Interview

«Wir müssen Abschied nehmen vom starken Wachstum»

Serge Gaillard, Leiter der Direktion für Arbeit im Seco, ist zuversichtlich. Die Schweiz habe das Potenzial, eine der Boomregionen Europas zu werden. Eine Abkühlung sei aber willkommen.

«Langfristig optimistisch für die Schweiz»: Seco-Direktor Serge Gaillard.

«Langfristig optimistisch für die Schweiz»: Seco-Direktor Serge Gaillard. Bild: Keystone

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Europa ist in der Krise. Weshalb spürt die Schweiz so wenig davon?
Wir haben in den Jahren vor der Finanzkrise wie kaum ein anderes Land vom Wachstum der Weltwirtschaft profitiert. Schweizer Unternehmen konnten die Produktion ausdehnen und dank der Personenfreizügigkeit genügend Fachkräfte rekrutieren. Wachsende Bevölkerung und steigende Einkommen haben kräftiges Inlandwachstum ausgelöst.

Bleibt das so?
Der Konsum dürfte noch einige Zeit weiterwachsen, ebenso die Bauwirtschaft. Aber der starke Franken drückt auf die Industrie, die Banken, den Detailhandel und den Tourismus. Deshalb rechnen wir für die kommenden 12 Monate nur mit schwachem Wachstum und mit leicht steigender Arbeitslosigkeit.

Könnte die Wirtschaft schrumpfen?
Das erwarten wir nicht. Wir gehen davon aus, dass es der Eurozone weiterhin gelingen wird, die Probleme in letzter Minute zu lösen und eine Banken- oder gar Währungskrise zu verhindern.

Ist das nicht Wunschdenken?
Europa hat ein Koordinationsproblem: Die südlichen Staaten können seit der Einführung des Euro nicht mehr autonom über ihre Geld- und Finanzpolitik entscheiden. Sie können ihre Krise nicht ohne Unterstützung von aussen bekämpfen. Gleichzeitig gibt es keine Einigkeit darüber, wie eine Konjunktur- und Stabilisierungspolitik für die ganze Eurozone aussehen soll. Wenn dieser Dissens aber einmal behoben ist, hat Europa das Potenzial, wieder zu wachsen.

Doch bis dahin bleibt es schwierig?
Ja. Die Schweiz muss davon ausgehen, dass die Nervosität an den Märkten vorerst anhält und die Untergrenze zum Eurokurs verteidigt werden muss. Wir müssen wohl Abschied nehmen von den starken Wachstumsraten der letzten sieben bis zehn Jahre.

Muss die Frankenuntergrenze von 1.20 Euro gehalten werden?
Ohne die fixe Untergrenze könnte unsere Wirtschaft gar nicht planen.

Wie lange ist das machbar? Jahre?
Bei Bedarf: Jahre. Aber wir hoffen natürlich, dass sich der Franken wieder abschwächt, der Kurs sich normalisiert.

Die Nationalbank sitzt auf Devisenbergen. Ist das nicht gefährlich?
Die Devisen decken die vielen Franken, die die Nationalbank herausgegeben hat. Sie entsprechen der Nachfrage von Personen auf der Welt, die Franken halten wollen. Da der Franken überbewertet ist, dürfte das Interesse an Frankenanlagen irgendwann wieder schwinden. Die Nationalbank wird die Devisenreserven dann wieder verkaufen können.

Wie widerstandsfähig ist die Schweizer Industrie?
Der Kostendruck ist enorm. Der Absatz hat sich nach der Finanzkrise erholt, aber die Margen sind seither deutlich gefallen. Bei einem Einbruch hätte unsere Industrie weniger Reserven als die deutsche. Es ist beeindruckend, wie sehr die Industrie darum kämpft, die Arbeitsplätze in der Schweiz zu halten.

Wird das gelingen?
Langfristig bin ich optimistisch für die Schweiz. Wir haben eine innovative Wirtschaft, die es versteht, schnell neue Märkte zu erschliessen. Wir haben handlungsfähige Institutionen, einen gesunden Staatshaushalt, eine autonome Geldpolitik. Und wir haben den Willen der Unternehmen, in der Schweiz zu bleiben. Das sind gute Voraussetzungen.

