die Zürcher einen neuen Stoff entwickelt, der vollständig kompostierbar ist.

Kritik kommt auch aus den eigenen Reihen. Etwa von Yilmaz-Egger. Einige Upcycling-Produkte seien in der Herstellung derart aufwendig, sagt die Bernerin, dass sie sich frage, ob es unter dem Strich nicht ökologischer wäre, das Produkt neu herzustellen.

Der amerikanische Upcycling-Unternehmer Tom Szaky, Chef und Gründer von Terra Cycle, widerspricht beiden Kritikpunkten in seinem Buch zum Thema: Wenn ein Konsument beispielsweise einen Rucksack aus Capri-Sonne-Verpackungen kaufe, so Szakys Argumentation, müsse nicht extra ein neuer Rücksack hergestellt werden. Damit werde der Abfallberg kleiner, auch wenn der Capri-Sonne-Rucksack dereinst weggeworfen werde. Szaky verweist im Buch zudem ­explizit auf den geringeren Energiebedarf von Upcycling- im Vergleich zu neu hergestellten Produkten. Auch Szaky weiss aber, dass Upcycling allein das Abfallproblem nicht lösen kann. Im Verhältnis zum weltweiten Müll sei Upcycling nur ein winziger ­Nischenmarkt, schreibt er.

Das Kompetenzzentrum Arbeit zeigt dieses Wochenende im Rahmen des Stadtfests im Freibad Weyermannshaus seine ­Upcycling-Produkte. (Der Bund)

Erstellt: 20.08.2016, 08:56 Uhr

Abfall-Mythos Nr. 6 – wahr oder falsch?

Kein anderes Land kann uns etwas vormachen, wenn es ums Recycling geht; niemand hat so hohe Recyclingquoten wie wir. Die Schweiz als Recyclingweltmeisterin. Darauf sind wir stolz, und entsprechend oft wiederholen wir die Aussage. Nur: Wahr ist sie nicht. Zwar gehört die Schweiz zweifellos zu jenen Ländern, die eine vorbildlich hohe Recyclingquote vorweisen können. Und in einigen Disziplinen reicht es der Schweiz wohl tatsächlich zum Weltmeistertitel. Etwa beim Altglas, wo wir mit 96 Prozent eine enorm hohe Rücklaufquote erreichen – Recyclingmusterknabe Deutschland kommt beispielsweise nur auf 89 Prozent.


Nimmt man aber den gesamten Siedlungsabfall als Grundlage, erreicht die Schweiz nur eine Recyclingquote von rund 50 Prozent. Deutschland hängt uns mit seinen 62 Prozent ab. Und Gold geht gemäss einer internationalen Vergleichsstudie der Europäischen Union an Österreich. Unsere östlichen Nachbarn bereiten 63 Prozent der Siedlungsabfälle auf.


Dass die Schweiz den Titel verfehlt, hat mehrere Gründe. Erstens haben viele Staaten in den letzten Jahren punkto Recycling rasante Fortschritte gemacht, während die Schweiz auf ihrem hohen Niveau stagniert hat. Zudem gibt es hierzulande Abfallkategorien, die noch kaum gesammelt und recycelt werden. Zahlreiche Kunststoffe etwa. Die Stadt Bern hat 2012 ein viel beachtetes Projekt zum systematischen Plastikrecycling abgebrochen. Es war zu teuer und die Trenndisziplin zu gering. Einzelnen Gemeinden und Unternehmen – etwa der Schwendimann AG in Münchenbuchsee oder der Kunststoffsammelsack Schweiz GmbH in Baar, aber auch Migros und Coop – ist es zu verdanken, dass die Schweiz beim Kunststoff dennoch eine Recyclingquote von 17 Prozent erreicht. Unsere Nachbarn erreichen aber Quoten, die locker doppelt so hoch sind. In Frankreich liegt sie gar bei 55 Prozent.


Noch krasser ist der Rückstand bei den Getränkekartons. In der Schweiz werden die Behälter von Tetrapak und Co. kaum gesammelt, obwohl sie sich problemlos recyceln liessen. Aldi will das nun ändern («Bund» von gestern). Getränkekarton-Recycling ist dermassen marginal, dass es keine offiziellen Zahlen zur Rücklaufquote, sondern nur Schätzungen gibt. Österreich dagegen bereitet 37 Prozent der Getränkekartons wieder auf. Und Deutschland erreicht sogar 71 Prozent.


Übrigens ist die Schweiz nicht nur Spitze beim Recycling von Müll, sie gehört auch zu den weltweit grössten Erzeugern. Jede Schweizerin, jeder Schweizer produziert jährlich 700 Kilogramm Siedlungsmüll. Aufs Leben hochgerechnet ergibt das einen 60 Tonnen schweren Abfallberg. Siedlungsmüll macht rund ein Viertel des gesamten Schweizer Abfalls aus – der Rest ist hauptsächlich Bauabfall.
(stü)

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