Romands fordern mehr vom Staat
Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 16.12.2011 36 Kommentare
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Hinweis zur Methodik
Die Autoren haben bei ihrer Untersuchung andere mögliche Einflussfaktoren ausgeschlossen. So etwa die Möglichkeit, dass auf der lateinischen Seite der Grenze weniger enge soziale Beziehungen bestehen, was ebenfalls den Wunsch nach mehr Sozialstaat begründen könnte. Auch die Konfession als Einflussfaktor wurde ausgeschlossen.
Eine Rolle spielen hingegen die Medien: Sie vertreten innerhalb der beiden Sprachgruppen ebenfalls eine unterschiedliche Haltung und «verstärken» so die kulturellen Unterschiede.
«Der Mangel an medialem Austausch zwischen den Sprachgruppen zu wichtigen politischen Themen (...) erklärt möglicherweise, warum sich die Einstellungen der verschiedenen sozialen Gruppen nicht angleichen – obwohl sie unter denselben institutionellen Bedingungen leben», kommen die Autoren zum Schluss.
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Die Zugehörigkeit zu einer Sprachgruppe entscheidet in bedeutendem Masse mit, ob ein Mensch für oder gegen mehr staatliche Umverteilung ist: Romands, Tessiner und Rätoromanen haben deutlich höhere Ansprüche an den Sozialstaat als Deutschschweizer. Das haben vier Ökonomen der Universitäten Lausanne und Zürich nachgewiesen, indem sie Umfrageergebnisse und Abstimmungsresultate direkt entlang der Sprachgrenze verglichen.
So stimmen 69 Prozent der Romands, Tessiner und Rätoromanen der Aussage zu, der Staat müsse Einkommensunterschiede reduzieren. Bei den Deutschschweizern sind es 46 Prozent. Der Staat müsse für Arbeitsstellen für alle sorgen, finden 64 Prozent der Lateiner – und 51 Prozent der Deutschschweizer. Und er müsse mehr für Sozialversicherungen ausgeben, auch wenn dies zu höheren Steuern führe: 45 Prozent der Lateiner, 37 Prozent der Deutschschweizer. Das ist der Röstigraben in Zahlen.
Schweiz bietet einzigartige Ausgangslage
«Dass die Kultur stark beeinflusst, wie wir denken, ist mittlerweile allgemeingültig», sagt Co-Autorin Beatrix Eugster – die Herausforderung sei, den Einfluss genau festzumachen. Die Schweiz bietet hier eine einzigartige Ausgangslage: Weil in den Röstigraben-Kantonen die politischen, juristischen und soziologischen Rahmenbedingungen sehr ähnlich sind, lässt sich hier besonders gut ablesen, welchen Einfluss die Zugehörigkeit zu einer Sprachgruppe hat. «Das ist in Belgien, das ja auch mehrsprachig ist, beispielsweise nicht möglich: Dort ist auch die Politik in den Sprachregionen verschieden», so Eugster.
Auf die Idee zur Studie kamen die Autoren nach einem ersten Paper, das einen Einfluss der Sprachzugehörigkeit auf die Dauer der Arbeitslosigkeit nachwies: Romands sind durchschnittlich bis zu sieben Wochen länger arbeitslos als Deutschschweizer. Die Reaktionen auf die Studien seien «sehr positiv», sagt Eugster – möglicherweise auch deshalb, weil Ökonomen von beiden Teilen des Röstigrabens mitgearbeitet haben.
Schwacher Glauben an eine gerechte Welt
Für den jetzt schon zweimal nachgewiesenen Mentalitätsunterschied haben die Ökonomen eine mögliche Erklärung. Bereits in früheren Studien zeigte sich, dass der Glauben an eine gerechte Welt – also die Überzeugung, dass harte Arbeit auch fair bezahlt wird – entscheidend ist für den Wunsch nach Umverteilung. «Wer nicht an eine ‹gerechte Welt› glaubt, wird eher Umverteilung und Sozialversicherungen nachfragen», so die Autoren mit Verweis auf frühere Studien. So erkläre sich auch die Skepsis gegenüber dem Sozialstaat im Land des American Dream gegenüber der Haltung in Europa.
Der Zusammenhang gilt offenbar auch für die Schweiz, wie die Autoren aufzeigen. Der Aussage «Erfolg ist ein Ergebnis von harter Arbeit» stimmen deutlich mehr Deutschschweizer zu als Romands oder Tessiner. Diese finden dafür: «Erfolg ist das Ergebnis von Glück und guten Beziehungen.» Ihr Glauben an eine «gerechte Welt» ist also schwächer ausgeprägt – und die Nachfrage nach dem Sozialstaat stärker. Worin der stärkere Fatalismus der Lateiner wurzelt, haben die Autoren nicht untersucht. Einen möglichen Grund sehen sie darin, «dass die lateinische Schweiz seit Jahrhunderten eine Minderheit ist, die von den Eliten in Bern und der Aristokratie in Fribourg kontrolliert wurde».
Für die Politik in einem mehrsprachigen Staatsgebilde – ob es nun ein Bundesstaat sei oder ein lockerer Verbund – kann die Studie eine wichtige Inspiration sein, wie auch Co-Autorin Eugster sagt. «Sie zeigt einmal mehr, wie wichtig föderalistische Strukturen sind.» Weil Angehörige verschiedener Sprachgruppen tendenziell unterschiedliche Bedürfnisse hätten, sei es wichtig, dass sie viel selber bestimmen könnten. «Das beugt Unzufriedenheit vor.»
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 16.12.2011, 14:02 Uhr
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36 Kommentare
umverteilung ist eine bodenlose frechheit. wieso soll ein engagierter mensch, dessen einkommen und vermögen im laufe seines lebens dank grösserem einsatz, risiko und engagement gegenüber demjenigen von faulpelzen logischerweise immer grösser wird, diesem geld überlassen? abzocker mal ausgenommen, gibt es dafür nicht den geringsten grund. das animiert ja zum nichtstun, und wenn alle nichts tun?? Antworten
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