Sie rechnen aber mit leicht steigender Arbeitslosigkeit. Wie sehr wird die Jugend betroffen sein?
Die Jugendarbeitslosigkeit ist sehr tief. Das hat mit unserem Berufsbildungssystem zu tun: Lehrabgänger finden gute Stellen. Zudem ist die Zahl der verfügbaren Lehrstellen hoch: Etwas mehr als 80'000 dürften es dieses Jahr sein.

Lässt sich diese Zahl halten?
Es ist eine Daueraufgabe, Branchen und Firmen dazu zu bringen, Lehrstellen anzubieten. In der Informatik dauerte es fast 10 Jahre. Im Moment steht der Ausbau in den Spitälern im Vordergrund.

Ausländischen Chefs bedeutet das Lehrlingssystem oft nicht viel
Deutsche Manager kennen die Berufslehre. Aber natürlich muss man bei ausländischen Firmen den Kontakt oft suchen. Die Arbeit der letzten Jahre hat zur guten heutigen Situation geführt.

Aber auch in der Schweiz sind ein paar Tausend Jugendliche ohne Job.
Im Sommer steigt die Jugendarbeitslosigkeit immer an, weil viele die Ausbildung abschliessen und nicht sofort eine Stelle finden. Die meisten gehen dann aber aufs Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) und finden rasch etwas. Jeder fünfte Jugendliche verlässt das RAV bereits nach einem Monat wieder.

Hilft das System mit Matura und Lehre in Krisenzeiten?
Der Schweizer Mix aus einem Drittel Universität und zwei Dritteln Berufslehre entspricht dem Bedarf der Wirtschaft besser als das System in gewissen ausländischen Staaten, wo zwei Drittel an die Universität geschickt werden.

In Spanien sind aber nicht alle jungen Arbeitslosen Uni-Abgänger.
Das Berufsbildungssystem ist ein Grund für den Erfolg in der Schweiz. Ebenso wichtig ist: Wir haben es geschafft, die Arbeitslosigkeit nach Rezessionen stets rasch abzubauen. Wenn die Arbeitslosigkeit zu lange dauert, wird es schwierig, sie wegzukriegen. Personen ohne Arbeit verlieren ihr Selbstvertrauen, ihre Qualifikation. Manche gewöhnen sich daran, von Sozialversicherungen zu leben.

Und wir haben das mit Innovation und Lehrstellen vermieden?
Und mit Sozialpartnerschaft und der öffentlichen Arbeitsvermittlung. Wichtig ist auch unsere Handlungsfähigkeit in der Geld- und Finanzpolitik.

Heisst das: ja nie der EU beitreten?
Das habe ich nicht gesagt. Wer aber dem Euro beitritt, verliert Autonomie in der Geld-, teilweise auch der Finanzpolitik.

Ein EU-Beitritt ohne Beitritt zur Eurozone wäre denkbar?
Man kann kritisch sein gegenüber der Einheitswährung und trotzdem die Errungenschaften der EU anerkennen.

Manche Schweizer wünschen sich, das Land würde weniger boomen. Die Zuwanderung nimmt zu, die Mieten steigen?.?.?.
Es muss uns gelingen, auch in einer dichter besiedelten Schweiz die Lebensqualität zu erhalten. Wir haben in Europa Regionen, die wachsen, und Regionen, die zurückbleiben. Ich gehöre sicher lieber einer Region an, die wächst. Die Schweiz hat die Chance, eine der wirklich stark wachsenden Regionen Europas zu werden. Das Bevölkerungswachstum der letzten Jahre würde aber auch ich als ausserordentlich stark und nicht nachhaltig bezeichnen.

Weshalb nicht nachhaltig?
Im Wohnungsmarkt gibt es Anzeichen einer Überhitzung. Das starke Bevölkerungswachstum überfordert wohl auch den Infrastrukturausbau. Ich gehe aber davon aus, dass sich das Wirtschaftswachstum und damit die Einwanderung abschwächen werden.

