Stabil, sicher, staatsnah

Die bernische Arbeitslosenquote ist deutlich tiefer als die gesamtschweizerische. Zudem unterliegt sie geringeren Schwankungen als in anderen Kantonen. Wie ist das zu erklären?

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Die Arbeitslosenzahlen im Kanton Bern (Smartphone-User: Auf die Karte klicken, um sie zu aktivieren).


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Das Klischee, Staatsstellen seien unkündbar, stimmt heute zwar nicht mehr. Vergleichsweise sicher ist eine Anstellung bei Bund oder Kanton aber noch immer. Das zeigt sich in der Berner Arbeitslosenstatistik. Die Arbeitslosenquote im Kanton Bern ist tief. Durchschnittlich liegt sie um 0,8 Prozentpunkte unter der gesamtschweizerischen Quote, wie eine Analyse der Werte seit der Jahrtausendwende zeigt. Im Moment ist der Unterschied etwas kleiner: Im Kanton Bern waren im November 2,8 Prozent der Erwerbsbevölkerung als arbeitslos registriert. Schweizweit waren es 3,3 Prozent, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) gestern mitteilte.

«Die Wirtschaftsstruktur sorgt für eine tiefere Arbeitslosigkeit im Kanton Bern», sagt Marc Gilgen. Er ist Leiter des Geschäftsbereichs Arbeitsvermittlung beim Berner Wirtschaftsamt Beco. Unter den fünf grössten Arbeitgebern des Kantons rangiert gerade mal einer, der komplett der Privatwirtschaft zuzuordnen ist: Es ist die Migros, die den fünften Platz belegt. Die Plätze drei und vier belegen mit der Post und den SBB zwei staatsnahe Betriebe. Angeführt wird die Rangliste der grössten Arbeitgeber vom Kanton Bern, gefolgt von der Bundesverwaltung.

Kaum konjunkturabhängig

Viele dieser Stellen sind nur beschränkt der konjunkturellen Entwicklung ausgesetzt. Folglich sind auch die Schwankungen der Berner Arbeitslosenquote gering, vor allem wenn man sie mit anderen volkswirtschaftlich wichtigen Kantonen wie Zürich, Basel-Stadt oder Genf vergleicht. Das zeigen etwa die Auswirkungen der internationalen Finanzkrise: In Basel-Stadt und Zürich stieg die Arbeitslosenquote zwischen August 2008 und Januar 2010 um knapp 2 Prozentpunkte, in Bern fiel der Anstieg mit 1,5 Prozentpunkten geringer aus.

Die Berner Arbeitslosenstruktur weist weitere Besonderheiten auf. Die wichtigsten davon sind:

