Wirtschaft

Simon Schmid
Reporter Wirtschaft


Windstrom zum Nulltarif

Aktualisiert am 28.03.2012 122 Kommentare

Viel Sonnenschein und kräftiger Wind: Dies drückt den Strompreis an der Börse in den Keller. Bereits zeigt sich, wie die anstehende Energiewende den Strommarkt auf den Kopf stellt.

1/7 Gratisenergie zu Spitzenzeiten: Nordsee-Windpark vor der dänischen Küste. Erneuerbare Energien verändern den Stromhandel, ...
Bild: Keystone

   

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«Aus dem Mittagshoch ist ein Mittagstief geworden»: Dies berichtet Jens Hollstein, Analyst beim Energiehandelsunternehmen EGL. Durch Milliardeninvestitionen in europäische Wind- und Solarparks ist in den letzten Jahren eine enorme Kapazität entstanden. Die Kraftwerke produzieren tagsüber günstigen Wind- und Solarstrom – und wirbeln so die Handelsmuster an der Börse durcheinander.

An einem Tag wie gestern – die Sonne schien – lag der Strompreis am Mittag bei 4,1 Rappen pro Kilowattstunde. Zwischen acht und neun Uhr früh, als noch kaum Sonneneinstrahlung da war, kostete eine Kilowattstunde Strom im Grosshandel etwa 6,6 Rappen. Es ist eine Umkehr der alten Regel, wonach Elektrizität über Mittag jeweils am kostbarsten ist: Strahlt über den Solarparks die Sonne, so gibt es den Solarstrom praktisch zum Nulltarif.

Subventionierte Stromschwemme

«Es kommt immer mal wieder vor, dass in einzelnen Stunden Strom auch gratis zu haben ist», sagt Hollstein – beispielsweise an windigen Wochenenden, während denen die Industrie kaum Strom verbraucht. Die EGL, eine Tochter des Stromproduzenten Axpo, hat die Aufgabe, Strom im Grosshandel möglichst günstig einzukaufen und möglichst teuer zu verkaufen. Der Schweizer Strommarkt ist mit dem Ausland stark vernetzt: Welche Preise hierzulande gelten, hängt wesentlich von den Bedingungen in Deutschland, Frankreich oder Italien ab. Auch die Konjunktur spielt beim Strompreis mit: In der Wirtschaftskrise wird weniger produziert, Elektrizität ist dann günstiger zu haben.

Solar- und Windenergie ist zunehmend günstig verfügbar. In den Medien wurde deshalb von einer «Stromschwemme» gesprochen. In der gesamten EU werden rund 3,5 Millionen Gigawattstunden Strom verbraucht. Allein in Deutschland wurden seit 2007 Kraftwerke gebaut, die eine zusätzliche Leistung von 70 Gigawatt einspeisen können, rund 30 Prozent davon in Form von Windenergie. Bis 2020 soll in Europa der Anteil erneuerbarer Energien von rund 10 auf 20 Prozent ansteigen.

Fakt ist, dass diese erneuerbare Energien den Strompreis drücken – und zwar nicht nur zu Spitzenzeiten, sondern auch im Durchschnitt, wie Jens Hollstein sagt. Die Entwicklung hat auch eine politische Dimension: Deutschland subventionierte Investitionen in erneuerbare Energien zuletzt stark. Mit der Folge, dass der Grosshandelspreis im Extremfall gegen null tendierte. Vorausgesetzt, die Sonne scheint und es windet.

Wenn der Zug abfährt

Vom Wandel auf dem Strommarkt sind auch die Schweizer Kraftwerke betroffen. Als «Batterie» Europas pumpen die Speicherkraftwerke nun das Wasser nicht mehr nur in der Nacht nach oben. Sondern vor allem dann, wenn günstige Strompreise an der Börse es erlauben. Durch die Turbinen gelassen wird das Wasser dann, wenn in Europa viel Strom nachgefragt wird. In solchen Fällen kann es an der Börse auch zu Ausreisserpreisen kommen – so zum Beispiel während der Kältewelle im Februar. Sämtliche Kraftwerke liefen damals unter Volllast. Die Kilowattstunde Strom war in Frankreich zwischenzeitlich über zwei Franken teuer, wie EGL-Händler Hollstein berichtet.

