Wirtschaft

Tettamanti zum neuen UBS-Chef: Für den Job brauchts einen «son of a bitch»

Von Rita Flubacher und René Lenzin. Aktualisiert am 21.03.2009 22 Kommentare

Im Interview sagt Financier Tito Tettamanti, wie die UBS zu retten ist, was bei der «Weltwoche» läuft, und warum er das Handeln des Bundesrates «blamabel» findet.

«Würde ich in den Bundesrat gewählt, wäre ich wohl schneller wieder draussen als Blocher». Tito Tettamanti.

«Würde ich in den Bundesrat gewählt, wäre ich wohl schneller wieder draussen als Blocher». Tito Tettamanti.
Bild: Keystone

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Zur Person

Tito Tettamanti

Der heute 78-jährige Tessiner Tito Tettamanti hat in Bern Jura studiert. Bereits mit 29 Jahren wurde er in die Tessiner Kantonsregierung gewählt, aus der er aber nach anderthalb Jahren bereits wieder ausschied. Anschliessend betätigte er sich als Geschäftsanwalt, Immobilienhändler und Finanzinvestor. Mit der Übernahme des Saurer-Konzerns schreckte er Ende der 80er-Jahre das Schweizer Wirtschaftsestablishment auf. Über seine Sterling Strategic Value hält Tettamanti heute Beteiligungen an verschiedenen Firmen. Eine Zeitlang war er Hauptbesitzer des Jean-Frey-Verlags. Tettamanti wohnt in Lugano und London. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

Die Tür steht offen, als die Journalisten beim Haus von Tito Tettamanti ankommen. Diskret hinter dem Eingang wartet der Butler in der Livree und in weissen Handschuhen. Er führt die Gäste ins Büro des Hausherrn, das mehr einer Bibliothek denn einem Arbeitszimmer gleicht. «Nehmen Sie Platz», sagt der 78-Jährige, «und legen Sie los.» Nach anderthalb Stunden steht er auf. Den Segen zum Interview erteilt er am anderen Morgen aus Monaco.

Herr Tettamanti, der Bundesrat hat dem internationalen Druck nachgegeben und will das Bankgeheimnis aufweichen. War dieser Schritt unausweichlich?
Es ist blamabel, was der Bundesrat gemacht hat. Und jetzt verspottet uns Peer Steinbrück auch noch. Wir haben nichts gelernt aus der Affäre mit den nachrichtenlosen Vermögen. Man kann nicht offiziell erzählen, das Bankgeheimnis sei unantastbar und unverhandelbar, um dann drei Tage später nachzugeben.

Wie hätten Sie als Bundesrat agiert?
(Lacht.) Würde ich in den Bundesrat gewählt, wäre ich wohl schneller wieder draussen als Blocher. Im Tessiner Regierungsrat war ich ja nur anderthalb Jahre.

Angenommen, Sie wären aber drin?
Erstens gibt man nicht zum Voraus bekannt, was man machen will, sondern wartet, was die andere Seite verlangt. Zwischen den Staaten gibt es keine Freundschaft, sondern nur Interessen, die sich manchmal decken, manchmal nicht. Zweitens: Es darf keine Tabus geben. Die UBS sichern in den USA 30'000 Arbeitsplätze. Mit diesem Argument hätte die Schweiz Härte zeigen können.

Kein Amerikaner begreift den Unterschied zwischen Steuerhinterziehung und -betrug.
Steuerhinterziehung ist in der europäischen Kultur tief verankert. Sie rührt von den Bauern her, die möglichst viel ihrer Erträge vor den gierigen Adligen verstecken wollten. Wir verstehen, dass die Amerikaner nicht begreifen, was wir meinen. Aber wir haben es verpasst, ihnen das schon viel früher zu erklären.

Sie denken wie der frühere Botschafter Thomas Borer: Man hätte längst Lobbying fürs Bankgeheimnis machen müssen.
Er hat hundert Prozent Recht. Dass wir Borer verloren haben, war einer der grössten Fehler des früheren Bundesrats Joseph Deiss, der Angst vor dem «Blick» bekommen hatte. In Brüssel sind 20'000 Lobbyisten eingetragen. Das sagt doch schon alles über die Bedeutung solcher Aktivitäten.

Der Bundesrat will an der Unterscheidung zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung festhalten.
Das ist lächerlich. Diese Leute wissen nicht, wovon sie sprechen. Man muss sich im Klaren sein, dass das nicht gehen wird. Wir haben einen zünftigen Schlag abgekriegt, jetzt müssen wir die Zukunft des Finanz- und Werkplatzes Schweiz gestalten.

Und wie sieht die aus?
Wenn das Ausland das Bankgeheimnis knacken will, dann müssen wir halt andere Wege finden, um besser als die Konkurrenz zu sein. Die Schweiz könnte das Obwalden Europas werden, indem sie die Flat- Rate-Tax einführt, die Dividendenbesteuerung abschafft und massiv in Bildung und Forschung investiert.