  • Viele Arbeitslose im Raum Biel: Im Verwaltungskreis Biel ist der Anteil der Arbeitslosen im innerkantonalen Vergleich mit Abstand am höchsten. Im November betrug die Arbeitslosenquote dort 4,7 Prozent. Wäre die Gegend um Biel ein Kanton, gehörte er zusammen mit Neuenburg, Genf und der Waadt zu jenen mit der höchsten Arbeitslosigkeit. Im Raum Biel entspreche das Angebot an Arbeitskräften oft nicht der Nachfrage, sagt Gilgen vom Beco. Die Uhren-, Maschinen- und Metallindustrie suche spezialisierte und gut ausgebildete Leute. Der Grossteil der bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) eingetragenen Leute erfülle diese Anforderungen aber nicht. «Es gibt im Raum Biel eine Gruppe von Leuten, bei denen wir Schwierigkeiten haben, sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren», sagt Gilgen. Dabei handle es sich einerseits um Ausländer mit unzureichender Ausbildung und geringen Sprachkenntnissen, andererseits um Schweizer, die sehr lange im selben Betrieb tätig gewesen seien und sich nicht weitergebildet hätten.
  • Wenig Arbeitslose im Simmental: Die derzeit tiefsten Arbeitslosenquoten weisen mit je 2,1 Prozent die Verwaltungskreise Obersimmental-Saanen und Frutigen-Niedersimmental aus. Und das obwohl im Tourismus derzeit Zwischensaison ist und die Arbeitslosigkeit im Gastgewerbe angestiegen ist. Während der Tourismus-Hauptsaison sei die Arbeitslosigkeit in diesen Regionen und im Raum Interlaken-Oberhasli extrem tief, sagt Gilgen. Damit gilt der Stadt-Land-Graben nicht nur gesamtschweizerisch – Obwalden hat von allen Kantonen die tiefste Arbeitslosenquote –, sondern auch für den Kanton Bern. Manche erklären diese Diskrepanz mit der Scham, in kleinen Gemeinden, in denen man einander kennt, Hilfe einzufordern. Doch dieses Argument zählt laut Gilgen heute nicht mehr: «Heute gibt es nicht mehr diese Stigmatisierung wie vielleicht noch vor zwanzig Jahren.» Die allermeisten, die Anspruch auf Arbeitslosengelder hätten, würden diese auch beziehen. Er glaubt vielmehr, dass die tiefe Arbeitslosigkeit mit den vielen kleinen Gewerbebetrieben zusammenhänge, die die Leute auch bei Problemen «nicht sofort» entliessen.
  • Wenig ältere Arbeitslose: Arbeitslosigkeit sei gerade bei älteren Personen zunehmend ein Problem, heisst es etwa von Gewerkschaftsseite immer wieder. Für den Kanton Bern gilt dies nur bedingt: Die Quote der Arbeitslosen bei den über 50-Jährigen ist mit 2,4 Prozent gering. Sie liegt wie die allgemeine Arbeitslosenquote einen halben Prozentpunkt unter dem gesamtschweizerischen Wert. Allerdings dauert es bei älteren Arbeitslosen schweizweit und im Kanton Bern häufig länger, bis sie wieder einen Job gefunden haben. Bei den Unternehmen gebe es eine «gewisse Zurückhaltung», ältere Leute zum Bewerbungsgespräch einzuladen, sagt Gilgen. Dies liege an den höheren Löhnen und Beiträgen für die berufliche Vorsorge. Viele ältere Arbeitslose sagten ihm, sie hätten nicht mehr so viele finanzielle Verpflichtungen und wären bereit, eine Lohneinbusse in Kauf zu nehmen, um eine Jobzusage zu erhalten. Da die Leute aber gar nicht erst eingeladen würden, käme es gar nicht zu diesen Gesprächen über den Lohn.
  • Viele aus Gesundheitswesen: Jeder zehnte Arbeitslose im Kanton Bern stammt aus dem Gesundheits- oder dem Sozialwesen. Damit sind diese beiden Branchen für die viertgrösste Anzahl an Arbeitslosen im Kanton Bern verantwortlich, nach dem Handel, dem Gast- und dem Baugewerbe. Das ist ungewöhnlich: Schweizweit ist der Anteil der Arbeitslosen in diesen Branchen tiefer, zudem wird oft geklagt, im Gesundheitswesen gebe es einen Fachkräftemangel. Über die Gründe für die hohe Anzahl an Arbeitslosen im Gesundheits- und Sozialwesen ist wenig bekannt. Gilgen sagt, es liege möglicherweise an der hohen Fluktuation in diesen Bereichen. Zudem gebe es in diesen Branchen im Kanton Bern schlicht viele Arbeitsplätze. So ist beispielsweise das Inselspital der achtgrösste Arbeitgeber im Kanton Bern, noch vor der Swisscom. Bei einer hohen Fluktuation kämen so schnell viele kurzfristig Arbeitslose zusammen, die aber meist auch schnell wieder eine Stelle fänden, sagt Gilgen.
(Der Bund)

Erstellt: 10.12.2016, 08:08 Uhr

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