Wirtschaft

Was die Schweiz für die EU tun soll

Von Mirko Plüss. Aktualisiert am 23.05.2012 72 Kommentare

Der deutsche Ökonom Daniel Gros fordert von den reichen EU-Ländern und der Schweiz, ihre Ausgaben zu erhöhen. Nur so könne auch in Griechenland ein Wachstum erzielt werden.

«Es braucht dort mehr Wachstum, wo man sich mit der Situation begnügt»: Die Europa- und die Schweizer Fahne flattern zusammen am Bundeshaus.

«Es braucht dort mehr Wachstum, wo man sich mit der Situation begnügt»: Die Europa- und die Schweizer Fahne flattern zusammen am Bundeshaus.
Bild: Keystone

Fordert ein Umdenken in der Wachstumsdiskussion: Der deutsche Ökonom Daniel Gros, Direktor des Centre for European Policy Studies (CEPS) in Brüssel. (Bild: PD)

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Die EU-Staats- und Regierungschefs rufen derzeit fast einhellig nach mehr Wachstum – und richten sich damit an die gebeutelten Länder Südeuropas. Nun verlangt der Ökonom Daniel Gros, nicht die Südländer, sondern die reichen EU-Länder Nordeuropas müssten mehr ausgeben. Dies sagte Gros, der am Brüsseler Center for European Policy Studies forscht, in einem Interview mit Radio DRS. Explizit spricht er dabei auch die Schweiz an. Entscheidend sei, dass es dort mehr Wachstum gebe, wo sich die Länder eigentlich mit der momentanen wirtschaftlichen Situation begnügten.

Laut Gros müsste nicht in Südeuropa für mehr Investitionen gesorgt werden, sondern in den Ländern des Nordens und der Schweiz, wo die Wirtschaft bereits floriere. Weite Teile Südeuropas hätten heute bereits eine sehr gute Infrastruktur, trotzdem klappe es mit dem Wirtschaftswachstum in diesen Ländern nicht. Für Länder wie Griechenland und Spanien gebe es deshalb keine Alternative zum Sparen. Dafür solle in Wachstum und Infrastruktur in Nordeuropa investiert werden. Denn nur, wenn in diesen Ländern das Wachstum und damit der Konsum angekurbelt würden, könne der Süden wieder mehr in diese Länder exportieren. Laut Gros lässt sich die EU-Schuldenkrise nur so entschärfen.

Lohnerhöhungen auch in der Schweiz?

Unter Schweizer Ökonomen herrscht Uneinigkeit über die gewagten Thesen. Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, begrüsst die Vorschläge von Daniel Gros. In der Eurozone fehle momentan eindeutig der Schwung, darum seien alle wachstumsstimulierenden Massnahmen willkommen, sagt Lampart gegenüber DerBund.ch/Newsnet. «Dass diese Massnahmen von den finanziell soliden Ländern kommen müssen, ist klar.»

«Generell müssen wir auch in den nördlichen Ländern die Nachfrage beleben.» Ein gutes Rezept sieht Lampart in Lohnerhöhungen, wie sie auch der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble unlängst forderte. Damit werde auch die Nachfrage in den südlichen Ländern gesteigert.

«Auch in der Schweiz sollten Lohnerhöhungen dort stattfinden, wo es momentan noch möglich ist», sagt Lampart. Die flankierenden Massnahmen, welche Erwerbstätige vor der missbräuchlichen Unterschreitung der in der Schweiz geltenden Lohn- und Arbeitsbedingungen schützen sollen, seien nicht das Mass der Dinge. «Wir brauchen eine Lösung für ganz Europa, hier kann sich die Schweiz nicht einfach rausnehmen.»

«Vorschläge sind unsinnig»

Andere Schweizer Wirtschaftsexperten äusserten sich gegenüber Radio DRS weniger positiv. Rolf Weder von der Universität Basel sieht das Problem der EU nicht beim mangelnden Konsum sondern bei der nicht funktionierenden Währungsunion.

«Ich bin sehr skeptisch», sagt auch Volker Grossmann von der Universität Freiburg und warnt sogar vor einer Inflation. Konjunkturprogramme aufzugleisen zu einer Zeit, zu der man gar keine konjunkturellen Probleme habe, sei unsinnig. «Würde die Nachfrage in Deutschland mit Mehrinvestitionen in die Infrastruktur zusätzlich angeheizt, könnte dies eine Preis- und Lohnspirale in Gang setzen.»

Auch für Bernd Schips, ehemaliger Leiter der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, führt kein Weg an Strukturreformen in Südeuropa vorbei. Die Schweiz könne zwar den Agrarsektor öffnen und beispielsweise mehr aus Griechenland importieren, sagt Schips. «Die Frage ist jedoch, ob diese Produkte dann wettbewerbsfähig sind.» Um dies zu erreichen, müssten laut Schips in Griechenland erst die Löhne gesenkt werden.

«Die Krise wird sich verschärfen»

Die gegenteiligen Aussagen der Ökonomen machen einmal mehr deutlich, wie verfahren die Situation in der aktuellen Schuldenkrise mittlerweile ist. Gedanken über die richtige Vorgehensweise in der Krise machen sich heute Abend auch die EU-Staats- und Regierungschefs beim Wachstums-Sondergipfel in Brüssel. Ein Masterplan ist aber auch von den Politikern nicht zu erwarten, und dass an dem Treffen Druck auf Deutschland ausgeübt wird, seine Ausgaben zu erhöhen, ist eher unwahrscheinlich. Gros glaubt deshalb auch nicht an einen Durchbruch am EU-Gipfel. «Die Krise wird sich verschärfen, wenn der Norden seinen Part nicht wahrnimmt.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.05.2012, 16:08 Uhr

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72 Kommentare

ivo müller

23.05.2012, 16:17 Uhr
Melden 158 Empfehlung 0

wieder einmal wachstum über alles und um jeden preis! dass wachstum auch eine schattenseite hat, will man totschweigen. ich bin der meinung, dass man mit den vorhandenen resourcen sorgfältig umgehen sollte und nicht auf teufel komm raus wachsen will! die nachwelt wirds danken. Antworten


Hannes Müller

23.05.2012, 16:26 Uhr
Melden 131 Empfehlung 0

Und wie sollen wir den unnötigen und höheren Konsum finanzieren? Mit Schuldenmachen oder mit dem Verjubeln von vorbezogenen Pensionsgeldern? Antworten



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