Pragmatiker gegen Puristen

Es gibt jetzt zwei Versionen der Plattform Ethereum – mit zwei Formen der digitalen Währung Ether. Es ist offen, welche sich am Ende durchsetzt.

Kämpft für die neue Währung: Ethereum-Gründer Vitali Buterin. Foto: Getty Images

Kämpft für die neue Währung: Ethereum-Gründer Vitali Buterin. Foto: Getty Images

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Digitale Währungen haben eine gewisse Ähnlichkeit mit Kirchen und politischen Parteien. Ihre Stärke hängt ab von der Bewegung, die hinter ihnen steht. Und sie sind anfällig für Spaltungen. Im Fall von Ethereum war ein Hackerangriff im Juni der Auslöser. Dessen Hintermänner nutzten einen Programmierfehler in einem digitalen Anlagevehikel namens Dao und zweigten Anteile im Wert von rund 60 Millionen Dollar ab.

Nach dem ersten Schock war klar, dass einzig ein massiver Eingriff in den Programmcode der Plattform Ethe­reum, auf der Dao basiert, verhindern konnte, dass die Hacker besagte Millionen in dunklen Kanälen verschwinden liessen. Realisiert wurde die Rettungsaktion über ein Update der Software von Ethereum – ähnlich wie die Erneuerung von Betriebssystemen wie Windows, Apple oder Linux.

Am 20. Juli wurde das Update von Ethe­reum vollzogen. Mit dem Effekt, dass es seither zwei Versionen von Ethe­reum gibt, die bis auf einen Punkt identisch sind: die alte Version mit dem Programmierfehler – und die neue Version ohne ihn. Normalerweise ist das kein Problem; die alte Version versinkt rasch in Bedeutungslosigkeit, da die Bewegung nur noch die neue Version unterstützt.

Zugriff auf Währung verweigert

Das Update machte den Diebstahl von Dao-Anteilen rückgängig: Die Transaktionen der Hacker kommen in der neuen Version der digitalen Buchhaltung von Ethereum nicht mehr vor. Den Tätern wurde faktisch der Zugriff auf die geklauten Millionen mit ein paar Änderungen im Programmcode verunmöglicht.

Aber die Rettungsübung provozierte auch die Spaltung der Bewegung in zwei Lager – die Puristen und die Pragmatiker. Auf der einen Seite stehen die Puristen, für die nachträgliche Annullationen von Transaktionen, die bloss eine Lücke im System ausnützen, einem Sakrileg gleichkommt. Damit werde ein heikles Präjudiz geschaffen, um künftig nachträgliche Änderungen in der Buchhaltung von Ethereum zu rechtfertigen.

Von 14.75 auf 7.81 Dollar

Diese Unzufriedenen sorgten nur Tage nach dem Update für eine Überraschung mit ihrer Ankündigung, sie wollten die alte Plattform weiterführen. Als erste Grosshändler von Digitalwährungen wie Kraken und Poloniex begannen, mit der alten Version von Ethereum zu handeln, hob der Ethereum Classic (ETC) ab und kletterte bis Mittwoch auf ein Hoch von über 3 Dollar. Die von den Pragmatikern rund um Ethereum-Gründer Vitali Buterin unterstützte neue Version von Ethereum (ETH) legte nach der Zweiteilung bis auf 14.75 Dollar zu, verlor darauf aber fast die Hälfte ihres Wertes; am Mittwoch war mit 7.81 Dollar ein Tiefpunkt erreicht.

Am Donnerstag bahnte sich eine Trendwende an. Der alten Version Ethereum Classic fiel über 20 Prozent, ein ETC wurde zeitweise für 2.10 Dollar gehandelt. Die neue Plattform von Ethe­reum erholte sich gestern zweistellig, ein ETH kam am Abend an die Marke von 11.40 Dollar heran. Hält dieser Trend länger an, dürfte dies das baldige Aus des ETC von Ethereum Classic bedeuten.

All jene Nutzer, die ihre Ether vor der Zweiteilung gekauft haben, können entspannt abwarten, welche Version sich durchsetzt. Denn seit der Zweiteilung sind sie Besitzer ihrer Ether auf der alten Plattform (ETC) – und jener in der neu geschaffenen Version (ETH). Salopp gesagt, für jede neue digitale Münze erhielten sie eine alte dazu. Für die Nutzer dürfte es finanziell ein Nullsummenspiel sein, sofern sich zwischen den Zwillingswährungen eine Balance einstellt. Oder wenn eine Version so viel an Wert verliert, dass sie aufgegeben wird.

Gründer lässt ETC fallen

Die neue Version von Ethereum dürfte indes die besseren Karten haben. Sie hat den Gründer Vitali Buterin und die einflussreiche Stiftung Ethereum mit Sitz in Baar ZG hinter sich – und das Gros der Entwickler, die für die Weiterentwicklung der Plattform sorgen. Zudem zählen derzeit über 80 Prozent der «Schürfer», die die Validierung von Transaktionen vornehmen und die aufwendige Schaffung neuer Ether besorgen, zum Lager der Pragmatiker.

Was ist, wenn die alte Version Ethereum Classic (ETC) sich wider Erwarten am Markt doch durchsetzt? «Ich arbeite zu 100 Prozent für ETH», antwortete Buterin diese Woche auf Twitter. Ändert sich seine Haltung, wenn Ethereum Classic die neue Version ETH gar überholt? «Auch dann werde ich ETC immer noch nicht unterstützen», doppelte der 22-Jährige nach. Ein starkes Signal an die Bewegung, sich hinter die neue Version ETH zu stellen. Er habe nichts gegen Ethe­reum Classic, betont Buterin. Er scheint zuversichtlich, dass der Markt sich für seine pragmatische Version ETH entscheidet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.08.2016, 01:08 Uhr

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