Wirtschaft
«Psychologische Schwerstarbeit» – Mario Draghi über die Geldpolitik der EZB
Aktualisiert am 06.07.2012 28 Kommentare
(DerBund.ch/Newsnet)
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Zusammenfassung
Senkung des Leitzinses auf historische 0,75 Prozent
Das Geld im Euro-Raum ist so billig wie nie – zumindest für Banken: Im Kampf gegen Schuldenkrise und Konjunkturflaute hat sich die Europäische Zentralbank (EZB) zu einer historischen Zinssenkung durchgerungen.
Der Rat der EZB senkte den Leitzins für die Währungsunion von 1,0 auf 0,75 Prozent. Damit liegt der Leitzins erstmals seit der Einführung des Euro 1999 unter einem Prozent.
EZB-Präsident Mario Draghi begründete die an den Börsen weithin erwartete Zinssenkung mit der schwachen konjunkturellen Verfassung zahlreicher Länder in der Euro-Zone. Zugleich sei die Teuerung in den Mitgliedsländern in jüngster Zeit auf dem Rückmarsch und dürfte spätestens 2013 die von der EZB angepeilte Marke von knapp zwei Prozent unterschreiten.
Einstimmiger Entscheid
«Das Wirtschaftswachstum bleibt weiterhin schwach und die erhöhte Unsicherheit belastet das Vertrauen», sagte Draghi. Entsprechend sei der Entscheid im EZB-Rat «einstimmig in jeder Hinsicht» gefallen, sagte der Italiener. Der seit seinem Amtsantritt im vergangenen November hat Draghi die Zinsen damit bereits drei Mal gesenkt und gut eine Billion Euro in den Finanzsektor gepumpt hat.
Die Konjunktur zusätzlich anschieben wollen die Währungshüter mit einer weiteren Massnahme: Der EZB-Rat senkte auch den so genannten Einlagezinssatz, den Zins, den Banken von der EZB gutgeschrieben bekommen, wenn sie Geld bei ihr parken.
Der Einlagezins liegt neu erstmals bei 0,00 Prozent, zuvor waren es 0,25 Prozent gewesen. Damit lohnt es sich für Banken überhaupt nicht mehr, Milliarden kurzfristig bei der Notenbank zu parken.
Geduld notwendig
Die Währungshüter erhoffen sich von dem Entscheid, dass die billigen Zentralbank-Milliarden bei Unternehmen und Konsumenten ankommen und so für Investitionen und Konsum sorgen. Zuletzt parkten die nach wie vor verunsicherten Finanzinstitute lieber gigantische Summen bei der EZB.
Es brauche Zeit, bis die Billionen, die sich Banken von der EZB borgten, in der Wirtschaft ankämen, sagte Draghi. «Der Umfang und die Komplexität der Geschäfte sind so gross, dass man nicht mit einer unmittelbaren Reaktion rechnen kann.»
Auch für kurzfristigen Kredit von der Notenbank müssen die Banken künftig weniger zahlen: Die EZB senkte den entsprechenden Zinssatz von 1,75 auf 1,5 Prozent.
Aufruf an die Politik
Draghi versicherte, die Notenbank sei bereit, bei möglichen Eingriffen der Euro-Rettungsfonds zugunsten strauchelnder Staaten und maroder Banken mit der Politik zusammenzuarbeiten. Er betonte aber zugleich: «Solide Staatsfinanzen und Strukturreformen für mehr Wettbewerbsfähigkeit bleiben vorrangig.»
Nach dem Willen der Euro-Staats- und Regierungschefs soll die EZB bald auch bei der Bankenaufsicht eine zentrale Rolle spielen. Den auf dem Euro-Gipfel beschlossenen Einstieg in eine Bankenunion begrüsste Draghi. Er lobte auch den Euro-Gipfel: «Die politische Führung hat deutlich gemacht, dass die Währungsunion geschaffen wurde, um zu bestehen.»
