Wirtschaft

Und der Nächste kommt bestimmt

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 22.11.2010 60 Kommentare

Erneut stopfen die Politiker Europas ein Leck in der Währungsunion mit viel Geld. Ein Ausbreiten der Krise wird damit auch diesmal kaum verhindert.

Mit Irland ist der nächste Dominostein gefallen: Schlagzeilen irischer Zeitung im Vorfeld der Rettungsaktion

Mit Irland ist der nächste Dominostein gefallen: Schlagzeilen irischer Zeitung im Vorfeld der Rettungsaktion
Bild: Keystone

Nun ist der zweite Dominostein in der Eurozone gefallen: Irland musste wie im Frühling Griechenland doch Hilfe beantragen, obwohl das Land dies noch letzte Woche täglich energisch dementiert hat. Zwischen 80 und 130 Milliarden Euro wird das Land laut Medienberichten aus dem Rettungsfonds erhalten, den die EU im Frühjahr im Nachgang der Griechenlandkrise vorbereitet hat.

Die jüngste Episode der Euro-Krise gleicht stark dem Anfang der Krise im Frühjahr. Erst die Vereinbarung einer Hilfszahlung von 110 Milliarden Euro an Griechenland hat für eine vorläufige Entspannung gesorgt. Schon damals wurde erst lange dementiert, dass Griechenland überhaupt Hilfe benötige, während jeder, der selbst die damals noch geschönten wirtschaftlichen Daten zu interpretieren wusste, erkennen konnte, dass das Land ohne Hilfe nicht durchkommen wird. Aus dem gleichen Grund spricht alles dafür, dass die Krise der Währungsunion auch bei Irland nicht haltmachen wird.

Vom Musterknaben zum zweiten Griechenland

Griechenland und Irland unterscheiden sich nur in den Ursachen, die zur Krise geführt haben. Anders als Griechenland galt Irland – der «Keltische Tiger» – als Vorzeigeland Europas. Die Staatsverschuldung erreichte mit einer Quote von 25 Prozent gemessen am Bruttoinlandprodukt (BIP) noch im Jahr 2007 einen der tiefsten Werte weltweit. Für 2011 geht die jüngste Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) von einer Quote von 108 Prozent aus, die über die folgenden Jahre noch ansteigen wird. Der Grund für den tiefen Fall liegt an den irischen Banken, die sich im Zuge einer Immobilienblase massiv verspekuliert haben und für deren Schulden der irische Staat vorschnell garantiert hat.

Gemessen an ihren wirtschaftlichen Herausforderungen sitzen Griechenland und Irland im gleichen Boot. Das gilt auch für den nächsten Wackelkandidaten: Portugal. Das Wachstum ist in all diesen Ländern in den nächsten Jahre laut den Einschätzungen des Internationalen Währungsfonds zu gering, um nur schon die Ausfälle der jüngsten Zeit wettzumachen. Die notwendigen harten Sparmassnahmen machen allerdings selbst die tiefen Wachstumsaussichten ungewiss. Griechenland mit einer geschätzten Bruttoschuld von 130 Prozent gemessen am BIP im Jahr 2010, wird auch im laufenden Jahr trotz Sparanstrengungen im Umfang von 6 BIP-Prozenten noch ein Budgetdefizit von rund 9,4 Prozent ausweisen. Das Defizit Irlands wird sich im laufenden Jahr sogar auf rund 32 Prozent belaufen. Portugal will sein Defizit auf 7,3 Prozent beschränken, was aber als äusserst anspruchsvoll gilt.

Kaum zu reduzierende Staatsschulden

Kommt dazu, dass alle Länder für ihre Staatsschulden hohe Zinssätze bezahlen müssen. Ihre Anleihen mit einer Frist von 10 Jahren werden aktuell auf den Märkten laut Bloomberg zu 11,5 Prozent im Fall von Griechenland verzinst, zu 8 Prozent im Fall von Irland und zu 6,7 Prozent im Fall von Portugal. Die unterstützten Staaten müssen sich immerhin vorübergehend nicht auf den Kapitalmärkten finanzieren. Doch selbst die zur Abschreckung bestimmten Zinssätze des Euro-Rettungspakets sind für die gefährdeten Länder noch viel zu hoch – im Fall von Griechenland rund 5 Prozent – um nur schon die Schulden abzubauen. Allein die geplante Verringerung des jährlich anfallenden Budgetdefizits auf die von der Währungsunion vorgeschriebene Höchstgrenze von unter 3 Prozent bleibt unter diesen Umständen eine Herausforderung.

