«Unsere Grosseltern lebten mit grösseren Risiken als wir»
Von Stefan Schnyder. Aktualisiert am 23.03.2011 6 Kommentare
Artikel zum Thema
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- Das Seco bekommt eine Chefin
- Schweizer Wirtschaft im Jahr 2010 um 2,6 Prozent gewachsen
Zur Person
Das Büro von Jean-Daniel Gerber befindet sich an einem Ort, der den wirtschaftlichen Wandel symbolisiert. Es liegt in einem ehemaligen Gebäude der Wander AG am Holzikofenweg in Bern. Von seinem Arbeitsraum aus hat Gerber eine tolle Aussicht auf das Bundeshaus, dem er seine Karriere verschrieb. Nach dem Volkswirtschaftsstudium an der Universität Bern tritt Gerber 1973 in den Bundesdienst ein – beim noblen Bundesamt für Aussenwirtschaft.
Einen Karrieresprung macht er, als er im Jahr 1992 erster Exekutivdirektor der Schweiz bei der Weltbank wird. Im November 1997 wählt ihn dann der Bundesrat zum Direktor des damaligen Bundesamts für Flüchtlinge. Als im Jahr 2003 der damalige Seco-Chef David Syz seinen vorzeitigen Rücktritt ankündigt, gehört er sofort zu den Anwärtern auf das Amt – und wird vom Bundesrat auf Anfang April 2004 gewählt. Ende März tritt der 64-Jährige ab und übergibt die Seco-Direktion an Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch.
Gerber ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Bislang nicht öffentlich bekannt war, dass er ein Fasnächtler ist. An der diesjährigen Berner Fasnacht verkleidete er sich als Bettler. «Es war spannend, zu beobachten, wie man als Bettler behandelt wird», erzählt er.
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In Ihrer Amtszeit sind drei Grossrisiken Realität geworden: der Zusammenbruch der Finanzmärkte, der Beinahebankrott gewisser Euro-Staaten und nun auch die atomare Katastrophe in Japan. Geht der Mensch heute zu hohe Risiken ein?
Jean-Daniel Gerber:?Wir leben tatsächlich in einer Zeit, in der viele Umwälzungen und tragische Ereignisse wie in Japan stattfinden.
Aber zeigen diese Vorkommnisse nicht, dass der Mensch zu hohe Risiken eingeht?
Diese Ansicht teile ich nicht. Die individuellen Risiken waren zur Zeit unserer Eltern und Grosseltern ebenso gross oder noch grösser. Die Lebenserwartung war tiefer. Der Analphabetismus grösser, der Lebensstandard schlechter, die Kriege länger und schrecklicher. Das Internet und die Globalisierung haben zudem ein hohes Ausmass an Transparenz geschaffen mit der erfreulichen Folge, dass es für eine Diktatur viel schwieriger geworden ist, sich an der Macht zu halten. Das Internet ist die beste Waffe gegen Diktaturen.
Welche wirtschaftlichen Auswirkungen wird die Atomkatastrophe haben – weltweit betrachtet?
Unmittelbar konjunkturell sind die Folgen nicht sehr gross. Die Langzeitauswirkungen jedoch sehr. Es ist ein Ereignis, dessen Auswirkungen schlimmer sein können als der Anschlag auf die Twin Towers in New York am 11.September 2001. Die Energiepolitik zahlreicher Staaten wird infrage gestellt werden, ohne dass die Alternativen dazu innert Kürze bereitgestellt werden können. Es ist jedoch noch verfrüht, die Konsequenzen aus diesem Vorfall zu ziehen. Falls es zu einer Verstrahlung von Tokio kommen sollte, wären die Auswirkungen natürlich gravierend.
Und für die Schweiz?
Es ist offensichtlich, dass auch wir über die Bücher müssen. Ich warne jedoch vor voreiligen Schlüssen. In einer solchen Situation ist es wichtig, den Bauchgefühlen und Angstträumen eine rationale analytische Sicht entgegenzustellen.
Mit welchen Folgen rechnen Sie für die Tourismusbranche und die Exportwirtschaft?
Für diese Branche ist der Höhenflug des Schweizer Frankens eine grössere Belastung. Deshalb sind unsere Prognosen für das nächste Jahr verhaltener.
Zu Beginn Ihrer Amtszeit als Seco-Direktor warnten Sie davor, dass die Schweiz im europäischen Vergleich zurückfallen könnte, wenn das Wachstum weiterhin so gering bleibt. Nach der Finanzkrise steht die Schweiz nun plötzlich als die wirtschaftliche Musterschülerin da. Warum?
