Diesen Arbeitsmarkt muss man sich leisten können

In der Schweiz arbeiten immer mehr Leute in staatsnahen Bereichen. Diese sind Konjunkturschwankungen kaum ausgesetzt. Aber ist das nachhaltig?

Keine Branche hat in den letzten Jahren so viele Stellen geschaffen wie das Gesundheits- und Sozialwesen.

Keine Branche hat in den letzten Jahren so viele Stellen geschaffen wie das Gesundheits- und Sozialwesen. Bild: Urs Jaudas

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Jobs, bei denen tatsächlich Waren hergestellt werden, werden in der Schweiz immer seltener. 1992 arbeitete hierzulande noch jeder Fünfte in der Industrie. Heute ist es noch jeder Siebte, wie am Dienstag publizierte Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zeigen.

Das bedeutet nicht, dass uns die Arbeit ausgeht. Während die Industriejobs schwinden, entstehen andernorts neue Stellen. Mit Abstand die meisten im Gesundheits- und Sozialwesen. Hier wurden in den letzten acht Jahren fast 150'000 Stellen geschaffen. Heute arbeitet jeder siebte Arbeitnehmer in der Schweiz in diesen Bereichen – gleich viele wie in der Industrie.

Dieser Wandel zeigt sich auf dem Arbeitsmarkt seit mehreren Jahren: Die Stellen wandern weg von der Industrie, dem zweiten Sektor, hin zu staatsnahen Dienstleistungsjobs im Gesundheits-, Sozial- oder Schulwesen. Und das hat einen grossen Vorteil: Die neuen Dienstleistungsjobs sind kaum den Launen der Konjunktur ausgesetzt. Sie sind sicherer als die vorherigen Industriestellen. Das macht den Schweizer Arbeitsmarkt widerstandsfähiger gegenüber Schocks, dem Frankenschock beispielsweise.

Der Frankenschock hat zwar Spuren hinterlassen. Tausende Jobs wurden mit Verweis darauf gestrichen. Entgegen den Margen, die schlagartig einbrachen, erfolgte der Jobbau jedoch langsam und stetig. Die Schweiz habe einen «Hochleistungsarbeitsmarkt», sagte Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit beim Seco. Hoch qualifizierte Arbeitskräfte entlasse man nicht ohne Not.

Jahr zwei nach dem Frankenschock

Bei manchen ging es aber irgendwann nicht mehr anders. Deshalb stieg die Arbeitslosigkeit im vergangenen Jahr, dem Jahr zwei nach dem Frankenschock, weiter: Die Arbeitslosenquote betrug im vergangenen Jahr im Durchschnitt 3,3 Prozent. Das sind 0,1 Prozent mehr als im Jahr zuvor und deutlich mehr als noch vor einigen Jahren. 2008 lag die Arbeitslosigkeit im Jahresdurchschnitt noch bei 2,6 Prozent. Dann folgten in rascher Kadenz die Finanz- und Wirtschaftskrise, der erste Frankenschock und der zweite Frankenschock.

Alle drei Ereignisse liessen Jobs verschwinden und Leute arbeitslos werden. Die zeitliche Distanz zwischen den drei Ereignissen war so gering, dass sich die Arbeitslosenquote dazwischen nicht erholen konnte. Deshalb sind wir unterdessen beim Jahresdurchschnitt von 3,3 Prozent angelangt, dem höchsten Wert der letzten sechs Jahre. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr Taggelder im Umfang von rund 5,5 Milliarden Franken aus der Arbeitslosenversicherung ausbezahlt. Im Vorjahr waren es rund 5,1 Milliarden gewesen.

Trotz des Anstiegs: Der Schweizer Arbeitsmarkt habe sich nach dem Frankenschock gut gehalten, sagte Zürcher. Er wolle den Anstieg der Arbeitslosigkeit nicht beschönigen. Aber die Widerstandsfähigkeit des hiesigen Arbeitsmarkts sei auffällig. Er nannte dafür vier Gründe. Dazu zählten die Zuwanderung, die als Puffer wirke, aber auch – und das sei wichtig – die Tertiarisierung, die Verschiebung von Stellen in den wenig konjunkturabhängigen dritten Sektor also. Die staatsnahen Dienstleistungen wirkten sich stabilisierend aus, sagte Zürcher.

