Wirtschaft

«Niemand mag die Banken»

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 06.10.2010 5 Kommentare

Bestsellerautor Michael Lewis erklärt, wie man an der Wallstreet erfolgreich aufs falsche Pferd setzen konnte. Und er sagt, dass alle besser dran wären, wenn die grossen Banken zerschlagen würden.

Alles verscherbelt: Mitarbeiter des Auktionshauses Christie's posieren mit einer Tafel der Pleite gegangenen Bank Lehman Brothers.

Alles verscherbelt: Mitarbeiter des Auktionshauses Christie's posieren mit einer Tafel der Pleite gegangenen Bank Lehman Brothers.

«Erhalten riesige Boni, ohne dass sie Verantwortung übernehmen müssen»: Wallstreet-Banker.

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Michael Lewis

Chronist der Wallstreet

Der 50-jährige Ex-Börsenhändler ist einer der renommiertesten Wirtschaftsautoren der USA. Er hat in Princeton und der London School of Economics studiert. 1985 wurde er Obligationenhändler an der Wallstreet, bei Salomon Brothers. Seine Erfahrungen schilderte er im Buch «Lügenpoker», das zu einem Klassiker wurde. Lewis verliess Salomon Brothers und wurde freier Autor. In seinem jüngsten Buch «The Big Short» kehrt Lewis zu seinen Wurzeln zurück und schildert, wie die Finanzwelt zu einem riesigen Kasino verkommen ist.

The Big Short – Wie eine Handvoll Trader die Welt verzockte. Campus. Fr. 38.90.

Mister Lewis, Sie waren selbst einmal ein Wallstreet-Banker. Wie geht es der Branche heute?
Wir wären alle besser dran, wenn die grossen Banken zerschlagen und gezähmt würden. Wenn Banken sozial nützlich sein sollen, dann muss der Beruf des Bankers langweilig sein.

Warum sind die Banken ausser Kontrolle geraten?
Sie sind viel grösser geworden. Als ich in den 80er-Jahren bei Salomon Brothers gearbeitet hatte, waren wir etwa 5000 Angestellte. Eine Bank wie Goldman Sachs beschäftigt heute sieben- bis achtmal mehr Mitarbeiter.

Es liegt nur an der Grösse?
Nein, die Banken geben sich zwar sehr viel Mühe, nach aussen zivilisiert und korrekt zu erscheinen. In finanziellen Dingen ist ihr Verhalten aber schlicht obszön geworden. Wir waren in den 80er-Jahren weiss Gott keine Sonntagsschüler. Aber was wir jetzt bei der Subprime-Krise von den Investmentbanken erlebt haben, hätten wir uns nie geträumt.

Wie erklären Sie das?
Das finanzielle Anreizsystem der Banken ist pervertiert. Die Banker erhalten riesige Boni, ohne dass sie Verantwortung übernehmen müssen. Sie wechseln pausenlos den Arbeitgeber – oft jährlich –, kassieren ab und sind nicht mehr da, wenn ihre Deals in die Binsen gehen. Sie haben überhaupt keine langfristige Beziehung mehr zu ihren Arbeitgebern. Deshalb ist ihnen das Schicksal der Unternehmen auch egal geworden.

Sie haben in Ihrem ersten Bestseller «Lügenpoker» die Wallstreet kritisch beschrieben. Sie wollten damit junge Menschen vor einer Bankerkarriere warnen. Trotzdem gingen immer mehr zur Bank.
Das ist tatsächlich mehr als ein Witz. Als ich für mein aktuelles Buch über die Finanzkrise zu recherchieren begann, habe ich immer wieder erlebt, dass mir Banker gesagt haben: «Ich spreche nur mit Ihnen, weil Sie der Autor von ‹Lügenpoker› sind und weil mich dieses Buch bewogen hat, einen Job an der Wallstreet zu suchen.» Ich habe dem Leser damals unterschwellig anscheinend die Botschaft vermittelt: Hey, du brauchst keine Ahnung vom Banking oder den Finanzmärkten zu haben, aber wenn du es schaffst, an der Wallstreet einen Job zu landen, kriegst du sofort sehr viel Geld.