Es trifft zu, dass die Schweizer Wirtschaft sich in den letzten sieben Jahren überdurchschnittlich gut entwickelt hat. Das war aber nicht der Fall in den Jahren zuvor. Diese Entwicklung war nur möglich dank den zahlreichen Reformen und Neuerungen, die wir seither durchgeführt haben.
Welche war die wichtigste?
Mehrere waren entscheidend. Mit der Einführung der Schuldenbremse haben wir unsere Budgetsituation massgeblich verbessert, dank der Personenfreizügigkeit holten wir hoch qualifizierte Arbeitskräfte ins Land, die dreizehn neuen Freihandelsabkommen öffneten uns neue Absatzmärkte, der Beitritt zum Schengen-Raum war entscheidend für den Tourismus. Ganz wichtig war auch, dass das Volk den Bundesrat bei seinen wirtschaftspolitischen Massnahmen fast immer gestützt hat, wie zum Beispiel bei der Abstimmung über die Sanierungsmassnahmen für die Arbeitslosenversicherung.
Sie geben also dem Volk, dem Parlament, dem Bundesrat und Ihnen selbst gute Noten.
Sie haben gefragt, was wir erreicht haben. Die Bilanz hat auch eine Gegenseite, das, was wir nicht erreicht haben: zum Beispiel die Klärung des institutionellen Verhältnisses zur Europäischen Union, die Sanierung der Sozialversicherung, die Einführung von kostendämpfenden Massnahmen im Gesundheitswesen und der Abschluss der Doha-Runde der Welthandelsorganisation WTO, was die Handelspolitik betrifft.
Bei der Personenfreizügigkeit mehren sich jetzt die Stimmen aus dem rechten politischen Spektrum, die sagen, dass die Schweiz punkto Bevölkerungszahl langsam an ihre Grenzen komme.
Das ist kein neues Phänomen: 1872 gab es Demonstrationen in Zürich gegen die deutschen Einwanderer. Ich erinnere auch an die Schwarzenbach-Initiativen, die sich gegen die Zuwanderung der 60er- und 70er-Jahre richteten. Heute haben wir jedoch eine ganz andere Art der Zuwanderung, denn es sind vorwiegend Hochqualifizierte, die in die Schweiz kommen. Sie stehen in Konkurrenz zu Ihnen und mir, im Gegensatz zu den Niedrigqualifizierten. Vielleicht reagieren wir deshalb sensibler, weil wir direkter betroffen sind.
Hat es in der Schweiz noch Platz für weitere Zuwanderer?
Diese Frage beurteilt jeder anders. Mich erstaunt zum Beispiel, dass in den ländlichen Gebieten, in denen die Bevölkerungsdichte nicht besonders hoch ist, die Zuwanderung als grössere Bedrohung empfunden wird als in den Städten. Wo die Grenze der Einwanderung liegt, muss das Schweizervolk immer wieder neu definieren. Eine rationale Regel dafür gibt es nicht.
Die Umwälzungen in Nordafrika sind tief greifend. Welche wirtschaftliche Entwicklung erwarten Sie in diesen Ländern?
In erster Linie gilt es zu hoffen, dass diese Länder relativ rasch wirtschaftliche Reformen ergreifen. Wenn ihnen dies nicht gelingt oder wenn dies zu lange dauert, werden die Jungen relativ rasch feststellen, dass gar nicht viel geändert hat. Dann müssen wir in Europa mit einem grösseren Migrationsdruck rechnen. Ich glaube dagegen nicht, dass wir unmittelbar vor einer Zuwanderungswelle wie während der Balkankriege stehen.
Wie kann die Schweiz diese Länder unterstützen?
Durch die ganz traditionellen Massnahmen: wirtschaftliche Aufbauhilfe, Öffnung unserer Märkte und Tourismus, sobald wieder Ruhe eingekehrt ist. Ganz entscheidend ist, dass Schweizer Unternehmen in diesen Ländern investieren. Ich war vor 14 Tagen in Marokko, einem Land, mit dem wir ein Freihandelsabkommen abgeschlossen haben. Eine Gruppe von rund zehn Unternehmern hat mich begleitet, um neue wirtschaftliche Beziehungen anzubahnen. Die Zahlen aus der Vergangenheit zeigen, dass Schweizer Unternehmen eher in denjenigen Ländern investieren, mit denen wir so ein Abkommen haben.
Die Entwicklungen in Nordafrika haben auch gezeigt, dass es problematisch ist, wenn die Schweiz Waffen an undemokratische Länder liefert.