In der Schweiz liegen geschätzte 2000 Milliarden Franken ausländische Vermögen. Aus der Zinsbesteuerung fliesst gerade mal eine halbe Milliarde an die EU-Staaten. Da müssen Sie doch Verständnis für den Ärger des deutschen Finanzministers haben.
Nein, hab ich nicht. Erstens trägt er seine Kritik auf eine unerzogene, grobe Weise vor, die wir nicht akzeptieren können. Zweitens hat die EU selber vorgeschlagen, dass die Zinsbesteuerung nur auf den Zinsen von Sparkapitalien erfolgt. England hat diese Lösung durchgesetzt, um seine eigenen Steueroasen zu schützen.

Mit zwei Wohnsitzen und Firmensitzen in karibischen Steuerparadiesen verkörpern Sie nachgerade das Feindbild von Leuten wie Steinbrück. Wie lebt es sich damit?
Ich habe in meinem Leben viel Steuern bezahlt. Ich wette mit all meinen Kritikern, dass ich mehr an den Staat abgegeben habe als sie. Meine Firmen investieren auf der ganzen Welt und zahlen dort Steuern, wo sie tätig sind. Ihren Sitz haben sie auf karibischen Inseln, damit sie nicht nochmals Steuern bezahlen müssen. Das ist eine transparente und legale Steueroptimierung. Steinbrück will oder kann nicht verstehen, dass es gewisse internationale Tätigkeiten gibt, die von einem Hochsteuerland aus nicht mehr rentabel betrieben werden können.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie zu viel Steuern bezahlen müssen?
Ich habe Millionen bezahlt, will mich darüber aber nicht beklagen. Als Geschäftsmann muss ich allerdings die Steuern optimieren. Optimieren heisst: alles tun, was die Gesetze erlauben.

Welchen Einfluss auf die Debatte ums Bankgeheimnis hatte die Affäre UBS in den USA?
Selbstverständlich haben die UBS-Leute dazu beigetragen. Man muss schon dumm sein, wenn man in den USA Bankgeschäfte tätigt und gleichzeitig Leute schickt, um den Amerikanern Steuervermeidungsmöglichkeiten anzubieten. Wer mehr als einmal in den USA war, weiss, wie die dortigen Staatsanwälte funktionieren.

Hätten Sie die UBS pleitegehen lassen?
Nein. Aber in Krisensituationen bin ich für chirurgische Eingriffe statt homöopathischer Dosen. Die UBS hätte eingestehen müssen, dass ihr Geschäftsmodell versagt hat. Und sie hätte gewisse Teile sofort abstossen müssen, vielleicht auch für einen Franken. Bei aller Achtung für die Nationalbank frage ich mich, ob sie die Sache mit der Good Bank und der Bad Bank nicht anders hätte lösen müssen? Lassen wir die Bad Bank den Aktionären, und retten wir die Good Bank. Die Aktionäre und Obligationäre sollen Geld verlieren und nicht die Allgemeinheit.

Blocher schlägt vor, die UBS aufzuspalten. Wären Sie einverstanden?
Ich finde, dass man das zumindest prüfen müsste. Eine Holding mit verschiedenen Beteiligungen schafft Synergien, trotzdem könnten die Beteiligungen ihren eigenen Weg gehen. Eine Kreditbank hat eine Art öffentlichen Auftrag und eine grosse Verantwortung ihren Kunden und der Wirtschaft gegenüber. Eine Investmentbank will in guten Jahren zwanzig Prozent Gewinn erarbeiten, bei der Kreditbank genügen fünf oder sechs.

Trauen Sie Kaspar Villiger und Oswald Grübel zu, dass sie die UBS retten können?
Die Ernennung von Grübel ist ein Geniestreich. Er ist ein alter Hase, der mit allen Wassern gewaschen ist. Als Deutscher ist er nicht Teil des Filzes und muss keine falschen Rücksichten nehmen. Für solche Jobs braucht man einen «son of a bitch», wie man in Amerika so schön sagt.

Und Villiger?
Er ist eine anständige, korrekte Person mit hohem Pflichtbewusstsein. Aber er war Verwaltungsrat bei der Swiss Re, die ähnliche Fehler gemacht hat wie die UBS. Und er kommt nicht aus der Bankenwelt. Daher fragt sich, ob er der Richtige ist.

Die Krise zwinge aktive Aktionäre, sich neu zu erfinden, sagten Sie kürzlich. Was macht der neue Tettamanti?
In den Jahren des Booms war keine Risikomarge in den Zinsen einberechnet. Nun gilt das Gegenteil: Man ist risikoscheuer geworden und hat eine sehr hohe Risikoabdeckung in die Zinsen eingebaut. Wer über Liquidität verfügt, kann daher lukrative Geschäfte tätigen, indem er gesunde, aber illiquide Unternehmen rettet. Dabei kann man sich interessante Bedingungen sichern: Warren Buffet erhält bei Swiss Re zwölf Prozent für sein Geld.