Heute sind Sie einer der härtesten Kritiker der Wallstreet geworden. Im neuen Buch schildern Sie, wie die Wallstreet zum Kasino wurde.
Zu einem paradoxen Kasino. Selbst die Leute wurden reich, die auf das falsche Pferd gewettet hatten, beispielsweise Howie Hubler, ein Händler bei Morgan Stanley. Er hat mit seinen Spekulationen für seine Bank fast 10 Milliarden Dollar Verlust eingefahren, er selbst ist aber mit einem Bonus von 25 Millionen Dollar in Rente gegangen.

Besonders Goldman Sachs hat Ihren Hass auf sich gezogen?
Hassen ist übertrieben, aber Goldman Sachs hat sich zu einer Institution entwickelt, die mir Angst macht. Ihre Banker bilden eine Elite, sie gehören zu den «Besten und Klügsten», aber es mangelt ihnen an jeglichem Gefühl für soziale Verantwortung. Sie haben das Motto «noblesse oblige» der alten Elite vergessen uns sind stets nur bemüht, für sich selbst am meisten herauszuholen.

Handeln an der Wallstreetnicht alle so?
Doch, aber Goldman Sachs setzt den Standard, das ist verheerend. Sie sind die Erfolgreichsten, die Klassenbesten und werden von den andern kopiert.

Was für eine Rolle hat Goldman Sachs in der Finanzkrise gespielt?
Eine ganz entscheidende. Goldman Sachs hat die Versicherungsgesellschaft AIG dazu überredet, all diese wertlosen Subprime-Hypotheken zu versichern. Das war gewissermassen die Ursünde dieser Krise. Die Händler bei Goldman Sachs wussten ganz genau, dass es dumm war, was AIG tat. Für mich ist es – moralisch gesehen – schlicht widerlich, wenn man wissentlich ein anderes Unternehmen auf diese Weise und in diesem Umfang schädigt.

Setzt die Wallstreet nicht einfach um, was heute verlangt wird:Leistung um jeden Preis?
Diese Leute denken tatsächlich, sie würden so viel Geld erhalten, weil sie so viel leisten. Das System gaukelt ihnen vor, es belohne die Leistung. Die besten Schüler kommen nach Harvard, und die besten Studenten von Harvard enden bei Goldman Sachs, wo sie Unsummen von Geld verdienen. Diese Logik führt dazu, dass die Starbanker die Augen vor der sozialen Realität verschliessen.

Wie kann man das ändern?
Theoretisch hätte die Regierung die Banken und auch Goldman Sachs nicht retten sollen. Praktisch war dies unmöglich. Die Folgen wären zu katastrophal für alle gewesen.

Wie soll es weitergehen?
Der Eigenhandel der Banken muss strikt unterbunden werden. Banken muss klargemacht werden, dass sie nicht gleichzeitig Vermittler und Mitspieler sein dürfen. Sie können also entweder ihre Kunden beraten, wie sie investieren sollen, und dafür Gebühren kassieren: Oder sie können Hedgefonds sein, die selber spekulieren. Aber sie können nicht beides gleichzeitig sein, weil der Interessenkonflikt zu gross wird.

In den USA sieht das neue Finanzgesetz immerhin vor, dass nur noch drei Prozent des Eigenkapitals für den Eigenhandel eingesetzt werden dürfen. Genügt das nicht?
Es wird den Eigenhandel einschränken, doch ich hätte ihn ganz untersagt.

Was würde das für eine Bankwie Goldman Sachs bedeuten?
Sie müsste aufgeteilt werden in zwei Institutionen, in eine Beratungsfirma und einen Hedgefonds.