Börsen enttäuscht
Unmittelbar nach Bekanntwerden des Votums der Währungshüter fiel der Euro um gut einen halben Cent unter die Marke von 1,25 Dollar. Noch während der Medienkonferenz mit Draghi gab der Kurs der Gemeinschaftswährung dann nochmals um rund einen Cent auf Werte um 1,24 Dollar nach. Der Wechselkurs des Euro zum Franken veränderte sich nur unwesentlich.
An den Aktienmärkten reagierten die Anleger enttäuscht, die europäischen Indizes gaben nach. Analysten und Ökonomen versuchten die Ernüchterung an den Märkten mit der begrenzten Wirkung der Zinssenkung und dem negativen Konjunkturausblick Draghis zu erklären. (sda) -
Schluss der Medienkonferenz
Damit beschliessen wir die Berichterstattung. Eine Zusammenfassung der Ereignisse folgt in Kürze.
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Mehr Geld für EZB
Um die anstehenden Aufgaben zu bewältigen, werde die EZB wohl mehr Mittel brauchen, sagt Draghi. Der EZB-Präsident nimmt damit Bezug auf die verstärkte Aufsichtsrolle, welche die europäischen Staatschefs für die Zentralbank an ihrem letzten Gipfel angedacht haben. Die EZB soll unter anderem bei der operativen Umsetzung der ESM-Kredite und -Anleihenkäufe mithelfen.
Zuletzt gelangten Berichte in die Medien, wonach Mitarbeiter der EZB vermehrt an Burn-out-Symptomen leiden würden. Nach Draghis Gesichtsausdruck zu urteilen, dürften diese Gerüchte nicht ganz haltlos sein. Die derzeitigen Aufgaben der EZB seien psychologische Schwerstarbeit, so Draghi. -
Libor-Affäre
Was er zur Libor-Affäre sage, will eine Journalistin von Draghi wissen. Der EZB-Präsident antwortet, offensichtlich sei die Führung der betreffenden Banken zum Zeitpunkt sehr schwach gewesen. Über die Rolle der Bank of England werde wohl bald Klarheit herrschen. «Die EZB hätte das hoffentlich besser gemacht», fügt Draghi mit einem Schmunzeln hinzu.
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Genügend Liquidität
«Solvente Banken erhalten alle Liquidität, die sie benötigen», sagt Draghi den anwesenden Journalisten. In manchen Ländern sei der Liquiditätsmangel grösser als in anderen, so der EZB-Präsident. Wie solvente Banken genau von insolventen Instituten abgegrenzt werden, darauf geht Draghi nicht ein.
Ob Banken mit den tiefen Zinssätzen nun nicht einfach eine höhere Marge erzielen könnten, will ein Journalist wissen. Draghi antwortet, dass dieser Aspekt bei geldpolitischen Entscheiden immer berücksichtigt werden müsse – nicht nur in der aktuellen Lage. Die Marge sei nicht nur abhängig von den Leitzinsen, sondern auch von der Nachfrage nach Krediten aus der Wirtschaft. Diese sei aktuell sehr niedrig, so Draghi.
Eine Liquiditätsfalle im eigentlichen Sinn gebe es aber nicht. Ob die EZB auch Negativzinsen für ihre Einlagefazilität in Betracht ziehe, will ein Journalist wissen. Draghi verneint. -
Ernst der Lage
«Wir sind weit entfernt von 2008», sagt Draghi auf die Frage einer Journalistin, wie schlimm die aktuelle Wirtschaftslage in Europa wirklich sei. Es gebe Anzeichen für eine langsame Erholung, dazu seien die Realzinsen bereits negativ. Das Basisszenario der EZB laute immer noch, dass sich die Stimmung mittelfristig aufhellen werde. Die globale Nachfrage werde eine graduelle Erholung der Konjunktur in Europa unterstützen.
