Wirtschaft
Öl statt Aktien
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 02.04.2012 14 Kommentare
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Rekordhohe Ölpreise führen regelmässig zu einem Glaubenskrieg unter Ökonomen. Um diesen Streit zu verstehen, muss man eine wichtige Unterscheidung machen: Es gibt nicht einen, sondern zwei Ölmärkte, nämlich den Spot- und den Futuresmarkt. Am Spotmarkt wird zu einem aktuellen Tageskurs gehandelt, mit anderen Worten: Dort kauft man Öl ein wie Lebensmittel beim Detailhändler. Am Futuresmarkt hingegen treffen Käufer und Verkäufer Abkommen darüber, wie sie zu einem vereinbarten Zeitpunkt eine vereinbarte Menge Öl zu einem vereinbarten Preis austauschen wollen. Dazu benützen sie Futures genannte Derivate.
Spekulation in einem schädlichen Sinn, also das Ausnützen von Engpässen auf Kosten von anderen, könne nur am Spotmarkt erfolgen, sagt eine Gruppe von Ökonomen. Am Futuresmarkt hingegen würden die Spekulanten unter sich eine Art Pokerrunde austragen. Was der eine gewinne, verliere der andere. Das sei Kasino, dem Konsumenten könne dieses Nullsummenspiel egal sein.
Warum Krugman nicht recht hat
Der bekannteste Vertreter dieser Glaubensrichtung ist der Nobelpreisträger und «New York Times»-Kolumnist Paul Krugman. Er argumentiert wie folgt: Damit eine grosse Spekulationswelle die Preise treiben könnte, müsste Öl im grossen Stil gehortet werden. Das sei derzeit nicht der Fall, es gebe keine Anzeichen, dass Öl gehortet werde. Deshalb ist klar: Die Schwankungen des Ölpreises sind die Folgen von Angebot und Nachfrage. Konkret: Die Verunsicherung am Persischen Golf verknappt das Angebot. Andererseits erhöht die Dynamik der Schwellenländer die Nachfrage. Weil der Ölpreis unelastisch ist, will heissen auf Verknappung oder Überangebot rasch und heftig reagiert, sind die Märkte derzeit so volatil. Die Spekulanten hingegen haben keinen Einfluss auf die realen Preise.
Paul Krugman hat meistens recht, und auch diesmal stimmt seine Logik mit dem ökonomischen Lehrbuch überein – aber nicht mit der Realität. Diese These übersieht nämlich eine wichtige Entwicklung der letzten zehn Jahre: die «Finanzialisierung des Öls». Darunter versteht man die Tatsache, dass heute am Futuresmarkt sich nicht mehr Unternehmen und Händler gegen Preisschwankungen absichern oder Spekulanten gegeneinander zocken. Öl ist heute mehr als ein Rohstoff, es ist ein Vermögenswert geworden, vergleichbar mit einer Aktie oder einer Obligation. Das verändert das Verhältnis von Spot- und Futuresmarkt in verschiedenster Hinsicht.
Öl statt Aktien
Erstens ist der Handel mit Futures geradezu explodiert. Noch um die Jahrtausendwende lag der Anteil der Futures, mit denen gehedgt wurde, zwischen 20 und 30 Prozent des Gesamtvolumens, heute liegt er bei mehr als 80 Prozent. Weil in den Nullerjahren mit Aktien bekanntlich kein Geld verdient werden konnte, sind die Rohstoffe immer attraktiver geworden. Nicht nur die Profis machen da mit, auch Pensionskassen und Kleinanleger – meist über sogenannte ETFs – wollen daran teilhaben. Das hat das Gleichgewicht der Futuresmärkte aus dem Lot gebracht: Es setzen viel mehr Teilnehmer auf steigende Preise als auf fallende. Da hat zur Folge, dass auf den Futuresmärkten ein permanenter Preisdruck nach oben entstanden ist.
Stellen Sie sich vor, Sie wären Ölhändler: Würden Sie verkaufen, wenn Sie an den Futuresmärkten ablesen könnten, dass Sie bald einen besseren Preis erhalten? Eben. So verhalten sich auch die Händler in der Realität: Sie verkaufen nicht. Die hohen Preise auf dem Futuresmarkt treiben jetzt auch die Preise des Spotmarktes in die Höhe. Deshalb ist es richtig, dass der Ölpreis tatsächlich von Spekulation getrieben wird, aber es ist falsch, dafür einzelne Spekulanten verantwortlich machen zu wollen. Der Grund liegt in der «Finanzialisierung des Öls» und dem Ungleichgewicht auf dem Futuresmarkt - und daran sind indirekt auch Sie und ich beteiligt. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.04.2012, 15:47 Uhr
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14 Kommentare
Genau dieser Handel wird auch mit Lebensmitteln gemacht, z.B. Reis. Und dies hat zur Folge, dass selbst Grundnahrungsmittel preislich in die Höhe schiessen und für die Aermsten der Armen nicht mehr bezahlbar sind. Dieser Handel ist, nebst Krieg und Naturereignissen, mit ein Grund für die Hungersnot in dieser Welt und sollte eigentlich verboten werden. Antworten
Derivathandel im Öl krankt wie jeder andere auch: Es ist nicht einsichtig, wieso jemand etwas verkaufen kann, das er nie besessen hat. Derivathandel in jeder Form sollte wieder zu seinen Anfängen zurückgehen: Jeder muss den zugrundelegenden Wert besitzen oder doch zumindest einen Anspruch darauf haben. Antworten
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