Wirtschaft

Simon Schmid
Reporter Wirtschaft


Olympische Zahlenspielereien

Aktualisiert am 13.07.2012 5 Kommentare

Roger Federer und Andy Murray auf gleicher Höhe – oder wie sich Goldmedaillen mittels Wirtschaftsdaten voraussagen lassen. Analysen zur Ökonomie der Olympischen Spiele.

1/4 Es könnten neun Medaillen werden für die Schweiz: Olympische Ringe vor dem Athletendorf.
Bild: Keystone

   

Zur Studie

Olympia ist Big Business – da scheint es nur logisch, dass sich auch Grossbanken intensiv mit den Spielen auseinandersetzen. Im Zusammenhang mit dem Sportanlass haben die Ökonomen von Goldman Sachs ihr Können aufblitzen lassen und kürzlich eine Studie veröffentlicht.

Von einer ökonometrischen Vorhersage des Medaillenspiegels bis zur volkswirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Rechnung der Spiele findet sich darin alles, was das Herz des ökonomisch versierten Sportfreundes begehrt.

Die Studie kann online unter diesem Link eingesehen werden: Goldman Sachs, «Olympics and Economics», Juli 2012.

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In welcher Sportdisziplin ist der Heimvorteil am grössten? Die Antwort von Goldman Sachs lautet: im Kunstturnen, beim Schwimmen und im Ringen. Wie die Forschungsabteilung der Grossbank in einer Studie berechnet hat, versprechen diese Sportarten den Ausrichternationen den höchsten Medaillenbonus. Ausgehend von sämtlichen Wettkämpfen seit den Spielen von Melbourne (1956) hat die Bank ein mathematisches Vorhersagemodell aufgestellt. Für Gastgeber Grossbritannien etwa spuckt es die Zahl von 65 Medaillen aus: ein Plus von 18 Medaillen gegenüber 2008.

Am geringsten ist der statistische Heimvorteil für Kanuten, Synchronschwimmer oder Triathleten. Gute Nachrichten für die Zürcher Triathletin Nicola Spirig: Die Mitfavoritin auf Olympiagold ist eine der Medaillenhoffnungen im Schweizer Olympiaaufgebot. Offiziell hat der Schweizer Verband das Ziel von acht bis zehn Medaillen ausgegeben – eine realistische Vorgabe, gemessen am Vorhersagemodell von Goldman Sachs. Der Prognose zufolge darf die Schweiz 2012 mit neun Medaillen rechnen. Es wären zwei Medaillen mehr, als eidgenössische Sportler vor vier Jahren in Peking holten.

Die Prognose zugunsten von Cancellara

Mit ihren acht Millionen Einwohnern ist die Schweiz global gesehen ein Winzling. Dass Schweizer Athleten an Olympia trotzdem eine Chance haben, liegt empirisch gesehen auch am Reichtum der Schweiz. Wirtschaftswachstum lohnt sich auch sportlich: Länder, deren BIP pro Kopf eine Standardabweichung über dem Durchschnitt liegt, verzeichnen statistisch ein Plus von 2 bis 5 Medaillen an jeder Olympiaaustragung. Die grössten Reichtumseffekte gibt es beim Judo, im Rudern und im Radfahren – statistisch spricht also alles dafür, dass Zeitfahrer Fabian Cancellara mit einer Goldmedaille aus London zurückkehren wird.

Brisant ist die Ausgangslage im Tennis: Roger Federers Reichtums- und Andy Murrays Heimvorteil wiegen sich im empirischen Modell von Goldman Sachs beinahe auf. Was die jeweiligen Zahlenwerte von 0,32 (Reichtum) und 0,37 (Gastgeber) genau bedeuten, ist etwas schwierig zu erklären. Doch sie liegen nahe beieinander: Freuen wir uns also auf ein spannendes Tennisturnier. Beruhigend aus Schweizer Sicht ist auch die Liste der Sportarten, in denen der Reichtum keine Rolle spielt. Zuoberst stehen Turmspringen, Fünfkampf, Gewichtheben und rhythmische Sportgymnastik.