Engagieren Sie sich kurzfristig oder langfristig?
Langfristig sind wir alle tot, hat Keynes einmal gesagt (lacht). Ich würde sagen, dass es um Investitionen für einen Zeitraum von zwei bis vier Jahren geht.

Wie schlimm ist die Kreditklemme in der Schweiz?
Vor allem für grössere Firmen kann es schwierig sein, Kredite zu erhalten oder zu guten Bedingungen zu erneuern. Schweizer Unternehmen geht es insofern besser als ausländischen, als sie meist direkt zu den Banken gehen und weniger mit alternativen Finanzierungsquellen wie Hedge-Funds arbeiten. Zudem gibt es ein Netz von soliden, gut funktionierenden Banken wie Raiffeisen, die Kantonalbanken, Migros, Coop und andere.

Sie wurden Zeit Ihres Lebens als Financier bezeichnet, was stets einen negativen Beigeschmack hatte.
Meine Karriere ist stark von meiner Eitelkeit geprägt (lacht). Wie jeder Tessiner habe ich zuerst Jura studiert und Politik gemacht. Dann wurde ich Treuhänder und Geschäftsanwalt. Dann ging ich in den Immobilienbereich, musste aber feststellen, dass man als Baulöwe auf Partys nicht wirklich punkten kann. Daher habe ich meine Immobilien Anfang der 80er-Jahre verkauft und bin nach New York gegangen, um Financier zu werden. Das war profitabel und hochinteressant, aber auf Partys kam es auch nicht gut an. Deshalb wurde ich Industrieller und kaufte Saurer. Doch habe ich gesehen, dass ich nicht genügend Leidenschaft besass, um ein richtiger Industrieller zu sein . . .

. . . also wurden Sie Verleger.
Nein, nicht Verleger, sondern Intellektueller. Ich begann, Bücher zu schreiben. Da wird man von allen akzeptiert, besonders wenn man kein Geld verlangt, um die Bücher zu veröffentlichen.

Was hat Sie motiviert, die «Weltwoche» zu kaufen?
Meine Freunde und ich wollten verhindern, dass sie von einem der zwei Grossen – Tamedia und Ringier – übernommen wird. Und wir wollten sie in liberalen Händen behalten. Ich habe zur Redaktion gesagt: Ihr könnt schreiben, was ihr wollt. Aber wenn ihr einen Beitrag des grossen linken Historikers Eric Hobsbawm bringt, möchte ich auch etwas über Hans-Heinrich Nolte lesen. Und ihr dürft nicht politisch korrekt sein.

Roger Köppel sagt, Sie hätten ihm die «Weltwoche» für einen günstigen Preis verkauft. Sagen Sie uns für wie viel?
Sie kennen mich schlecht, wenn Sie darauf eine Antwort erwarten. Nur so viel: Es war nicht bloss ein symbolischer, aber sicher ein interessanter Preis.

Musste sich Köppel verschulden, um die «Weltwoche» zu kaufen?
Sicher hat er sich verschuldet. Aber ich habe keine Ahnung, woher er das Geld bekommen hat. Von mir hat er nichts verlangt, und ich habe ihn auch nicht gefragt.

Haben Sie ihm Auflagen gemacht?
Nein, das war nicht nötig, weil wir sehr ähnlich denken.

Sind Sie immer noch zufrieden mit der Entwicklung der «Weltwoche»?
Ich bin vielleicht nicht mit jedem Artikel einverstanden. Aber die Schweiz braucht eine intelligente, wertkonservative und freiheitlich denkende Zeitschrift, welche gegen die Macht anschreibt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.03.2009, 00:30 Uhr

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22 Kommentare

Helena Ugrenovic

21.03.2009, 08:21 Uhr
Melden

Man ist versucht, beim Lesen der ersten paar Sätze zu denken - au Weia! Schon wieder ein Fossil, das mitmischen will und sich im Kreis der üblichen Verdächtigen bewegt ! Mit jedem weiteren Satz aber, erhellen sich nicht nur die Gesichtszüge sondern auch der Geist! Welch erfrischende, realistische, unverblümte, gute und einfach "normale" Einstellung des Signor Tettamanti! Wirklich brilliant! Antworten


Giordano Bruni

21.03.2009, 07:20 Uhr
Melden

Wenn gewisse Politiker, und auch Banker, mit Durchschnittsalter 65 soviel Brillanz wie Tito Tettamanti mit 78 aufbringen würden, würde es uns heute bedeutend besser gehen. Leider treten solche Leute wie Tettamanti nicht gerne im "Teatrino" oder der "Commedia dell'arte auf". Auguri Tito! Antworten



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