Wirtschaft

Lausanne statt London: Das «WEF der Rohstoffbranche» am Genfersee

Von Andreas Flütsch. Aktualisiert am 24.04.2012 9 Kommentare

Die Schweiz ist als Handelsplatz für Rohstoffe so wichtig geworden, dass die «Financial Times» den Weltgipfel der Rohstoffhändler am Genfersee veranstaltet. Kritiker wie die Erklärung von Bern fordern von der lukrativen Branche mehr Transparenz.

1/3 Gefördert und verarbeitet wird der kostbare Stoff in der ganzen Welt, gehandelt auch am Genfersee: Eine Erdölraffinerie im spanischen Tarragona.
Bild: Manu Fernandez/Keystone

   

Rohstoffmarkt nach Marktanteilen (Bild: TA-Grafik ek / Quelle: GTSA, Unctad 2010b)

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Gestern Abend startete im Lausanner Grandhotel Beau-Rivage Palace mit einem Empfang das Gipfeltreffen der Rohstoffhändler. Zwei Tage lang diskutieren 300 Chefs, Manager und Spezialisten von Rohstofffirmen und Handelsfinanzierern aus aller Welt über die Entwicklungstrends der Branche. Aber warum treffen sich die Top Shots nicht in London, Europas Businesshauptstadt?

Die «schöne Umgebung am Genfersee» sei auch ein Argument gewesen, warum die «Financial Times» ihren ersten Rohstoffgipfel dort veranstalte. Der Hauptgrund, warum Lausanne London ausgestochen hat, sei aber ein anderer: «Wir haben Lausanne ausgewählt, weil Genf die Welthauptstadt im Rohstoffhandel ist und eine Drehscheibe der Branche», sagte Paul Edge, Mitorganisator der Konferenz, gestern dem TA.

Trafigura und Vitol verschoben Mitarbeiter von London nach Genf

Im Ölhandel, der rund die Hälfte des internationalen Handels mit Rohstoffen abdeckt, hat Genf die britische Hauptstadt überflügelt. Laut der Genfer Branchenorganisation GTSA hat die Rhonestadt London bereit 2009 eingeholt, als die beiden Erzrivalen je rund ein Drittel des jährlichen Handelsvolumens mit Erdöl und Ölprodukten von 2,1 Milliarden Tonnen umsetzten.

Seither hat Genf tüchtig zugelegt. Trafigura, global der drittgrösste unabhängige Ölhändler, und Vitol, weltgrösster privater Energiehändler, verschoben Teams von London nach Genf. Zudem gründeten die russischen Ölfirmen Rosneft und TKN-BP in Genf Handelsplätze. Und Bashneft, eine weitere russische Ölfirma, handelt Öl von Zürich-Nord aus.

Genfersee wird zum Ölzentrum

Öl ist der grösste Umsatzträger. Die Region Genf dominiert indes auch den Welthandel mit Agrarrohstoffen wie Baumwolle – wo sie gleichauf mit London ist –, mit Getreide, Ölsaaten, Kaffee und Zucker. Genf hilft zudem sein integriertes Geschäftsmodell, es ist in der Finanzierung und in der Wareninspektion mit SGS und anderen ebenfalls weltweit die Nummer eins.

Am Genfersee sind über 500 Rohstofffirmen aktiv, 2006 waren es 200. Die 8000 Beschäftigten erhalten jährlich zwischen 850 Millionen und 1 Milliarde Franken Salär, das Lohnniveau liegt ein Sechstel über dem Niveau der Genfer Banken. Der Stadtkanton nimmt 300 Millionen Franken Steuern ein.

Winterthur im Kaffeegeschäft

Das zweite grosse Handelszentrum ist die Region Zug mit Glencore, dem weltgrössten Rohwarenhändler, und dem Bergbaukonzern Xstrata an der Spitze. Gelingt die geplante Fusion der beiden börsenkotierten Rohstoffkonzerne, handeln sie 3 Prozent des Erdölbedarfs weltweit. «Glenstrata» würde zudem global ein Drittel der Kohle und 15 Prozent des Zinks fördern, aber auch im Kupfergeschäft zu den ganz Grossen zählen und würde im Segment Agrarrohstoffe ebenfalls in der Topliga spielen. Kleinere Rohhandelszentren sind in Lugano und Luzern entstanden. Und Volcafé in Winterthur handelt rund 10 Prozent des Kaffees weltweit.

Am Lausanner Gipfel dominieren Platzhirsche wie Trafigura, Glencore, Gunvor, Mercuria, Vitol und Total, aber auch ausländische Rohstoffriesen wie BHP Billiton und Rio Tinto sind dabei. Die publikumsscheue Branche ist wenig transparent. Mit ein Grund, warum die Erklärung von Bern (EvB) sich in Lausanne unter die Rohwarenhändler mischt. «Das WEF der Rohstoffbranche ist eine gute Gelegenheit, unsere Anliegen einzubringen», sagt Oliver Classen, Sprecher der Drittweltorganisation. In einem ersten Schritt brauche es mehr Transparenz. «Eine detaillierte Offenlegung aller ihrer Zahlungen für Ölkäufe an alle staatlichen Stellen, inklusive staatlicher Ölgesellschaften» sei die Hauptforderung, sagt Classen. Mehr Offenheit fordert auch die von der Branche gestützte Offenlegungsinitiative Extraktiver Industrien (EITI). Sie konzentrierte sich bisher auf Zahlungen an Regierungen, will nun aber auch im Rohstoffhandel mehr Transparenz.

Bund soll stärker regulieren

Ein gestern veröffentlichter Länderreport der US-Organisation Revenue Watch, mit der die EvB zusammenarbeitet, dokumentiert laut Classen, welche Gefahr unabhängige Ölhändler für rohstoffreiche Entwicklungsländer darstellten: «Der Bundesrat braucht dringend eine klare Strategie, um die risikoreiche Rohstoffbranche zu regulieren.» Unternehme die Schweiz als Sitzstaat nichts, könnte sie mit dem steuerlich privilegierten Rohstoffgeschäft ähnliche Probleme bekommen wie mit den ausländischen Schwarzgeldern der Banken.

Das Interesse beim Bund, die Branche stärker zu regulieren, scheint indes gering zu sein. Ein Vertreter des Finanzdepartements redet eine halbe Stunde vor Konferenzschluss darüber, wie der Branche in der Schweiz eine gedeihliche Zukunft gesichert werden soll. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.04.2012, 21:58 Uhr

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9 Kommentare

Ursi Brock

24.04.2012, 08:30 Uhr
Melden 22 Empfehlung 1

...und das meiste davon wird von einer Handvoll Investoren und Familen kontrolliert... soviel zur Freiheit, zur Mitsprache, zur Kontrolle, zur Verteilung. Claims sind gesteckt und werden auch mit Gewalt verteidigt. Monopolartige Strukturen ohne weitere Demokratische noch Zivilgesellschaftliche Legitimation. Die Rechte sind hier einseitig verteilt bzw. genommen worden... Antworten


daniel zurbriggen

24.04.2012, 08:10 Uhr
Melden 19 Empfehlung 1

"schöner genfersee" sicher schöner als die orte wo rohstoffe gefördert werden und wenn ausgebeutet, zerstört und im elend zurück gelassen werden. der wahre grund dieses parasitengipfels dürfte doch eher der sein das man sich vor ort informiert wie sicher die ch noch punkto schwarzgeld und pauschalsteuern ist. umweltschutz, nachhaltigkeit gerechtigkeit diese worte werden nicht fallen. Antworten



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