Ein Boost für die Wirtschaft

Noch vor jedem sportlichen Grossanlass wurde die Streitfrage zum volkswirtschaftlichen Nutzen gestellt: Übersteigen die direkten und indirekten Einnahmen der Spiele die Kosten der Veranstaltung? In Bezug auf London 2012 beantworten die Ökonomen von Goldman Sachs die Frage folgendermassen: Von den Spielen dürfte gesamthaft ein Wachstumseffekt von 0,3 bis 0,4 Prozent auf Grossbritannien ausgehen. Die Zahl bezieht sich aufs Wachstum des BIP gegenüber dem Vorquartal, in Bezug auf das Vorjahresquartal liegt der Effekt bei 1,2 bis 1,6 Prozent.

Eine besondere Ausgangslage entsteht, weil England sich aktuell in der Rezession befindet. Das wirkt sich günstig auf die sogenannten Multiplikatoreffekte aus: Wenn nicht nur Baufirmen und Hoteliers, sondern indirekt die ganze Wirtschaft profitiert, so wird Olympia zum kleinen Konjunkturprogramm. Goldman Sachs schätzt den Nutzen der Spiele in London grösser ein als jenen der Spiele in Sydney, Athen oder Peking, weil die Wirtschaft der Gastländer zum jeweiligen Zeitpunkt bereits bis an die Kapazitätsgrenze ausgelastet war.

Gerade die Spiele von Sydney zeigen jedoch, wie stark sich Prognostiker auch täuschen können. Ging man im Jahr vor der Ausrichtung von einem Wachstumseffekt von 3,8 Milliarden Dollar beziehungsweise 0,9 Prozent für das BIP des Bundesstaats New South Wales aus, so mussten die Schätzungen im Nachhinein nach unten revidiert werden. Eine Studie der Universität Sydney bezifferte den volkswirtschaftlichen Verlust der Spiele zwischen 1998 und 2006 später auf zwei Milliarden australische Dollar.

Eine Hausse für Häuserpreise und Aktienmarkt

Bezüglich der Betriebsrechnung gibt die Geschichte ein durchzogenes Bild wieder. So schrieben die Organisatoren der Olympischen Spiele in München (1972) und Montreal (1976) bedeutende Verluste. In Los Angeles (1984), Barcelona (1992) und Atlanta (1996) schaute dagegen ein Gewinn heraus. Für die kommenden Spiele in London will sich Goldman Sachs nicht mit einer Prognose aufs Glatteis wagen. Als positive Nachricht wird dafür vermeldet, dass die Baukosten der Infrastruktur unter dem 2007 erstellten Budget zu liegen kamen. Verantwortlich dafür sind unter anderem die fallenden Preise seit der Wirtschafts- und Finanzkrise.

Eine verheissungsvolle Zeit versprechen die Spiele auch für britische Finanzanleger. Aus einer Analyse vergangener Zeitperioden zeigt Goldman Sachs, dass die Aktienmärkte sämtlicher Gastgeberländer in den 12 Folgemonaten nach den Spielen deutlich besser abschnitten als der MSCI World Index, der die Entwicklung der weltweiten Aktienmärkte wiedergibt. Das Gesetz hat ungeachtet der konjunkturellen Lage oder des Entwicklungsstands eines Gastgeberlandes Bestand, wie die Bankökonomen schreiben.

Doch nicht nur der Aktienmarkt profitiert: Auch das Wachstum der Häuserpreise einer Gaststadt verschnellert sich im Anschluss an Olympische Spiele durchschnittlich um ein Prozent pro Jahr. Sogar in Bezug auf die Währung stellen die Ökonomen einen Aufwertungseffekt fest. Natürlich sind all diese Vorhersagen mit Vorsicht zu geniessen. Doch geht es nach den Gesetzen der Statistik, so darf sich Grossbritannien im Sommer 2012 nicht nur auf einen Gold-, sondern auch auf einen Geldsegen freuen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.07.2012, 16:04 Uhr

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5 Kommentare

Leonardi Massimo

13.07.2012, 18:04 Uhr
Melden 14 Empfehlung 0

sind in diesen Analysen die "getürkten und gekauften" Athleten und Teams auch erfasst???? Antworten


Marcel Senn

13.07.2012, 17:38 Uhr
Melden 10 Empfehlung 0

Im Internet kursieren unzählige Verschwörungsprophezeihungen, die für die OS 2012 ein Terrorattentat mit zehntausenden von Toten voraussehen. Indem die Briten auf Wohnblöcken Flugabwehrraketen aufstellen und das Sicherheitsbudget über eine Milliarde beträgt, werden diese Voraussagen nicht gerade entkräftigt. Der olympische Geist sollte eigentlich Frieden bringen,aber vielleicht weiss GS dazu mehr? Antworten



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