Starker Franken wird Berner Industrie Stellen kosten
Von Adrian Sulc. Aktualisiert am 31.10.2011 1 Kommentar
«Beim heutigen Eurokurs bricht nicht nur der Gewinn weg, sondern man ist in den roten Zahlen.» Der Unternehmer Willy Michel. (Bild: Manu Friederich)
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Stück für Stück fällt in die grosse Kiste, rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Ein stetiger Strom von Metallteilen verlässt die Stanzmaschine in der Produktionshalle von Styner + Bienz in Niederwangen. Die Teile werden später in Deutschland und anderswo in Autos verbaut – millionenfach.
Doch was nach einem lukrativen Grossauftrag tönt, ist für das Unternehmen und für seine Muttergesellschaft Adval Tech zu einem Verlustgeschäft geworden. Obwohl die Produktion optimiert und der Materialverbrauch minimiert ist, werfen die Teile keinen Gewinn ab. Noch im Frühling zeigte sich Adval-Tech-Chef Jean-Claude Philipona optimistisch, dieses Jahr wieder in die schwarzen Zahlen zurückzukehren. Doch die ausufernde Krise des Euro und die damit verbundene Rekordstärke des Schweizer Frankens werden ihm einen Strich durch die Rechnung machen: Die Industriegruppe wird das Jahr wohl bestenfalls mit einer roten Null abschliessen.
Das Problem ist so simpel wie gravierend: Die Zulieferer der Autoindustrie schliessen meist mehrjährige Lieferverträge ab, oft in Euro. Wenn Adval Tech 2009 einen Auftrag erhielt, kalkulierte sie damals mit einem Eurokurs von 1.50 Franken. So sind die Aufträge in Euro beim heutigen Wechselkurs fast 20 Prozent weniger wert. Die Kosten in Franken sind indes unverändert. Kaum ein Schweizer Industriebetrieb verfügt über eine Marge, die diese Einbusse auffangen könnte.
«Da wird noch viel passieren»
«Da bricht nicht nur der Gewinn weg, sondern man ist auch in den roten Zahlen», sagt der Berner Unternehmer Willy Michel, Verwaltungsrat und grösster Aktionär von Adval Tech. «Unter diesen Bedingungen wird Adval Tech grösste Schwierigkeiten bekommen.» Nach einem weiteren Jahr nach 2010 in den roten Zahlen werde das Unternehmen auch Probleme mit den Banken bekommen, befürchtet Michel.
Das Beispiel des Berner Industriekonzerns zeigt exemplarisch, welch heftige Bauchschmerzen der starke Franken bei der hiesigen Exportindustrie verursacht. Besonders betroffen sind Unternehmen, die nicht komplexe Maschinen und Anlagen, sondern Serienteile herstellen – also Güter, bei denen der Anteil an repetitiver Arbeit grösser ist. Noch 1.03 Franken kostete ein Euro an seinem Tiefpunkt am 10. August. Im September hat die Nationalbank dann eine Euro-Franken-Untergrenze von 1.20 festgelegt. Doch für Unternehmer Michel ist auch diese noch zu tief: «Ein Eurokurs zwischen 1.20 und 1.25 ist für einige Exporteure immer noch tödlich.» Die Untergrenze müsse auf 1.30 oder 1.35 erhöht werden, fordert Michel. Das Gegenargument – dass wegen der Intervention eine Inflation drohe – sei kurzfristig nicht dramatisch, meint Michel. Eine vorübergehende Teuerung von 2 bis 4 Prozent könne man tolerieren.
Mit einigem Verzug werde der starke Franken hierzulande Opfer fordern, sagt Michel: «Da wird noch viel passieren.» Der Industrie drohten Aufträge ins Euro-Ausland verloren zu gehen. Auch Denis Grisel, Leiter der Kantonalen Wirtschaftsförderung, sieht Probleme auf die bernische Exportbranche zukommen. Vor allem in der Zuliefer- und der Maschinenindustrie gebe es Unternehmen, die mit der Situation Mühe hätten und gar an Verlagerungen ins Ausland dächten, auch wenn die Auswirkungen der Euro-Krise derzeit «noch nicht stark spürbar» seien.
Sparen beim Budget 2012
Derzeit arbeiten die Manager und Controller landauf, landab an ihren Budgets fürs nächste Jahr. Keines der vom «Bund» befragten Unternehmen budgetiert mit einem Eurokurs, der über 1.25 liegt. So müssen viele exportierende Firmen weitere Sparmassnahmen ergreifen, um zumindest ausgeglichene Budgets zu erzielen. Reines Sparen und Rationalisieren reicht vielerorts nicht, da dies bereits in der vergangenen Krise getan wurde. «Die Zitrone ist ausgepresst», sagt etwa Fred Gaegauf, Geschäftsleitungsmitglied der Thuner Maschinenfabrik Studer.