Können wir uns das leisten?

Doch ist diese Entwicklung auch nachhaltig? Schliesslich werden viele dieser Jobs über öffentliche Abgaben finanziert. Wenn immer mehr Leute von solch öffentlich finanzierten Stellen leben, woher kommt dann das Geld, um sie zu bezahlen? Zürcher sagte hierzu, die Zunahme bei den staatsnahen Stellen sei so lange nicht problematisch, wie es in der Schweiz noch eine produktive Industrie gebe. Und Produktivität spiegle sich nicht zwingend in der Zahl der Beschäftigten.

Die Schweizer Industrie sei produktiv. Der zweite Sektor habe seine Produktivität zwischen 2001 und 2014 doppelt so stark gesteigert wie der Dienstleistungssektor. Die Schweizer Wirtschaft wachse. Daher könne sich die Schweiz den Ausbau in den staatsnahen Sektoren leisten. (Der Bund)

Erstellt: 11.01.2017, 07:05 Uhr

Mehr Arbeitslose im Dezember

Schweizweit wie auch im Kanton Bern waren im Dezember mehr Leute arbeitslos als im November. Gesamtschweizerisch stieg die Arbeitslosenquote von 3,3 auf 3,5 Prozent, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) am Dienstag mitteilte. Im Kanton Bern stieg die Quote von 2,8 auf 3 Prozent. In beiden Fällen sei der Anstieg ausschliesslich durch saisonale Effekte bedingt, hiess es. So wurden vor allem im Baugewerbe mehr Leute arbeitslos. Im Berner Oberland sank demgegenüber die Arbeitslosigkeit, weil wegen des Starts der Wintersaison wieder mehr Arbeitskräfte gebraucht werden. Bereinigt um diese saisonalen Effekte wäre die Arbeitslosenquote im Dezember schweizweit und auch im Kanton Bern stabil geblieben.

Über das Gesamtjahr gesehen näherte sich die bernische Arbeitslosenquote der schweizerischen an. Zwar ist die Arbeitslosenquote in Bern weiterhin tiefer als die gesamtschweizerische. Der Abstand schrumpfte jedoch leicht. Während die durchschnittliche Arbeitslosenquote schweizweit von 3,2 auf 3,3 Prozent stieg, erhöhte sich die bernische Durchschnitts-Arbeitslosenquote von 2,5 auf 2,7 Prozent. (dy)

Aussage zu Stellenmeldepflicht an einem heiklen Zeitpunkt

Am 7. November hielt Boris Zürcher in Kloten eine Rede. Der Leiter der Direktion für Arbeit beim Seco referierte über das 20-jährige Arbeitslosenversicherungsgesetz. Zürcher hob hervor, dass sich dieses bewähre – wies jedoch darauf hin, es drohe zum Opfer seines eigenen Erfolgs zu werden.

Weil die Arbeitslosenversicherung vieles gut mache, erwäge man, ihr «noch diese oder jene Aufgabe» zu übertragen. Damit drohe eine Verzettelung und Überforderung. Er ergänzte, dass ein solches Anliegen, das nun konkretisiert werde, auch die Rolle sei, die man den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) bei der Umsetzung des Inländervorrangs zuweise.

Zum Zeitpunkt von Zürchers Rede standen noch weiter gehende Vorschläge als der nun beschlossene zur Diskussion. Brisant dabei: Gleichzeitig lief noch die parlamentarische Beratung zur Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative. Wollte Zürcher diese beeinflussen? «Auf keinen Fall», sagte er am Dienstag zum «Bund». Seine Aussage sei nicht auf die parlamentarische Diskussion gemünzt gewesen. Es sei ihm bewusst, dass es ihm nicht zukomme, während einer Debatte Position zu beziehen. (dy)

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