Wie stark ist die US-Wirtschaft wirklich?
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 28.12.2011 40 Kommentare
Artikel zum Thema
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Seit der Finanzkrise gelten die USA als kranke Supermacht: Überschuldet, dekadent und politisch kastriert. Deshalb sind die jüngsten Meldungen aus der US-Wirtschaft überraschend. Sie zeigen, dass die Kauflust der amerikanischen Konsumenten wieder zunimmt und auf den höchsten Stand seit dem vergangenen April geklettert ist.
Für Optimisten ist dies ein Zeichen dafür, dass die Wirtschaft sich langsam erholt, denn in den USA beträgt der Anteil des Konsums am BIP rund 70 Prozent. Kommt dazu, dass auch der Dollar in den letzten Wochen wieder zugelegt hat. Werden die Vereinigten Staaten wieder zur Konjunkturlokomotive der Weltwirtschaft?
Im Sommer kam der Stillstand
Vorsicht: Vor Jahresfrist sah die Situation sehr ähnlich aus. Im Dezember 2010 wurden in den USA rund 100'000 neue Jobs geschaffen. Auch damals sprachen die Konjunktur-Gurus davon, dass die Talsohle durchschritten sei und prophezeiten ein Wachstum von vier Prozent des BIP. Die Realität entwickelte sich ganz anders: Im Sommer kam das Wachstum praktisch zum Stillstand und die US-Wirtschaft schrammte nur knapp an einer zweiten Rezession vorbei.
Auch dieses Jahr könnte ähnlich verlaufen. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens sinken die Häuserpreise nach wie vor und Immobilien sind das grösste Sparschwein des amerikanischen Mittelstandes. Zweitens hat die Wirtschaftskrise nicht nur ein gigantisches Immobilienvermögen vernichtet, sie hat zu einer Wohlstandseinbusse in grossem Stil geführt. 100 Millionen Amerikaner – das ist jeder dritte Einwohner – leben heute an der Armutsgrenze. Das Durchschnittseinkommen der Erwerbstätigen ist von 61'600 auf 55'300 Dollar gesunken.
Vom Boom der Nullerjahre haben nur die Superreichen profitiert. So hat die OECD, der volkswirtschaftliche Thinktank der Industrienationen, kürzlich festgestellt: «Die reichsten Amerikaner haben den Grossteil der Einkommenszuwächse der letzten drei Jahrzehnte erhalten.» Das Rückgrat der US-Wirtschaft, der Mittelstand, befindet sich auf dem Abstieg. Auch die Erwerbstätigen, die einen College-Abschluss besitzen.
Keine Job-Maschine mehr
Die schwindende Kaufkraft des Mittelstandes führt dazu, dass die Erholungsphasen nach einem Einbruch immer länger werden. Gemäss Angaben der Beratungsfirma McKinsey brauchte die US-Wirtschaft sechs Monate, um sich von der Rezession 1982 zu erholen. Nach dem Rückfall 1991 dauerte es bereits 15 Monate, bis der Vorkrisenstand wieder erreicht wurde. 2001 dauerte es 39 Monate. McKinsey geht davon aus, dass es nun 60 Monate dauern wird, bis die US-Wirtschaft die Folgen der Grossen Rezession 2008 überwunden haben wird.
Selbst diese Prognose gilt inzwischen als optimistisch, denn die US-Wirtschaft ist keine Job-Maschine mehr. Mitte der 1980er-Jahre bis Mitte der Nullerjahre wurden jedes Jahr zwischen 450'000 und 550'000 neue Unternehmen geschaffen, die mindestens einen zusätzlichen Mitarbeiter beschäftigten. 2009 ist diese Zahl auf 400'000 gesunken und die jüngsten Zahlen zeigen, dass sich dieser Trend zu verfestigen scheint. Präsident Barack Obama hat zwar im vergangenen Spätherbst ein überzeugendes Arbeitsbeschaffungsprogramm vorgelegt, doch dieses Programm ist vom republikanisch dominierten Abgeordnetenhaus erfolgreich blockiert worden.
Fallende Häuserpreise, schwindende Kaufkraft des Mittelstandes und politische Blockade machen eine rasche Genesung der US-Wirtschaft eher unwahrscheinlich. Deshalb erklärte der ehemalige Budgetdirektor der Regierung Obama, Peter Orszag, kürzlich in der «Financial Times»: «Um die Wahrheit zu sagen: Wir wissen nicht, wie wir den US-Arbeitsmarkt wieder in Fahrt bringen können – wir befinden uns in unbekannten Gewässern.»
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 28.12.2011, 12:17 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
40 Kommentare
Die Erholungsphasen werden länger. Das ist darum, weil von unten nach oben umverteilt wird und immer mehr Kapital aus der Realwirtschaft verschwindet und nur noch im über 70 mal so grossen Spekulationssumpf umherwabert. Dort bringt Geld nichts, es ist nicht real, sondern nur eine Zahl in einem Computer, die immer grösser wird. So mit Geld zu spiele ist verantwortungslos und macht uns kapputt! Antworten
Wirtschaft
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!
Remund führend in Werbetechnik
Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Bitte warten