Wenn die Banker wie jene von Goldman Sachs so klug sind, werden sie nicht immer wieder Schlupflöcher finden?
Das ist tatsächlich ein Problem. Doch in den USA haben wir derzeit rund zehn Prozent Arbeitslose. Wir haben eine politische Landschaft, die kopfsteht, und sehr viele wütende Menschen auf der Strasse. Diese Krise ist noch lange nicht vorbei. In der Grossen Depression der Dreissigerjahre hat es auch vier Jahre gedauert, bis der Glass-Steagall-Act eingeführt wurde – ein Gesetz, das die Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken eingeführt hat.

Wie beurteilen Sie die Rolle der beiden Schweizer Grossbankenin der Subprime-Krise?
Die Credit Suisse hat sich offensichtlich gut geschlagen, die UBS gehörte zu den letzten Idioten am Pokertisch . . .

. . . zusammen mit den deutschen Banken.
Deutsche Banken haben die grössten Verluste eingefahren. Nicht die Deutsche Bank – sie hatte Glück –, sondern Institute wie Hypo Real Estate oder die Landesbanken. Es ist für mich überhaupt eine seltsame Nebenerscheinung dieser Krise, dass die Mehrheit der schlechten Deals bei deutschen Banken gelandet ist. Das gilt nicht nur für Subprime-Papiere, sondern auch für griechische Staatsanleihen und Hypotheken von Zweithäusern in Spanien.

Gibt es dafür eine Erklärung?
Die Deutschen sind sehr gut, wenn es darum geht, Wohlstand zu schaffen, aber offenbar weniger talentiert, wenn es darum geht, ihn zu verwalten.

Warum werden Banker eigentlich nie zur Rechenschaft gezogen?
Die furchterregende Wahrheit ist die: weil sie mit grösster Wahrscheinlichkeit keine Gesetze verletzt haben, zumindest in den USA nicht. Das Klügste, was wir deshalb tun können ist: wütend sein darüber, was geschehen ist, und dafür sorgen, dass es nie wieder passiert.

Wird die andauernde Krise politische Konsequenzen haben?
Gefährlich ist, dass viele Menschen diese Krise mittlerweile als eine Art Verschwörung von Regierung und Wallstreet sehen. Die Mitglieder der Tea-Party-Bewegung glauben tatsächlich, dass Präsident Obama mit den Banken unter einer Decke steckt. Sein Problem ist: Wie kann er den Menschen glaubhaft machen, dass die USA ohne die Rettungsmassnahmen wahrscheinlich in eine Depression abgestürzt wären und wir noch sehr viel mehr Arbeitslose hätten?

Glauben Sie, dass es zu sozialen Unruhen kommen wird?
In den USA kaum, das Wohlstandsniveau ist dazu noch zu hoch. Wenn es aber Jahre so weitergehen sollte, wird es mit Sicherheit zu politischen Reaktionen führen, denn niemand mag die Banken, auch die Republikaner nicht.

Die Banken machen dennoch weiter wie bisher.
Derzeit werden viele Banker gefeuert. Die Profite sind im Keller. So toll geht es den amerikanischen Banken nicht. Auch das neue Finanzgesetz war nur möglich, weil die Wut der Menschen so gross ist. Und die amtlichen Untersuchungen über die Ursachen der Krise werden erst 2011 veröffentlicht. Warten wir ab. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.10.2010, 09:49 Uhr

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5 Kommentare

Andreas Moser

06.10.2010, 11:30 Uhr
Melden

Bis jezt war nur Vorgeplänkel! Der Krug (Bank) geht solange zum Brunnen, bis er bricht! Hinter den Papierwerten stehen nur Schulden! Die Flucht aus den Papier- in echte Sachwerte folgt bald: Crack up Boom! Nach dem Crash im Kondratieff-Frühling wird es keine Kredite mehr geben und der Goldstandart wird wieder eingeführt werden. Antworten


Ursula Jungo

06.10.2010, 11:39 Uhr
Melden

Sparen mit Banken geht schon lange nicht mehr! Jeder verliert nur! Gold kaufen, das ist das Beste! Antworten



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