Die Waffenexporte machen nur 0,3 Prozent der Schweizer Gesamtexporte aus, und in diese Länder exportieren wir noch viel weniger. Ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass wir punkto Waffenexporten schon heute eines der restriktivsten Länder Europas sind. Die Schweiz ist beispielsweise das einzige europäische Land, das seit 2009 keine Ausfuhren von Kriegsmaterial mehr nach Ägypten oder Saudiarabien bewilligt hat.
Sie haben also ein gutes Gefühl, wenn Sie die Gesuche für Waffenexporte unterschreiben?
Sicher nicht, denn es ist eine schwierige Aufgabe, die den unterschiedlichsten, sich teilweise entgegenlaufenden Interessen Rechnung tragen muss. Im Nachhinein ist man bei diesen Fragen aber immer gescheiter, und jeder hat seine Meinung. Doch das Schweizervolk hat letztes Jahr mit 68 Prozent die Initiative für ein Verbot von Waffenausfuhren abgelehnt.
Haben Ihnen solche Entscheide schlaflose Nächte bereitet?
Das wäre übertrieben. Aber als Chef des Bundesamts für Flüchtlinge, heute das Bundesamt für Migration, hatte ich manchmal schon schlaflose Nächte. In diesem Amt muss man über das Schicksal von Menschen entscheiden. Das verlangt ein Gleichgewicht zwischen Strenge und dem, was das Herz sagt. Von denjenigen, die kommen, sind die Personen problematisch, die zwar keine Flüchtlinge sind, sich aber dennoch in einer trostlosen Lage befinden.
Sind Sie froh, dass Sie nach der Pensionierung solche Entscheide nicht mehr fällen müssen?
Ich habe alle meine diversen Posten gern gehabt, die Diplomatie in unseren Botschaften, als Direktor in der Weltbank, im Bundesamt für Migration und danach im Seco. Für mich bedeutet die Pensionierung den Aufbruch zu neuen Ufern – ein Wechsel also wie ein anderer auch.
Doch an Ihrer Körpersprache war abzulesen, dass Sie nicht immer nur locker drauf waren.
Natürlich, die Probleme, die ich bewältigen musste, waren ja auch nicht immer «locker». Ich bin dankbar, gesundheitlich nicht darunter gelitten zu haben.
Was war Ihr Erfolgsrezept für Ihre steile Karriere?
Keine Ahnung. Ich kann mir aber vorstellen, dass die Vielfalt meiner Aktivitäten, die dabei gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen sowie die Loyalität gegenüber meinen Chefs eine Rolle gespielt hat. Entscheidend war auch, dass meine Frau mich immer unterstützte. Aber natürlich war auch der Zufall bei meinen Beförderungen mit im Spiel. Ich hatte das Glück, im richtigen Moment am richtigen Ort verfügbar zu sein.
Ende März hören Sie als Seco-Chef auf. Sie haben bestimmt schon viele Anfragen für Verwaltungsratsmandate. Welche werden Sie annehmen?
Ich habe tatsächlich einige Anfragen. Mit Ausnahme des Vorschlags, Verwaltungsrat von Lonza zu werden, habe ich die anderen zurückgestellt.
Welche weiteren Aufgaben werden Sie übernehmen?
Ich bin daran, einige Mandate in Non-Profit-Organisationen zu studieren, und vielleicht werde ich auch Vorlesungen an der Universität halten.
Handelt es sich um die Universität Bern?
Vielleicht.
Zeit für Hobbys und Muse wird da wieder nicht viel bleiben.
Wenn ich in den nächsten Jahren keine Zeit für Hobbys und Muse finde, bin ich selber schuld. (Berner Zeitung)
Erstellt: 23.03.2011, 11:17 Uhr
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6 Kommentare
Vielleicht sollte man noch anfügen, dass noch nie so viele Leute auf Psychopharmaka angewiesen waren, sich mehr Leute umgebracht haben, mehr Leute regelmässig zu einem Psychiater gingen, noch nie so viele Kinder an ADHS litten und mit Rithalin vollgepumpt wurden, noch die so viele Menschen an Unverträglichkeiten und Allergien litten, sich die Menschen noch nie so einsam gefühlt haben etc. etc. etc Antworten
Hr. Gerber greift gerne die Vergangenheit auf um darzulegen dass wie er besser gemacht habe. Nun die Geschichte lehrt uns nur eines, dass sie uns nicht lehrt und nur die Umstände, die Gesellschaft sich in einem technisch weiterentwickelten Umstand wiederfindet, ohne dass sich wirklich die Gesellschaft verändert hätte. Wir leben besser, aber nur auf Kosten anderer und das kehrt sich nun langsam! Antworten
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