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Einstimmigkeit
Der Entscheid zur Zinssenkung sei einstimmig gefällt worden, sagt Draghi. Es habe keine abweichende Meinung gegeben, der EZB-Rat sei sich «in jeder Hinsicht» einig. Dies allein wertet Draghi als Zeichen für die Stärke und Richtigkeit der Zinssenkungen.
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Draghi zur Eurozone
Die europäischen Institutionen müssten an demokratischer Legitimität gewinnen, sagt Draghi. Über die Rolle, welche die EZB spielen kann, sagt der EZB-Präsident: Man habe schon viel getan, um den Zugang von Banken zu Liquidität zu erleichtern.
Besonders für diejenigen Banken, die kleine und mittelgrosse Unternehmen mit Geld versorgen, sei gesorgt worden. Draghi hebt die Wichtigkeit von erleichterten Kollateralanforderungen zur Bekämpfung der Kreditklemme in manchen Ländern hervor. -
Euro auf Tauchstation
Der Euro fällt weiter. Aktuell steht die Einheitswährung bei 1.2395 US-Dollar (14.50 Uhr).
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Koordination mit Bank of England
Draghi betont, dass die heutigen Massnahmen nicht in Absprache mit der gleichzeitigen Ausweitung des Quantitative-Easing-Programms der Bank of England erfolgten.
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Banken pumpen kein Geld in die Wirtschaft
Ob der EZB-Präsident frustriert sei, dass die Banken noch immer zu wenig Geld in die Wirtschaft leiten und deshalb den Zinssatz auf Bankeinlagen bei der EZB auf null senkte, fragt eine Journalistin.
Draghi gibt eine theoretische Antwort. Es gebe drei Gründe, warum der Fluss von Krediten ins Stocken geraten sei: Risikoaversion, Kapitalmangel und Liquiditätsmangel. Die EZB erfülle ihren Part, indem sie den dritten Faktor eliminiere. Die Wirtschaft und der Kreditfluss seien stark nachfragegetrieben, so Draghi. Weitere Konklusionen lässt Draghi im Raum stehen. -
Mario Draghi
Der EZB-Präsident ist soeben vor die Medien getreten. Draghi betont die grosse konjunkturelle Unsicherheit im Euroraum – und zwar im gesamten Euroraum, nicht nur in den Krisenländern. Bezüglich der Wachstumsaussichten habe sich seit der letzten Konferenz im Juni nichts geändert. Die Inflationsrisiken seien demgegenüber ausgewogen, auch über die mittlere Frist.
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Krisenbonds leiden weiter
Nach dem Entscheid der EZB gingen die Renditen auf Staatsanleihen leicht zurück. 10-jährige italienische Papiere notierten um 14.28 Uhr bei 5,70 Prozent (5,74 zu Handelsbeginn). Spanische Anleihen notierten bei 6,40 Prozent (6,34 zu Handelsbeginn).
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Einschätzung
«Auf den Leitzins kommt es im Moment nicht unbedingt an», äussert sich der Chefökonom von Société Générale, James Nixon, gegenüber «Bloomberg». Trotzdem könnte die Zinssenkung laut dem Ökonomen dazu beitragen, dass sich die Lage im europäischen Bankensektor etwas entspannt und die Institute in Krisenländern die Wirtschaft mit genug Krediten versorgen können.
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Ein erwarteter Schritt
Die Leitzinssenkung war im Vorfeld von einer Mehrzahl der Analysten erwartet worden. Von 64 Finanzfachleuten, welche die Agentur Bloomberg befragte, äusserten sich 49 entsprechend.
Noch an der letzten Sitzung im Juni hatte sich EZB-Präsident Mario Draghi vorsichtig geäussert, was eine weitere geldpolitische Lockerung anbelangt. Die Politik müsse die Eurokrise selbst lösen, hiess damals die Devise.