Es ist eine Art Rückgang zur Natur, den der Strommarkt gegenwärtig durchmacht. Erneuerbare Energien erzwingen zunehmend, die Bandenergie – also jenen Strom, der rund um die Uhr produziert wird – herunterzufahren. In Deutschland werden deshalb sogar Braunkohlekraftwerke an sonnigen oder windigen Tagen auf Teillast heruntergefahren. Bestehen bleiben die Anforderungen ans Netz, wie EGL-Sprecher Richard Rogers erklärt: Saugt ein beschleunigender Zug Strom aus dem Netz, so muss ein Kraftwerk genau um diese Menge Strom hochgefahren werden, um die Netzstabilität sicherzustellen.

Wolken vor der Sonne

Ein Glücksfall für die Solarkraftwerke ist, dass sich die Sonneneinstrahlung über die Tageszeit mit dem Stromverbrauch überschneidet. Abends oder bei schlechtem Wetter können Solarkraftwerke aber nicht produzieren. Gaskombikraftwerke, die schnell hoch- und heruntergefahren werden können, würden deshalb eine gute Ergänzung zur Wind- und Solarenergie darstellen, sagt Rogers. In der Schweiz sind derzeit noch keine Gaskraftwerke in Betrieb. Die Schweizer Stromproduzenten besitzen allerdings Gas- und Kohlekraftwerke im Ausland.

Dass diese Kraftwerke nun nicht mehr rentieren, darüber wird in der Strombranche zunehmend geklagt. Hohe Abgaben auf CO2 würden die Stromproduktion verteuern und den Atomausstieg erschweren, heisst es. Auch Exponenten aus der Industrie melden sich zu Wort: Weil unter den gegebenen Regeln nur 50 Prozent des CO2-Ausstosses im Ausland kompensiert werden können, lohne sich der Betrieb eines Gaskombikraftwerks für ihr Unternehmen nicht, sagte Ems-Chefin Magdalena Martullo kürzlich in einem Interview.

Es bleibt eine offene Frage, wie die Schweiz die langfristige Energieversorgung nach dem Atomausstieg sicherstellen will. Der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen zeigt sich noch bedeckt. Man werde in Kürze einen Bericht ausarbeiten, so Sprecherin Dorothea Tiefenauer. Grundsätzlich wolle man aber dort investieren, wo pro ausgegebenem Franken am meisten Strom produziert werden könne. Aktuell ist dies in der Schweiz bei Biomassekraftwerken der Fall, so Tiefenauer. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.03.2012, 16:36 Uhr

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122 Kommentare

Regula Baumgartner

28.03.2012, 16:56 Uhr
Melden 228 Empfehlung 3

Die Windfarmen und Photovoltaik-Anlagen wurden übrigens nicht vom Staat finanziert, sondern von privaten Investoren. Die Einspeisevergütungen werden ebenfalls nicht vom Staat bezahlt, sondern vom Stromkonsumenten, welcher Strom auch effizienter verbrauchen kann, wenn er weniger bezahlen möchte. Die Installateure entlasten die Arbeitslosenkasse und erhöhen tatsächlich die Staatseinnahmen. Antworten


Regula Baumgartner

28.03.2012, 16:50 Uhr
Melden 129 Empfehlung 3

Na dann müssen sie halt den Nachtstromtarif durch einen flexiblen Stromtarif ersetzen.
Negative Strompreise wurden übrigens früher auch schon durch Französische AKWs generiert.
Solange Martullo etc. ihre alten Ölheizungen durch effiziente Wärmepumpen ersetzt, können sie problemlos sogar über 100% des CO2-Ausstosses eines Gaskombikraftwerkes kompensieren.
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