• Länger arbeiten: Adval Tech hat seine 350 Angestellten in Niederwangen und Uetendorf im August kurzfristig zu einer freiwilligen Erhöhung der Wochenarbeitszeit aufgerufen. Vorerst bis Ende Jahr sollen die Angestellten zweieinhalb Stunden länger arbeiten als vertraglich vereinbart. Damit stehen die Arbeiter 44 bis 45 Stunden pro Woche in der Werkhalle. Die Massnahme sei «mit sehr viel Verständnis» aufgenommen worden, sagt Firmenchef Philipona. Mit einigen Ausnahmen machten alle Angestellten mit. «Unseren Leuten ist es wohler, mehr zu arbeiten, als weniger Lohn zu erhalten.» Es sei nicht ausgeschlossen, dass die Massnahme fortgesetzt werde, sagt Philipona. Auch die Maschinenfabrik Studer, die in Thun und Biel rund 750 Personen beschäftigt, prüft eine Verlängerung der Arbeitszeit von 40 auf 42 Stunden, wie Geschäftsleitungsmitglied Gaegauf erklärt. Der Finanzchef des Lysser Autozulieferers Feintool, Thomas Bögli, sagt, dass die Arbeitszeiterhöhung eine Variante zur Kostensenkung wäre, wenn sich der Franken wieder aufwerten würde. Beim aktuellen Kurs sei diese Massnahme aber nicht vorgesehen.
• Weniger Lohn: Die Emmentaler Verpackungsherstellerin Mopac hat per 1. April die Löhne ihrer 260 Angestellten an den Euro gekoppelt. Die neuen Arbeitsverträge, welche die Mitarbeiter unterschreiben mussten, sehen eine Lohnreduktion von bis zu 10 Prozent vor, wenn der Euro unter 1.50 Franken fällt. Die Gewerkschaft Unia klagte gegen die Massnahme, ein Urteil steht noch aus.
• Kurzarbeit: Die Massnahme hat sich während der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 und 2009 bewährt, steht derzeit aber nicht im Vordergrund. Denn während die Margen wegschmelzen, sind die Auftragsbücher vieler Exporteure derzeit noch gut gefüllt, wie auch Geagauf von der Maschinenfabrik Studer bestätigt. Es sei «eine komische Situation». Wenn jedoch Aufträge wegbrechen würden, wäre die Kurzarbeit wiederum die erste Massnahme.
• Preiserhöhungen: Je exklusiver und spezialisierter die Produkte sind, desto eher sind Preiserhöhungen möglich. Während ein Teilehersteller wie Adval Tech rasch von Konkurrenten verdrängt würde, kann es sich etwa die Frutiger Wandfluh AG leisten, bei einiger ihrer weltweit exportierten Maschinenbauteile die Preise zu erhöhen, wie Firmenchef und Nationalrat Hansruedi Wandfluh sagt.
• Verlagerungen: Adval-Tech-Chef Philipona spricht aus, wovor viele Unternehmen noch zurückschrecken: «Wenn wir mit einem Eurokurs von 1.20 Verluste einfahren, wird die Frage der Verlagerung schnell auf den Tisch kommen. Man fragt sich: Wollen wir das Währungsrisiko ein für alle Mal ausmerzen oder weiterhin mit diesem Risiko in der Schweiz produzieren?» Jüngst hat Adval Tech Werke in Ungarn und Mexiko ausgebaut, um neue Grossaufträge zu bewältigen. Doch eine Verlagerung koste auch, wirft Philipona ein, so bedürfe es Investitionen, denn über einige Anlagen verfüge Adval Tech nur in den Schweizer Werken. Die Lysser Feintool betreibt neben der Inland- seit Jahren auch eine Auslandproduktion. Sie baut derzeit in China ein erstes Werk auf, um die dortigen Autobauer mit Teilen beliefern zu können, nur kurze Wege zurücklegen müssen und die zu lokalen Kosten hergestellt wurden. Bei Löhnen, die bereits in Osteuropa zehnmal tiefer sind als jene in der Schweiz, werden immer mehr Hersteller von Massenprodukten Mühe haben, mitzuhalten.
(Der Bund)
Erstellt: 14.10.2011, 10:29 Uhr
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