Trotzdem hatte sich schon damals eine Minderheit im EZB-Rat für eine Zinssenkung ausgesprochen. In der Zwischenzeit haben sich die Wirtschaftsaussichten im Euroraum weiter verschlechtert. Der Entscheid dürfte nicht zuletzt darauf zurückzuführen sein. -
Euro gibt nach
Unmittelbar nach dem Entscheid der EZB gibt der Euro deutlich nach. Aktuell (14.03 Uhr) notiert die Einheitswährung bei 1.2441 US-Dollar. Unmittelbar vor Bekanntgabe des Entscheids wurde der Euro zu 1.2510 gehandelt.
Gegenüber dem Schweizer Franken steht der Euro bei 1.2014. -
Zinsentscheide
Die Europäische Zentralbank senkt zum ersten Mal seit der Einführung des Euro den Leitzins unter den Wert von 1 Prozent.
An seiner heutigen Sitzung beschloss der Rat, den sogenannten Hauptrefinanzierungssatz (d. h. der Zinssatz zu dem Geschäftsbanken zeitlich begrenzt notenbankfähige Sicherheiten in Zentralbankgeld umtauschen) um 25 Basispunkte auf den Wert von 0,75 Prozent zu senken. Ein Basispunkt entspricht einem Hundertstel Prozent.
Auch den Zins auf die Spitzenrefinanzierungsfazilität (d. h. die Möglichkeit für Geschäftsbanken im Euroraum, sich über Nacht Geld bei der Europäischen Zentralbank zu beschaffen) senkte die EZB um 25 Basispunkte auf 1,5 Prozent.
Der Einlagesatz für Banken (d. h. der Zins, den Geschäftsbanken im Euroraum erhalten, wenn sie kurzfristig nicht benötigtes Geld bei der EZB anlegen), liegt nach dem heutigen Entscheid um 25 Basispunkte tiefer bei 0,00 Prozent.
Die neuen Sätze gelten ab dem 11. Juli 2012. -
Bank of England
Wie soeben bekannt wurde, weitet die englische Notenbank ihr Programm zum Kauf von Wertpapieren auf 375 Milliarden Pfund aus. Der Leitzins bleibt unverändert bei 0,5 Prozent.
Lesen Sie mehr dazu in diesem Artikel. -
Ausgangslage
Die Notenbanker werden im Zuge der Schuldenkrise und Wirtschaftsflaute voraussichtlich beschliessen, den Leitzins zum ersten Mal seit der Gründung der Währungsunion unter den Wert von einem Prozent zu senken – vermutlich auf 0,75 Prozent, eventuell sogar noch einen Tick tiefer.
Auch eine Absenkung des Einlagesatzes, den Banken von der EZB bekommen, wenn sie Geld bei ihr parken, auf null oder knapp über null Prozent ist im Bereich des Möglichen. Freilich: Es besteht auch die Chance, dass der Zins unangetastet bei einem Prozent bleibt – trotz aller Hinweise und einer recht eindeutigen Äusserung des EZB- Chefökonomen Peter Praet in der vergangenen Woche.
Zusätzliche Liquiditätsspritzen
Wie auch immer die 17 nationalen Notenbankgouverneure der Euroländer und das aktuell nur aus fünf statt sechs Personen bestehende Direktorium der Zentralbank entscheiden: EZB-Präsident Mario Draghi wird die Gründe für den Beschluss am Nachmittag wie gewohnt vor der Presse erläutern.
Die Beobachter werden genauestens darauf achten, ob Draghi Hinweise auf weitere Massnahmen gegen die Schuldenkrise gibt, die in den nächsten Monaten folgen könnten. Denkbar sind zum Beispiel zusätzliche Liquiditätsspritzen für die Banken.
Erstellt: 05.07.2012, 11:53 Uhr
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28 Kommentare
Genau, die Banken holen sich das Geld für unter 1 % und legen es in Staatsanleihen mit 2-13% Rendite an. Was soviel bedeutet, dass man den Banken hunterte von Millionen schenkt und die Stuerzahler dafür aufkommen. So sind die Bonis auch wieder gesichert... Antworten
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