Tabubruch: Ökonomen fordern höhere Inflation
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 18.02.2010
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Die Inflation darf nicht über zwei Prozent steigen. Das war bisher einer der heiligsten Grundsätze unter den Ökonomen – zumindest, wenn es um entwickelte Volkswirtschaften geht. Auch die Schweizerische Nationalbank, wie die anderen wichtigsten Zentralbanken haben sich der Regel verschrieben.
Jetzt wird dieser hoch gehaltene Glaubensatz von einer ungewohnten Seite in Frage gestellt: Dem Internationalen Währungsfonds IWF. Die mächtige Organisation mit Sitz in Washington galt bisher als Gralshüter genau über solche Prinzipien und eine Reihe mehr, die von Kritikern wie dem Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz schon länger als weltfremd kritisiert wurden.
Bruch eines bisherigen Tabus
Dabei kommt der Angriff auf das Dogma vordergründig harmlos daher: In Form eines Arbeitspapiers, das neben anderen der Chefökonom des Währungsfonds, Olivier Blanchard, verfasst hat. Die Wortwahl bleibt vorsichtig. Es wird bloss angeregt, sich darüber Gedanken zu machen, ob nicht wohl die aktuelle Zielrate für die Inflation zu tief sein könnte und vier, statt zwei Prozent, als maximal zu tolerierende Teuerung nicht angemessener wäre.
Die Vorsicht in der Wortwahl ändert nichts daran: Der Tabubruch beim IWF ist vollbracht. Seine Bedeutung ist umso grösser, als schon jetzt eine hitzige Debatte darüber stattfindet, ob angesichts der massiven Liquiditätsversorgung der Zentralbanken in den nächsten Jahren die Inflation explodiert. Auch die weltweit hohe Staatsverschuldung weckt diese Angst: Durch Geldentwertung sinkt der reale Wert der Schulden – allerdings auf Kosten der Kaufkraft der Bevölkerung.
Die Idee hat einflussreichen Anhänger
Verschuldet sind allerdings nicht nur Regierungen, sondern vor allem in den USA auch die gewöhnlichen Bürger. Deshalb haben schon im vergangenen Mai bereits weitere bekannte Ökonomen eine höhere Inflation gefordert. Kenneth Rogoff, einst ebenfalls IWF-Chefökonom, wollte sogar eine Rate von sechs Prozent anpeilen, wenn auch nur temporär. Ins gleiche Horn stiess auch Gregory Mankiw, ohne allerdings eine konrete Zahl zu nennen. Mankiw ist als einstiger Chefökonom der Bush-Administration und als Lehrbuchautor bekannt. Zu den Anhängern einer höheren Inflation gehört auch der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman, der in seinem Blog Blanchard zu seinem Vorstoss gratuliert hat.
Der wichtigste Grund für die Forderung nach einer höheren Inflation hat mit der Verschuldung allerdings nichts zu tun. Das Ziel ist vor allem, die Möglichkeiten der Zentralbank zu erhöhen, eine Krise zu bekämpfen. Denn bei einem Konjunktureinbruch geht die Teuerung in der Regel schnell zurück. Im letzten Jahr drohte in vielen Ländern, inklusive der Schweiz, sogar eine Deflation. So wird eine Situation mit einem sinkenden Preisniveau bezeichnet. Deflation führt zu den schlimmsten Wirtschaftskrisen. Selbst wenn die Zentralbank die Leitzinsen dann auf Null senkt, verbleibt ein positiver Realzins. Diesen zu senken, um die Konjunktur wieder zu stimulieren, ist für die Geldpolitik kaum mehr möglich.
Drohende «Lohn-Preis-Spirale»
Die Forderung nach einem höheren Inflationsziel für die Zentralbanken stösst unter Ökonomen allerdings auch auf Kritik. Die grösste Sorge ist, ob sie sich auf einem höheren Stand tatsächlich stabilisieren lässt. Wenn sich die Erwartung durchsetzt, dass die Teuerung ungebremst ansteigt, werden die Arbeitnehmer entsprechende Anpassungen bei den Löhnen fordern, um keine Reallohnverluste zu erleiden. Das kann in einer Lohn-Preis-Spirale münden mit einer Inflation, die bei vier Prozent nicht Halt macht. Selbst IWF Chefökonom Blanchard sieht das in seiner Studie als das grösste Risiko. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 18.02.2010, 21:24 Uhr
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