Wirtschaft

Nun hilft nur noch Schuldenerlass

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 13.05.2011 69 Kommentare

Die Umschuldung wird kommen. Je früher, desto besser. Denn die griechischen Staatsschulden sind eine Gefahr für das ganze Bankensystem Europas.

Ein Land kommt nicht zur Ruhe: Ausschreitungen in Griechenland am 12. Mai.

Ein Land kommt nicht zur Ruhe: Ausschreitungen in Griechenland am 12. Mai.
Bild: Keystone

Artikel zum Thema

Artikel zum Thema

Stichworte

Stichworte

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Derzeit vergeht kein Tag, an dem uns nicht ein internationaler Starökonom überzeugend vorrechnet, dass Griechenland sich niemals aus eigener Kraft aus seinem Schuldensumpf befreien kann. Gerüchte über eine bevorstehenden Umschuldung sind inzwischen genauso allgegenwärtig geworden wie die Dementis aus Brüssel, Frankfurt und Athen, die prompt auf den Fuss folgen. Warum tun sich Griechenland und die Eurozone das noch länger an? Warum weigert man sich, das Offensichtliche anzuerkennen? Griechenland ist bankrott, eine Umschuldung kann nicht verhindert werden. Was soll also das Theater?

Fremde Experten entscheiden

Für die Griechen sieht die Lage wie folgt aus: Sie haben von der EU und vom Internationalen Währungsfonds (IWF) ein Hilfspaket in der Höhe von 110 Milliarden Euro erhalten. Im Gegenzug mussten sie ihre wirtschaftspolitische Eigenständigkeit aufgeben. Wie und wo gespart, restrukturiert und entlassen wird, darüber entscheiden inzwischen weitgehend fremde Experten. Ein Problem haben jedoch selbst diese klugen Köpfe nicht lösen können: Was passiert mit den griechischen Banken im Fall einer Umschuldung? Rund 70 Milliarden Euro oder ein Fünftel der Staatsschulden werden von einheimischen Finanzinstituten gehalten. Auch einheimische Pensionskassen haben diese Obligationen in ihren Büchern. Sie wären bei einem so genannten Haircut, einem teilweisen Schuldenerlass, genauso betroffen wie alle andern Gläubiger. Ob sie einen solchen Verlust verkraften könnten, ist mehr als fraglich. Daher würde eine Umschuldung den Griechen zunächst einmal eine schwere Bankenkrise und Verluste bei der Altersvorsorge bescheren, keine besonders verlockenden Aussichten.

Unwirsche Zentralbank

Auch EZB-Präsident Jean-Claude Trichet reagiert sehr unwirsch auf Fragen nach einer bevorstehenden Umschuldung Griechenlands. Er hat dafür gute Gründe: Die griechischen Staatsschulden sind eine tödliche Gefahr, die inzwischen das gesamte europäische Bankensystem bedroht. Niemand glaubt mehr daran, dass diese Schulden jemals zum vollen Preis zurückbezahlt werden, deshalb werden sie weitergereicht wie heisse Kartoffeln. Mehr noch: Jedes neue Umschuldungsgerücht in Sachen Griechenland hat sofort Folgen für die Staatsobligationen der beiden anderen gefährdeten Defizitländer Irland und Portugal. Selbst spanische und italienische Anleihen sind zunehmend betroffen. Dieser Dominoeffekt könnte zur Implosion des internationalen Finanzsystems führen. Experten vergleichen die Situation mit dem Kollaps von Lehman Brothers: Ein griechischer Haircut könnte zur Kreditklemme im gesamten Bankensystem führen, nur wäre diesmal die Situation viel schlimmer als im Herbst 2008.

Albträume löst die griechische Situation schliesslich auch bei den Politikern im Norden von Euroland aus. In Deutschland etwa haben Angela Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble ihren misstrauischen Mitbürgern das Hilfspaket mit dem Versprechen abgerungen, Griechenland würde damit im Frühling 2012 wieder auf eigenen Füssen stehen. Doch Griechenland hat keine Chance, in absehbarer Zeit auf dem Kapitalmarkt wieder Kredite zu vernünftigen Bedingungen zu bekommen. Das bedeutet, dass bald neue Hilfspakete geschnürt werden müssen. Rund 30 Milliarden Euro werden bereits für 2012 erwartet, und auch dieses Paket würde kaum das letzte sein. Griechenlands Wirtschaft wird unter den gegebenen Bedingungen noch lange auf Hilfe angewiesen sein. Wer aber glaubt, deutsche, finnische und niederländische Politiker könnten ihren Wählern eine endlose Reihe von Hilfspaketen an Griechenland verkaufen, lebt auf einem anderen Planeten.Die Griechen, die EZB und die Politiker in den nördlichen Staaten – alle haben gute Gründe, eine Umschuldung Griechenlands so lange wie möglich herauszuschieben. Dieser Tag wird trotzdem kommen, je früher, desto besser. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.05.2011, 22:01 Uhr

69

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

69 Kommentare

Markus Baumgartner

13.05.2011, 08:00 Uhr
Melden 91 Empfehlung

Wenn man die mediteranische Arbeitsmoral kennt, muss man sagen, dass das Ganze vorabsehbar war. Griechenland war noch nie eine Spitzenleistung wenn es ums Arbeiten ging ! Auch verschiedene Mittelmeerländer sind damit gemeint. Antworten


Susanne Beerli

13.05.2011, 07:39 Uhr
Melden 27 Empfehlung

Wir kennen die miserable Treffsicherheit dieser gehypten "Starökonomen". Die ewige Schwarzmalerei mag hier Klicks generieren, aber gegen eine Umschuldung von Griechenland sprechen zu viele Faktoren. Antworten



Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre

Telefonbuch

Marktplatz

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!