Dass Portugal der nächste Kandidat sein wird, der Hilfe beantragen muss, sieht offenbar die Regierung des Landes selber so. Gegenüber der «Financial Times» hat der portugiesische Finanzminister Teixeira dos Santos bereits erklärt, dass das Risiko sehr gross sei, dass sein Land einen entsprechenden Antrag stellen werde. Zwar ist Portugal mit Blick auf die Bruttoverschuldung des Staates von 83,1 Prozent gemessen am BIP laut einer Schätzung des IWF für das laufende Jahr noch deutlich besser dran als etwa Griechenland oder Irland, doch das Land teilt mit diesen Ländern und den ebenfalls gefährdeten Ländern Spanien und Italien das Grundproblem, dass die üblichen wirtschaftspolitischen Auswege wegen der Währungsunion nicht zur Verfügung stehen.

In der wirtschaftspolitischen Falle

Es gibt einerseits keine der Lage dieser Länder angepasste Geldpolitik, da sich jene an allen Euro-Staaten ausrichtet. Das bedeutet, dass die Geldpolitik für die Betroffenen zu restriktiv ist. Auch eine Abwertung der Währung bleibt ausgeschlossen. Das ist besonders problematisch, weil die Gefährdeten weniger produktiv sind als der Durchschnitt der Euro-Länder – zum Beispiel gemessen an den Lohnstückkosten. Als einziger Weg bleibt daher eine reale Abwertung, das heisst, die Löhne müssten zum Teil drastisch gesenkt werden. Doch ein solcher Ausweg ist politisch kaum durchzuhalten.

Die Gefahr ist daher gross, dass die Währungsunion wegen der grossen inneren Widersprüche weiter stark an Akzeptanz verlieren wird, was gemeinsame Lösungen erst recht erschwert. Die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende einzelne Länder zumindest einen teilweisen Staatsbankrott verkünden müssen, ist ebenfalls weiter gestiegen. Dass die Währungsunion in ihrer jetzigen Form gefährdet ist, gestehen mittlerweile sogar die europäischen Politiker ein.

Im Fall von Spanien funktioniert der Ausweg nicht mehr

Wie schon im Fall von Griechenland konnte die Katastrophe erneut mit finanzieller Unterstützung verschoben werden. Das war wichtig, um wie schon im Frühling im Fall von Griechenland Zeit zu gewinnen, damit eine europäische Finanzkrise verhindert werden konnte. Diesmal sind laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich BIZ vor allem deutsche und britische Banken mit rund 140 Milliarden Dollar in Irland engagiert. Die grundlegenden Probleme der Währungsunion blieben unangetastet. Die Krise wird daher mit grosser Wahrscheinlichkeit weiter um sich greifen. Spätestens wenn wirtschaftlich weit bedeutendere Länder wie Spanien oder Italien in einen ähnlichen Notstand geraten wie Griechenland oder Irland, werden auch die Mittel für ähnliche Rettungsaktionen nicht mehr aufzutreiben sein. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.11.2010, 18:07 Uhr

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60 Kommentare

Daniel Andres

22.11.2010, 16:30 Uhr
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Vergesst doch bitte nicht, wer den Schaden angerichtet hat, Die Banken mit der Finanzkrise. Irland hatte sich gerade von der armen Insel in einen gewissen Wohlstand und Beschäftigung gerettet, als die Finanzmärkte zusammenbrachen. Es ist nicht Leichtsinn der Iren, sondern Verantwortungslosigkeit der Finanzbranche, die zur Katastrophe führte. Antworten


Hans Mueller

22.11.2010, 16:25 Uhr
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Die armen Banken müssen doch eine Garantie für Ihre Kredite haben, geht ja nicht an, dass die Zinsen nicht bezahlt werden. Hier wird nicht ein Land gerettet, sondern die Banken die dem Land Kredite vergeben haben ohne die Zahlungskräftigkeit zu prüfen. Kein Wunder ist Herr Ackermann an vorderster Front wenn es darum geht jeden von der Notwendigkeit der Finanzspritze zu überzeugen. Antworten



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