Früher haben wir die Gastarbeiter einfach heimgeschickt. Mit heutigen Fachkräften ginge das nicht mehr.
Das wäre auch keine gute Lösung. Es genügt, wenn weniger Personen einwandern, weil weniger neue Stellen geschaffen werden. Auch früher wurden – mit Ausnahme der 70er-Jahre – Gastarbeiter nicht einfach heimgeschickt. Damals gab es noch keine Arbeitslosenversicherung. Viele Italiener und Spanier wurden arbeitslos, 250?000 Leute wanderten aus. Das hat aber den Einbruch vertieft: Der Konsum dieser Menschen fehlte.

In einer Stadt wie Zürich haben viele das Gefühl, auf dem Job- und Wohnungsmarkt mit internationalen Topleuten mithalten zu müssen.
In Zürich sind die Hochlohnbranchen Banken und Versicherungen stark, was an guten Lagen zu hohen Mieten geführt hat. Glücklicherweise werden in der Agglomeration viele Wohnungen gebaut.

Was würde eine platzende Immobilienblase für die Schweiz bedeuten?
Immobilienkrisen bewirken stets länger dauernde Rezessionen. Mit der Abschwächung der Wirtschaft sollte sich der Immobilienmarkt aber beruhigen. Zudem hat der Bund neue Instrumente, um die Vergabe von Hypothekarkrediten bei Bedarf zu bremsen.

Lässt sich Einwanderung bremsen?
Bei der Zuwanderung aus Europa sind die Spielräume gering, wenn man das Personenfreizügigkeitsabkommen nicht infrage stellen will. Anders sieht es bei der Einwanderung aus Drittstaaten aus. Die ist unabhängig von der Konjunktur relativ stark, rund 25'000 Personen im Jahr. Der Bundesrat prüft, ob die Bedingungen für den Familiennachzug restriktiver gestaltet werden können.

Reden wir hier nur von Asylsuchenden oder auch von Fachkräften aus Indien, China, Russland, den USA?
Kontingente für Drittstaaten werden sehr restriktiv vergeben. Es dürfen nur hoch qualifizierte Spezialisten kommen. Nur gerade 3500 Personen erhalten jährlich die Aufenthaltsbewilligung. Das fällt kaum ins Gewicht. Die Wirtschaft sähe es gern, wenn wir hier liberaler wären.

Sie sprechen sich oft für die effi­ziente Nutzung von Steuergeldern aus. Auf 1.?Oktober wechseln Sie zur Finanzverwaltung. Wo besteht da Handlungsbedarf? Bei der umstrittenen Vergabepraxis von Aufträgen durch die Bundesverwaltung?
Die Bürger geben einen erheblichen Teil ihres Einkommens in Form von Steuern ab. Sie haben Anspruch darauf, dass dieses Geld effizient eingesetzt wird. Transparente Verfahrensregeln bei der Vergabe gehören natürlich zum Einmaleins der öffentlichen Verwaltung.

Das Finanzdepartement will den Finanzplatz stabilisieren. Wie?
Keine Branche ist erfolgreich ohne stabile Rahmenbedingungen. Deshalb ist es bedeutsam, dass die Steuerprobleme mit dem Ausland rasch gelöst werden.

Geht Banking ohne Bankgeheimnis?
Wir haben Fachleute, Stabilität und eine Tradition der Kundenorientiertheit in der Vermögensverwaltung. Mit diesen Qualitäten wird unser Finanzplatz eine wichtige Stütze bleiben.

Sollten wir nicht weniger abhängig vom Bankensektor werden?
Strengere Eigenmittelvorschriften schützen den Bürger. Der Finanzplatz ist einer unserer wichtigen Arbeitgeber. Wir würden uns selber schaden, wenn wir nicht alles daran setzen würden, damit er zu Stabilität zurückfindet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.08.2012, 06:43 Uhr

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Serge Gaillard

Der Ökonom Serge Gaillard (geboren 1955) leitet seit 2007 die Direktion für Arbeit im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Am 1. Oktober 2012 wird er Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung. Gaillard ist SP-Mitglied und war Sekretär des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. (TA)

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